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Emanuel Buchmann fühlt sich in den Bergen am wohlsten.

Vuelta

Spanische Reifeprüfung

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Emanuel Buchmann gilt als größtes deutsches Rundfahrertalent, bei der Spanien-Rundfahrt soll er sich für größere Aufgaben empfehlen ? der Start verlief vielversprechend.

Ein kurzes Statement musste am Ende doch sein. Er habe einfach gute Beine gehabt, hätte den Schlussanstieg gekannt und habe es einfach probiert, ließ Emanuel Buchmann im Ziel der 4. Etappe der Vuelta a Espana wissen. Er verzog keine Mine, sein Blick konzentriert auf den Fragesteller gerichtet. Dabei hätte ihm keiner ein breites Grinsen verübelt, Buchmann hatte so eben bei der ersten Bergankunft die Konkurrenz düpiert und war auf Platz zwei der Gesamtwertung vorgefahren. Doch emotionale Ausbrüche oder große Worte sind nicht so seine Sache.

Zuletzt war es ruhig geworden um Buchmann. Die beiden großen Rundfahrten in dieser Saison aus deutscher Sicht, die Tour de France sowie die Neuauflage der Deutschland-Tour, fanden ohne den Ravensburger statt. Andere deutsche Fahrer fuhren sich in dieser Zeit in den Vordergrund und ins Medieninteresse. 

Der Verzicht auf diese Rennen kann für einen ambitionierten Profi selbstredend kein Dauerzustand sein. Ganz ungelegen dürfte Buchmann die Saisonplanung in diesem Jahr aber nicht gekommen sein. Er und sein Team wählten in diesem Jahr die hierzulande weniger populäre Vuelta a Espana, dem spanischen Pendant zur Tour de France, zu seinem Saisonhöhepunkt.

Zum einen aus sportlichen Gründen, die Vuelta gilt als extrem bergig und kommt Buchmanns Fähigkeiten entgegen. Anderseits auch aufgrund des überschaubaren heimischen Medieninteresses. „Da kann man etwas entspannter an die Aufgabe herangehen, bei der Tour steht man als deutscher Fahrer schon sehr im Fokus. Bei der Vuelta sind nicht so viele Augen auf einen gerichtet“, sagt Buchmann.

Die Spanien-Rundfahrt ist dabei als wichtiger Meilenstein in der Entwicklung des 25-Jährigen vorgesehen. Es ist eine Art Reifeprüfung, denn Buchmann soll erstmals die Top Ten der Gesamtwertung einer großen Rundfahrt erreichen. „Wenn es optimal läuft, dann kann aber auch mehr drin sein“, glaubt der Profi der Equipe Bora-hansgrohe. Für ihn spricht, dass er frisch und top vorbereitet durch zwei Höhentrainingslager in die Rundfahrt geht – vielen Konkurrenten steckt hingegen die Tour in den Beinen. 

Darüber hinaus gibt der Ravensburger sein Debüt als Kapitän bei einer dreiwöchigen Landesrundfahrt und muss lernen, eine Mannschaft zu motivieren und zu führen. „Es ist Neuland für ihn“, sagt sein Teamchef Ralph Denk, „wir wollen sehen, wie er damit umgeht, ihn aber auch bestmöglich unterstützen, damit er die richtigen zwischenmenschlichen Worte an seine Kollegen findet.“

Buchmann, einst Handballer, ehe er mit 14 Jahren mit dem Radsport begann, gehört seit 2015 zum Team von Denk. Gleich im ersten Jahr gewann er den deutschen Meistertitel, gab sein Tour-de-France-Debüt und beendete eine Pyrenäen-Etappe als Tagesdritter. Für Denk ein „idealer Einstieg“ in die Karriere. Allerdings bringen frühe Resultate gleichzeitig große Versprechungen mit sich. Und das Label „Rundfahrthoffnung“ war zuletzt eher Bürde als Privileg für deutsche Radprofis. Denn der hiesige Radsport sehnt sich nach einem bergfesten Fahrer, produziert bislang aber vor allem Sprinter und Zeitfahrer. Über viele Jahre diktierten Marcel Kittel oder André Greipel sowie Tony Martin als Zeitfahrer die Weltspitze und gewannen reihenweise Etappen bei der Tour de France. In Sachen Gesamtwertung fuhren deutsche Profis indes hinterher. Ein 15. Gesamtplatz von Buchmann bei der Tour 2017 bedeutete das beste Resultat in den vergangenen acht Jahren. 

Die Gründe sind vielfältig. Sprinter oder Zeitfahrer empfehlen sich bereits in den Amateurklassen frühzeitig durch etliche Erfolge für einen Profikontrakt, ein talentierter Bergfahrer braucht hingegen länger in seiner Entwicklung – und schafft bis zum Ende der Amateurzeit oft nicht den Durchbruch. 

Zusätzlich sind die meisten Nachwuchsrennen in Deutschland nicht optimal auf Bergfahrer zugeschnitten. Buchmann ist daher eine Rarität. Und ein gefragter Mann. Doch das Spiel mit den Medien liegt ihm nicht besonders. Interviews und Pressetermine seien nicht seine Lieblingsdisziplin, sagte er einmal. „Emanuel ist, wie er ist. Mir gefällt er gut so. Und was er sagt, hat schon Hand und Fuß“, sagt der 45-Jährige Denk.

Buchmann ist talentiert, aber kein Überflieger, weiß sein Teamchef: „Es geht stetig bergauf. Nicht in wahnsinnig großen Schritten. Aber immer Stück für Stück.“ Im Vorjahr fuhr er beim Criterium du Dauphine erstmals auf Augenhöhe mit den besten Rundfahrern und gewann die Nachwuchswertung. In diesem Jahr folgten weitere Top-Ten-Platzierungen bei einwöchigen Rundfahrten.

Nur auf der ganz großen Bühne, den dreiwöchigen Landesrundfahrten, fehlt ihm bislang der Durchbruch. Denk sieht nach eigener Aussage aber keinen Druck für Buchmann, dem das Trainerteam hervorragende Leistungswerte und Regenerationsfähigkeiten bescheinigt. 

Dennoch steht der Teamchef auch für ehrgeizige Ziele, begann 2009 mit seinem Rennstall drittklassig und zählt inzwischen zu den besten Mannschaften im Sport. Der Kader wurde entsprechend über die Jahre aufgerüstet. Der Österreicher Patrick Konrad belegte bei der dreiwöchigen Italien-Rundfahrt im Mai Platz sieben, und zuletzt verstärkten zwei weitere Spezialisten das Team, Rafal Majka, einst Gesamtdritter der Vuelta, sowie Davide Formolo. Denk glaubt allerdings nicht, dass Buchmann der erfolgreichen Teamentwicklung zum Opfer fällt: „Emanuel ist bei mir im Team Profi geworden und mir liegt auch persönlich was an ihm. Wir planen mit ihm in der Zukunft.“

Wie weit es für Buchmann irgendwann gehen wird, mag keiner zu prognostizieren. Aussagen in Richtung eines Tour-de-France-Sieges sind vermessen, eine Top-Ten-Platzierung beim größten Radrennen der Welt traut man ihm aber allemal zu. 

Zumindest 2019 stellt Denk seinem Schützling eine Rückkehr zur Tour in Aussicht. Als Kapitän, gewachsen an den Erfahrungen bei der Vuelta. So zumindest hofft er. Die ersten Eindrücke aus Spanien sind vielversprechend. 

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