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Zieht gerne die „Momo-Show“ ab: Frankfurts Spielmacher Lamont Jones.

Lamont Jones

Der Chefkoch der Skyliners

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Lamont Jones ist der Dreh- und Angelpunkt der Frankfurter Basketballer, ist Topscorer der BBL, steht leidenschaftlich gerne in der Küche und blickt auch über den Tellerrand hinaus

Lamont Jones wusste anfangs nicht, wie er sich verhalten sollte. „Ich hatte ein wenig Angst“, berichtet der Aufbauspieler der Frankfurt Skyliners über den Besuch im Kinderhospiz Bärenherz am Mittwoch in Wiesbaden mit der gesamten Mannschaft und den Büromitarbeitern. Der Basketballprofi traute sich anfangs nicht, eines der Kinder, die meisten sind mit schweren Gendefekten auf die Welt gekommen und haben eine kurze Lebenserwartung, zu berühren oder zu umarmen, weil er befürchtete, ihnen weh zu tun.

Erst als die Mutter des kleinen Finn dem 29-Jährigen sagte, dass er sich keine Sorgen machen braucht, nahm er das Baby auf den Arm, spielte mit den schwächlichen kleinen Fingern des Jungen und unterhielt sich sehr lange mit dessen Mutter und der großen Schwester. Die Begegnung hat den US-Amerikaner tief bewegt und alte Erinnerungen geweckt. Jones Ex-Freundin hat vor knapp fünf Jahren eine Totgeburt zur Welt gebracht, er selbst war zu der Zeit in Japan, seiner ersten Profistation. „Ich wüsste nicht, ob ich stark genug gewesen wäre, damit klarzukommen, wenn ich meinen toten Sohn in den Armen gehalten hätte“, sagt er. „Vielleicht hilft mir die Begegnung mit Finn, meine alten Wunden zu heilen.“

Seit einem Jahr ist er Vater einer Tochter, benannt hat er sie nach ihrem Geburtsland Deutschland, nur die englische Schreibeweise hat er abgewandelt – Jermani. „Ich schätze sie jetzt umso mehr“, sagt Jones, der sich in den Weihnachtsferien auf den Besuch seiner Freundin mitsamt Töchterchen freut.

Schicksalsschläge verkraften zu müssen, ist im Leben von Lamont Jones nichts Neues. Geboren ist er in Harlem, New York. „In der Hood“, ist er mit allen Gewalt- und Drogenproblemen in der Nachbarschaft seit der frühesten Kindheit konfrontiert worden. „Ich habe alles gesehen“, sagt er. Sein Vater ist zwei Blocks von seinem Wohnhaus entfernt erschossen worden, da war Momo, wie sein Vater ihn immer rief, acht Jahre alt. „Er hat allen Spitznamen gegeben. Warum er mich Momo genannt hat, werde ich nie herausfinden“, sagt Jones, der dank seiner Fokussierung auf den Basketball nie in große Schwierigkeiten gekommen ist.

Sein Spitzname ist auf den Freiplätzen in New York noch um das Wörtchen Show erweitert worden, weil er es schon immer geliebt hat, aufreizend zu spielen. „Die Leute denken, wenn sie mich sehen, dass ich außerhalb des Parkett auch so verrückt sein muss“, sagt Jones. „Ich unterhalte die Leute gerne. Aber was sie sehen, ist nicht, was ich sehe.“ „Die Momo-Show“ zeigt er auch im Trikot der Frankfurt Skyliners, für die er seit diesen Sommer spielt. Der 1,83-Meter-Mann ist Topscorer der Basketball-Bundesliga (BBL) mit 20,2 Punkten im Schnitt, er nimmt die meisten Würfe aller Spieler (14,7), verteilt 5,2 Assists und steht am drittlängsten aller BBL-Profis auf dem Parkett (32:20 Minuten). Kurzum: Er ist der Dreh- und Angelpunkt im Spiel der Hessen - und das unverhofft als Spielmacher.

