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Spekulationsobjekt Tennistalent

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Von: Jürgen Ahäuser

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Geschlagen: Tommy Haas.
Geschlagen: Tommy Haas. © afp

Vor mehr als 20 Jahren investierten der Journalist Helmut Markwort und 14 andere Personen in Tommy und Sabine Haas - ein rentables Geschäft für fast alle. Tommy überstand die damalige öffentliche Fleischbeschau.

Alle lieben Tommy. Es ist beinahe so wie damals bei unser aller Boris. Aber der Boris bleibt einmalig, und die Geschichte über den Tommy ist ja eine ganz andere. Thomas Haas hat in einem Alter bereits Tennis-Schlagzeilen gemacht, als Boris Becker noch unbeobachtet von der Öffentlichkeit Wutausbrüche im Leistungszentrum in Leimen haben durfte. Tommy Haas war 12 Jahre alt, als er mit seiner drei Jahre älteren Schwester Sabine ins ferne Amerika zog. Seine Heimat war fortan das, was man heute neudeutsch ein Boot-Camp nennt. Der Schleifer im Tennis-Lager in Florida hieß Nick Bolletieri, war Fallschirmspringer und Vietnamkämpfer. Bolletieri trainierte gerne mit freiem Oberkörper und hätte wunderbar das Top-Model für Tiroler Nussöl werden können.

Der Knirps, der damals auf der anderen Seite des Netzes stand, ist heute 35 Jahre alt und verlor im Viertelfinale der French Opengegen den Weltranglistenersten Novak Djokovic. Ohne sein Talent, ohne seinen Durchhaltewillen, ohne seinen (über-)ehrgeizigen Vater Peter und ohne Leute, die mal als skrupellose Spekulanten, mal als (fast) uneigennützige Talentförderer angesehen werden, hätte es diesen nun wieder viel bestaunten Weg in den goldenen Karriere-Herbst nicht gegeben.

Haas Senior - ein phantasievoller Finanzartist

Zu den Personen, die vor mehr als 20 Jahren an das „Riesentalent“ Tommy Haas glaubten, gehörte auch Helmut Markwort. Markwort ist Gründer-Chefredakteur und bis heute Herausgeber des Focus. Der Journalist gehörte Anfang der 90er Jahre zu einem Kreis von 15 nicht ganz armen Leuten, die je 10 000 Mark in die Talentförderung von Thomas und Sabine Haas investierten. „Mit großer Sympathie und Freude“, blickt Markwort in diesen Tagen nach Paris, wo der beste deutsche Tennisprofi im zarten Alter von 35 Jahren Sportgeschichte schreibt. Erst kürzlich hat Markwort Haas in München getroffen. „Wir haben uns sehr nett und sehr herzlich unterhalten“, teilt er sehr red- und leutselig am Telefon mit. Das war nicht immer so. Und der Grund dafür ist Peter Haas, „der ja nicht gerade die beliebteste Erscheinung auf den Tennisplätzen ist“, wie der einstige Sponsor der Familie sagt.

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Vater Peter hatte einen großen Wunsch. Er wollte reich, ein bisschen berühmt, aber auf alle Fälle ein Ferrari-Fahrer werden. Der gebürtige Österreicher ist Tennislehrer, war ein passabler Judoka, Leute aufs Kreuz legen spielt demnächst noch eine Rolle, und er war zu Beginn der 90er Jahre ein phantasievoller Finanzartist. Zusammen mit einem Journalisten heckte der Grazer ein Anlagemodell aus, das seinen beiden talentierten Kindern Tommy und Sabine die beste Tennisausbildung und ihm die Erfüllung seiner Wünsche ermöglichen sollte. Haas gründete die Tosa GmbH, fand 15 Geldgeber, die in fünf Jahren je 50 000 Mark in das kindliche Investment steckten und sich eine erkleckliche Rendite von 15 Prozent der Einnahmen aus Preisgeldern und Werbeeinnahmen bis 2004 erwarteten. Bekanntester Investor damals wie heute eben Helmut Markwort.

Öffentliche Fleischbeschau

Teenager gehandelt an einer kleinen Privatbörse wie Schweinehälften oder Goldbarren an den großen Handelsplätzen dieser Welt? Das Finanzierungsmodell erregte die Gemüter und es setzte die Haas-Kinder unter einen ungeheuren Druck. Thomas Haas hat der frühen öffentlichen Fleischbeschau standgehalten, er hat immer so getan, als wüsste er nichts von der viel diskutierten Ausbildungsförderung („interessiert mich nicht“), seine Schwester Sabine hat 1998 ihre Karriere resignierend vor dem hohen Erwartungsdruck aufgegeben.

Von Förderung von Kinderarbeit oder Sklavenhandel kann nach Ansicht von Markwort nicht die Rede sein. „Moralisch war das einwandfrei“, sagt Markwort und sieht sich durch das Urteil des Münchner Landgerichts von 2003 bestätigt. In den Verträgen sei auf Wunsch der Investoren festgehalten worden, dass beide Haas-Kinder jederzeit und ohne Angaben von Gründen mit dem Tennis aufhören könnten. „Das hat auch das Gericht beeindruckt“, glaubt Markwort. Peter Haas sei bis heute „ein schwieriger Typ“, der 1999, als die Prämien reichlich flossen, keine Lust gehabt habe, etwas von dem Geld abzugeben. Haas Senior führte die Tosa GmbH mutmaßlich in einen geplanten Bankrott.

Investoren klagten

Die Investoren klagten und bekamen recht. Die Justiz sprach den Sponsoren eine Summe von über 500.000 Euro zu. Wie viel genau für jeden der Anleger übrig blieb, will Markwort „schon aus Rücksicht den anderen gegenüber nicht sagen“. Am Ende habe es sich doch doppelt gelohnt. „Die Förderer haben verdient, wobei es mir darum nicht in erster Linie ging, und Deutschland hat wieder einen bewunderten Tennis-Star.“

An dem sehr speziellen Finanzakt hätten viele Leute aus der ganzen Welt Interesse gezeigt. „Ich habe den Vertrag einige Male vorgezeigt, aber mir ist nicht bekannt, dass ein ähnliches Projekt gelungen ist.“

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