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Einer der Grenzgänger auf Skiern: Nils Allegre.

Wintersport

An der Grenze

Der Skirennsport frisst mit der Tempohatz seine Kinder.

Thomas Dreßen, derzeit selbst ein Skirennläufer im Krankenstand, ist es schon vor ein paar Wochen aufgefallen. An den Wochenenden schaut er ja zu, was die Kollegen machen, entweder im Fernsehen oder live vor Ort wie zuletzt in Kitzbühel – doch von Mal zu Mal stehen weniger Läufer am Start. „Es ist echt brutal“, sagt der Kitzbühel-Sieger, „in jedem Rennen erwischt es einen oder zwei.“

Vor allem die alpine Königsdisziplin, die Abfahrt, frisst derzeit ihre Kinder. Die beängstigende Entwicklung ist spätestens in Kitzbühel auch Markus Waldner aufgefallen, dem Renndirektor des Weltverbandes FIS. „Jedes Rennen verlieren wir zwei Läufer. Wir müssen uns da Gedanken machen“, sagte der Südtiroler und fügte hinzu: „Es ist unser Job für die Zukunft, in die richtige Richtung zu arbeiten und diese Zahl zu minimieren.“

Was Waldner sagen will: Es muss dringend über die Pistenpräparierung gesprochen werden, auch über die Ausrüstung. DSV-Cheftrainer Mathias Berthold nennt die Entwicklung „bedenklich“ und fordert ein Umdenken. „Es wäre wichtig, das Tempo zu reduzieren“, sagt er. Der Fan auf der Couch sehe ohnehin nicht, „ob der Athlet mit 140 oder 120, 110 runterfährt“.

Dadurch könne die Sturzgefahr reduziert und die -Heftigkeit verringert werden. Denn es sind keineswegs nur Läufer aus der zweiten Reihe, die sich im Krankenstand befinden. Dreßen erlitt im Dezember in Beaver Creek einen Kreuzbandriss, weil er knapp abseits der Ideallinie in weichen Schnee geriet. „Berufsrisiko“, sagt er – doch die Zahl der Ausfälle ist auffällig.

Vergangene Woche trat der Schweizer Patrick Küng zurück, Weltmeister von 2015: Nach einem Sturz auf der Lauberhorn-Abfahrt in Wengen, bei dem er eine Gehirnerschütterung erlitt, hatte er genug. In Kitzbühel, wo die Streif schon traditionell sehr ruppig daherkommt, erwischte es gleich mehrere Spitzenfahrer. Kjetil Jansrud (Norwegen) zog sich im Training einen Handbruch zu. Max Franz (Österreich), Mitfavorit für das Rennen und die WM in Are/Schweden (5. bis 17. Februar), erlitt an einer Welle einen derart heftigen Schlag, das ihm das rechte Fersenbein brach.

Andere waren gar nicht erst am Start. Olympiasieger Aksel Lund Svindal (Norwegen) wollte seinen arg lädierten Knie die Streif nicht mehr zumuten, ebenso wenig die schwere Kandahar in Garmisch-Partenkirchen am Samstag.

Pausieren müssen auch Olympiasieger wie Carlo Janka (Schweiz), dessen Landsmann Marc Gisin nach seinem Horrorsturz in Gröden oder der Südtiroler Peter Fill, zweimaliger Gewinner des Abfahrtsweltcups.

Von den 40 Läufern, die vor Saisonbeginn unter den ersten 40 der Weltrangliste waren, fehlt momentan mindestens ein Dutzend. Der zweifache Weltmeister Erik Guay trat im November spontan in den Ruhestand, als sich Teamkollege Manuel Osborne-Paradis im Training den Unterschenkel brach. Emanuele Buzzi (Italien) zog sich beim Sturz im Zielraum von Wengen einen Kniescheibenbruch zu, Steven Nyman (USA) hofft nach einem Sturz auf die WM. Bei den Frauen sieht es nicht besser aus. Die langjährige Speed Queen Lindsey Vonn (USA) quälte ihren arg lädierten Körper auf der Zielgerade ihrer erfolgreichen Karriere zuletzt vergeblich.

Olympiasiegerin Anna Veith riss sich wie drei ihrer österreichischen Kolleginnen das Kreuzband, am Sonntag verletzte sich die Schweizer Olympiasiegerin Michelle Gisin in „GAP“ am Knie – WM-Aus. Auch die Deutschen sind stark betroffen.

Dreßen fällt aus, auch Andreas Sander erlitt einen Kreuzbandriss. „Es ist verdammt hart“, sagt Berthold. Am schlimmsten treffe es oft den Nachwuchs, wenn hoffnungsvolle Karrieren unbemerkt von der Öffentlichkeit früh zerstört werden. Simon Jocher (Garmisch) etwa zog sich vergangene Woche bei der Europacup-Abfahrt auf der Streif einen Unterarmbruch zu. „Das Wichtigste“ bei der Abfahrt, sagt Dreßen, sei, „dass alle heil unten ankommen“. Es werden freilich immer weniger. (sid)

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