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Kommt allmählich in WM-Form: Willingen-Sieger Severin Freund.

Weltcup in Willingen

Siegspringer Freund fliegen die Herzen zu

Nachdem er mit dem deutschen Team im Mannschaftswettbewerb zunächst den zweiten Rang belegt hatte, setzte Severin Freund beim Einzelspringen noch eins obendrauf und feierte beim Weltcup auf der Willinger Mühlenkopfschanze einen tollen Sieg.

Von Susanne Rohlfing

Martin Schmitt hatte Geburtstag, er wurde 33 Jahre alt, aber er ging vor Severin Freund, seinem elf Jahre jüngeren Kollegen in die Knie ? weil der 22-jährige Blondschopf die deutsche Mannschaft gerade mit seinem Flug auf 140 Meter im letzten Durchgang des Teamspringens von Willingen noch an Polen vorbei auf Platz zwei hinter Österreich katapultiert hatte. Aber wohl auch und vor allem, weil Freund dem deutschen Skisprung-Sport in diesen Wochen etwas vom verloren geglaubten Zauber zurückgibt. Es war ein Kniefall vor der endlich wieder rosarot schimmernden Zukunft.

Die knapp 14 000 Zuschauer an der Mühlenkopfschanze ließen sich am Wochenende begeistern wie zu den großen Tagen von Schmitt und Sven Hannawald. Schon am Samstag hatten sie den zweiten Platz der Deutschen wie einen Sieg gefeiert, und Severin Freund belohnte sie dafür am Sonntag mit einem Triumph im Einzel, seinem zweiten Weltcup-Sieg in diesem Winter. „Der Sevi hält uns im Moment den Rücken frei“, sagte Schmitt. „Wir sehen: Okay, wir können es. Man kommt nicht ins Zweifeln, sondern macht in Ruhe weiter.“

Freund lässt die Zukunft des deutschen Skisprung-Sports wieder rosarot schimmern

Endlich haben deutsche Skisprung-Fans wieder Grund zum Feiern. Sie trotzten in Willingen allen Erfrierungserscheinungen und schwenkten wild ihre Fahnen. Wer in der ersten Reihe stand, direkt am Zaun, hinter dem die Springer vorbei kommen sollten, weilte dort bereits seit fünf Stunden, als am Samstag um 16 Uhr das Teamspringen begann und der kalte, sonnige Wintertag in einen noch kälteren Winterabend überging. Eine Familie aus Bonn etwa war um sechs Uhr morgens losgefahren, um Skispringer-Hände abklatschen und Autogramme einsammeln zu können.

Martin Schmitt, Michael Uhrmann sowie Michael Neumayer lieferten konstant souveräne Sprünge ab, und Severin Freund glänzte. Insgesamt reichte das, um Nationen wie Polen, Norwegen und Finnland zu distanzieren. Um mit Österreich mitzuhalten, oder auch nur den Anschluss zu schaffen, reichte es nicht. Der Vorsprung Österreichs wuchs von Durchgang zu Durchgang, am Ende betrug er 46,7 Punkte. In Metern ausgedrückt: rund 25. Eine Welt im Skispringen.

Der Schanzen-Sprecher konstatierte mit einer Mischung aus Verblüffung und Anerkennung: „Ja was seid ihr für Sauhunde da in Österreich.“ Zuvor hatte der Mann am Mikrofon, der seinen Teil dazu beitrug, das Springen von Willingen in eine karnevalsartige Party zu verwandeln, der Menge nach Freunds erstem Flug auf 139,5 Meter noch zugerufen: „Er ist und bleibt unser Freund.“ Wer nicht ohnehin schon zu den wummernden Beats hüpfte oder tanzte, um warm zu bleiben, fing spätestens jetzt damit an.

Auf den oberen Rängen, nah dran am Lande-Hang, herrschte bei all jenen, die Skispringen bislang nur aus dem Fernsehen kannten, große Ehrfurcht: So steil? So weit? Das kann doch nicht wirklich gut gehen. Aber es kann. Es kann sogar Spaß machen. Das zumindest beteuerte Severin Freund. „Die Schanze gefällt mir, es hat Spaß gemacht“, sagte er.

Daran, dass die Österreicher am Ende der Team-Tour erneut die 100 000 Euro Siegprämie kassieren werden, zweifeln nur die Österreicher selbst – zumindest offiziell. Andreas Kofler etwa beteuerte: „Das ist nichts zum Abholen, die Leistung muss erstmal erbracht werden.“ Werner Schuster, der deutsche Bundestrainer, und Martin Schmitt, sind sich hingegen einig: Die Deutschen mögen endlich wieder besser werden, sie mögen ihre Fans mitreißen und der einen oder anderen Dame gar wieder an Hysterie grenzende Jubelschreie entlocken. Sie mögen in Severin Freund auch einen Springer mit Starpotenzial haben, doch an den Österreichern führt im Moment kein Weg vorbei.

„Wir sind zufrieden“, sagte Schuster daher nach dem zweiten Platz des Teams, „das ist das derzeitige Maximum, das wir erreichen können“. Und für Schmitt stand fest: „Wenn wir am Ende der Tour eine Platzierung wie heute schaffen, haben wir alles erreicht.“ Das war vor dem Solosieg von Severin Freund.

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