Die Gesichter des Größenwahns: Neymar (rechts) und Kylian Mbappé von Paris Saint-Germain.
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Die Gesichter des Größenwahns: Neymar (rechts) und Kylian Mbappé von Paris Saint-Germain.

Football Summit in Frankfurt

Spanien will Katar "den Gashahn zudrehen"

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Beim Kongress Football Summit in Frankfurt warnt La-Liga-Boss Madrano angesichts der Neymar-Millionen vor einem "Dominoeffekt, der den europäischen Fußball destabilisieren wird".

Der Präsident der spanischen Liga hat beim International Frankfurt Football Summit der „FAZ“ die „inflationäre Spirale“ im europäischen Spitzenfußball gegeißelt. Javier Tebras Medrano warnte bei dem Kongress in der Villa Kennedy angesichts der Investitionen von Paris Saint-Germain und Manchester City vor einem „Dominoeffekt, der den europäischen Fußball destabilisieren wird“.

La-Liga-Boss Medrano beschrieb, dass Topklubs wie Bayern München, Real Madrid und der FC Barcelona „mit dem sprudelnden Gas aus Katar“ nur noch annähernd mithalten könnten, wenn sie die Verteilungsmodalitäten in der Champions League zunehmend zu ihren Gunsten ändern und so den Wettbewerb in den nationalen Ligen zerstören. „Die Struktur des Fußballs wird kaputtgemacht. Wir dürfen nicht zulassen, dass staatlich finanzierte Klubs das Fußballgefüge auseinanderreißen. Wir müssen die nationalen Ligen vor diesen Entwicklungen schützen. Wir müssen den Gashahn zudrehen.“ Für den Emir von Katar handele es sich keinesfalls um eine „kleine Leidenschaft, das ist eine Industrie“, das Gebaren des Scheichs sorge im Fußball für „Finanzdoping“.

Rummenigge widerspricht Medrano

Jacques-Henri Eyraud, Vorstandschef von Olympique Marseille, bezeichnete es dagegen als „wunderbar, dass Neymar bei uns in der Liga spielt.“ Das Ansehen der französischen Ligue 1 werde „dadurch enorm steigen“, viele französische Klubs würden davon profitieren. „Ich warne davor, von Finanzdoping zu sprechen.“ Neymar sei inzwischen gar 247 Millionen Euro wert.

Medrano seinerseits wies ausdrücklich darauf hin, seine Erkenntnisse seien nicht erst seit dem 222-Millionen-Euro-Transfer gewachsen, sondern schon viel länger offenkundig. „Wir haben die vergangenen fünf Spieljahre intensiv analysiert.“ Manchester City habe in diesem Zeitraum eine Milliarde Euro in Ablösesummen investiert, Paris kaum weniger. Beide Klubs zahlten „keine Marktpreise, sondern Preise, die weit darüber liegen“. Er sei „skeptisch“, dass die Uefa mit ihren Financial Fairplay-Regelungen Einhalt gebiete.

Dem widersprach Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge: So, wie er den neuen Präsidenten der Uefa einschätze, würde Aleksander Ceferin „klar“ gegen Verletzungen des Financial Fairplay vorgehen. „Die Uefa wird nicht zusehen, Herr Ceferin wird auch einen unbequemen Weg gehen.“ Es sei, so Rummenigge, „Zeit, dem Fußball eine neue Kultur zu geben“. Dazu bedürfe es der Unterstützung der europäischen Politik, die dies mit Verweis auf den freien Wettbewerb vor sieben Jahren bei Einführung des Financial Fairplay noch abgelehnt habe. „Da war ich mehrfach mit dem damaligen Uefa-Präsidenten Michel Platini in Brüssel und habe mir einen Korb geholt.“ Inzwischen sei die Einsicht in der Politik, dass der Fußball einen eigenen Status benötige. Der Wettbewerb müsse „rationaler werden, um die Öffentlichkeit nicht zu überfordern“.

Der Bayernboss selbst wirkte dagegen wenig alarmiert über die Neymar-Ablöse: „Wir müssen uns auch die Verhältnismäßigkeit ansehen. Vor 15 Jahren wurde Zinedine Zidane für 75 Millionen Euro transferiert, der FC Bayern hatte seinerzeit einen Umsatz von 137 Millionen“, also nur doppelt so viel. Jetzt seien die Neymar-Millionen ins Verhältnis zu jenen 640 Millionen Euro zu setzen, die der FC Bayern im Jahr einnehme. Dennoch macht sich Rummenigge nichts vor: „Paris wird den Titel in der Champions League anstreben, für den FC Bayern wird es schwieriger, als es noch vor drei Jahren der Fall war.“

Rummenigge schlug vor, die 50-plus-eins-Regel in der Bundesliga abzuschaffen. „Wir sind der letzte der Big five, der sich noch den Luxus leistet, dass bei uns nicht uneingeschränkt freies Kapital in Joint Ventures mit den Klubs gesteckt werden darf.“ Er fürchte, dass diese Diskussion in Deutschland erst dann ernsthaft geführt würde, „wenn wir in eines ernsthafte Krise gelangen“. In der Bundesliga gäbe es „eine romantische Sicht auf den Fußball, das ist in anderen Ländern anders“, dort würde „viel weniger Rücksicht“ auf Belange der Fans genommen. „Ich finde diesen Weg sympathisch, aber wir werden nicht alles aussitzen können.“

Rettig: 50+1-Regel „sportpolitisches Statement“

Marco Bode, der Aufsichtsratschef von Werder Bremen, ist der gleichen Meinung wie Rummenigge. Bode verwies darauf, dass die 50-plus-eins-Regel, die eine Übernahme von finanzkräftigen Investoren unmöglich macht, nicht für alle Bundesligaklubs gelte. Bayer Leverkusen, der VfL Wolfsburg, die TSG Hoffenheim und RB Leipzig sind ausgenommen. „Das ist so, als wenn du beim 110-Meter-Hürden-Sprint auf vier Bahnen keine Hürden stehen hast.“ Der Leipziger Vorstandsvorsitzende Oliver Mintzlaff widersprach: „Es gibt in der Bundesliga keine Wettbewerbsverzerrung.“ Beim Engagement von Red Bull für den Klub handele es sich um „fair value“, der Brausebrauer aus Österreich investiere nicht mehr Kapital in RB Leipzig, als er dafür als Werbewert zurückbekäme. Das habe die Uefa ausdrücklich bei der Prüfung aufgrund der Financial Fairplay-Regelung bestätigt.

Andreas Rettig vom FC St. Pauli bezeichnete die 50-plus-eins-Regel als „sportpolitisches Statement“. Sollte die Regel fallen, könnte „nicht mehr zwischen guten und schlechten Investoren differenziert werden. Dann verlieren wir unsere gesellschaftliche Bedeutung“. Und: „Dann würde die Schere zwischen erster und zweiter Liga noch mehr auseinandergehen“, denn Investoren seien vor allem an der Eliteliga interessiert. „Dann haben wir bald einen Closed Shop.“ Martin Kind sieht es anders: „Ich empfehle auch im Hinblick auf den europäischen Wettbewerb, die 50-plus-eins-Regel zu beenden.“ Für eine derartige Satzungsänderung müssten zwei Drittel der 36 Bundesligaklubs votieren.

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