„Ich liebe die Freiheit, das Tempo zu kontrollieren“

Eigentlich sollte Anthony Hickey das Team als Point Guard anführen. Der US-Amerikaner verletzte sich jedoch kurz vor Saisonbeginn und fiel erst einmal zwei Monate aus. Seine Integration in das Team verlief dann sogar so schlecht, dass sich die Skyliners vergangene Woche von ihm trennten. „Es war nicht von mir erwartet worden, als ich hierherkam, aber auf der Eins zu spielen ist meine natürliche Position“, sagt Jones, der eigentlich als Combo-Guard geholt wurde. Zeit seiner Karriere – sei es in Japan, Katar, Saudi-Arabien, Finnland oder Montenegro – spielte er auf der Aufbauposition. Die einzige Ausnahme waren die vergangenen zwei Jahre beim Mitteldeutschen BC aus Weißenfels und in Ludwigsburg. „Ich liebe es, den Ball in der Hand zu haben, die Freiheit das Tempo zu kontrollieren und meine Mitspieler in die Positionen zu bringen, wo ich sie haben will“, sagt Jones.

Wie die Hessen Hickey ersetzen wollen, ist noch offen. Lamont Jones sieht seine Rolle jedenfalls glasklar: „Ich sehe nicht, warum ich nicht der Point Guard dieses Teams sein sollte.“ Cheftrainer Sebastian Gleim findet, dass dem Team „nur ein kleines Puzzleteil“ fehlt, um knappe Partien wie zuletzt in Würzburg (67:68) zu gewinnen. Ein wenig mehr Ordnung, ein wenig mehr Präzision beim Wurf oder ein bisschen mehr Härte beim Rebound. „Wir recherchieren im Sinne der Mannschaft nach einem Spieler, der uns besser macht, aber die anderen nicht ins Stagnieren bringt“, sagt Gleim. Das muss nicht unbedingt ein neuer Point Guard sein. Vor dem Duell am heutigen Samstag (18 Uhr) in der Ballsporthalle gegen den Tabellendritten Bamberg wird jedenfalls kein neuer Spieler da sein. Die Skyliners sind Zehnter und spielen mit der Ausnahme von zwei Partien, als Hickey mitwirkte, nur mit vier Ausländern, so wenige wie kein Team in der BBL.

Lamont Jones hat sich darüber gar keine Gedanken gemacht. „Auch wenn es nicht immer schön ist, wie wir spielen, haben wir schon gezeigt, dass wir es können. Wir müssen es nur auf eine konstante Basis bringen.“ Der Teamgeist sei jedenfalls überragend, so gut hat er das zuletzt auf der High School empfunden. Dass er selbst so gut spielt, führt er auf seine zweite Leidenschaft zurück – das Kochen. „Irgendwann habe ich trainiert und mir gedacht, wenn ich mich vielleicht besser ernähre, fühle ich mich auch besser.“

Also begann er vor mehr als einem Jahr zunächst Meeresfrüchte und Fisch selbst zuzubereiten, später kam Hühnchen dazu und mit jeder Mahlzeit verfeinerte er seine Qualitäten als Koch. So wie er beim Essenmachen auf die exakte Abstimmung der Zutaten oder die richtige Temperatur achten muss, so hat er seine Einstellung zum Basketball angepasst. „Früher habe ich einfach geworfen, während in meinem Kopf tausend Gedanken waren. Heute spiele ich smarter und denke über alles nach, was ich mache.“ Bei den Frankfurt Skyliners ist Chefkoach Lamont Jones womöglich so gut wie noch nie in seiner Karriere. „Ich habe hier die Möglichkeit, etwas Spezielles zu tun“, sagt er.

Speziell dürfte heute auch die erneute Begegnung mit dem kleinen Finn werden. Jones hat ihn und seine Familie zur Partie gegen Bamberg eingeladen.

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