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Schwarzweiße Power: Der neue Rugby-Weltmeister nach dem Sieg über England im Nationalstadion von Yokohama. Mittendrin Kapitän Siya Kolisi (links vom Pokal).

Rugby

Sieg der guten Hoffnung

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Der erste schwarze Kapitän in der 128-jährigen Geschichte der Springboks führt Südafrikas Rugbyspieler zum WM-Titel.

Außer der schwarzen Hautfarbe haben Maro Itoje und Siya Kolisi nicht viel gemeinsam. Nichts skizzierte die kontrastierenden Welten, in denen diese beiden Männer leben, besser als die Ehrung der Sieger und Verlierer nach dem Finale der Rugby-Weltmeisterschaft in Yokohama. Sicherlich, der 25-jährige Itoje, eine der großen Entdeckungen des Titelkampfes in Japan, war nach der 12:32 (6:12)-Niederlage der favorisierten Engländer gegen Südafrika abgrundtief enttäuscht, aber seine Weigerung, sich die Silbermedaille umhängen zu lassen, war mehr als nur das Bild eines schlechten Verlierers, der dachte, nach dem sagenhaften Halbfinal-Triumph über Neuseelands legendäre All Blacks auch im Rugby die Weltherrschaft übernehmen zu können.

Die Geste des 1,97 Meter langen Zweite-Reihe-Stürmers, der als Sohn nigerianischer Eltern in London geboren wurde und eine akademische Ausbildung genossen hat, stand für alles, was die Welt nicht braucht: Arroganz, Egoismus, Respektlosigkeit, Missachtung des Gegners und des Sports. Insofern gesehen war es ein erfreulicher Umstand, dass Südafrika nach 1995 und 2007 zum dritten Mal den Titel gewann und Kapitän Siya Kolisi kurz nach dem massiven Fauxpas aus dem Schlaraffenland den Webb-Ellis-Pokal in Empfang nehmen durfte. Hier die Engländer mit Leichenbittermienen in ihren blütenweißen Hosen und Hemden mit dem Rote-Rosen-Emblem, deren Verband in Geld schwimmt, seine Profis mit Geld überschüttet und dafür sorgt, dass die Großen im Rugbysport absahnen und die Kleinen verhungern, Symbol für den Hochmut des weißen Mannes im Sport. Dort die demütigen Südafrikaner, die mit dem unerwartet klaren Triumph in ihrem gebeutelten Land Hoffnung gesät haben, die weit über den Sport hinausgeht. „Hoffnung für 57 Millionen Menschen zu Hause in Südafrika“, sagte Duane Vermeulen, die mächtige Nummer acht der Springboks, der als Spieler des Tages ausgezeichnet wurde und heulte wie ein Schlosshund.

Hoffnung, das Wort des Abends. Damit erklärte Südafrikas Trainer Rassie Erasmus, warum seine Mannschaft mit dem Druck besser umgehen konnte als die gehemmten Engländer, die nicht einmal einen Hauch der Klasse ihres Galaauftritts gegen Neuseeland verbreiteten. „Rugby sollte keinen Druck erzeugen, sondern Hoffnung“, sagte Erasmus, der morgen 47 Jahre alt wird. „In Südafrika steht man unter Druck, wenn man keine Arbeit hat oder ein Verwandter ermordet wird. Darüber haben wir nach der Auftaktniederlage gegen Neuseeland gesprochen.“

Kapitän Kolisi erzählte in seinem bewegenden Siegerstatement, der Coach, der Südafrika in seinen 20 Monaten als Cheftrainer von einer Lachnummer in ein selbstbewusstes Weltmeister-Team verwandelte, habe gesagt, „dass wir nicht für uns selbst spielen, sondern für unser Land“. Sie hätten für die Reichen und die Armen in der Regenbogennation gespielt, in der mehr als die Hälfte der Schwarzen arbeitslos sind und unter der Armutsgrenze leben. „Wir haben eine Mannschaft, in der Spieler unterschiedlicher Rassen und mit unterschiedlichem Hintergrund zusammengekommen sind“, sagte der 28-jährige Kolisi, dessen Ehefrau weiß ist, „wir hatten ein gemeinsames Ziel und haben hart gearbeitet, um es zu erreichen. Wir haben so viele Probleme in unserem Land, aber wir haben Südafrika gezeigt, dass wir alles erreichen können, wenn wir alle an einem Strang ziehen.“

Die Umarmung zwischen Kolisi und Staatspräsident Cyril Ramaphosa im Nationalstadion von Yokohama war Ausdruck dieser Hoffnung, die in der Vergangenheit ein Wunschtraum geblieben ist, so wie 1995, als Südafrika nach dem Ende des Apartheidregimes erstmals wieder an einer WM teilnehmen durfte und im eigenen Land gewann. Der damalige Präsident Nelson Mandela war die Symbolfigur der jungen Demokratie und der Gleichberechtigung, doch seine Hoffnung, der Sport möge den Einigungsprozess der Nation beschleunigen, hat sich bis heute nicht erfüllt. Aber immerhin hat erstmals eine wirklich gemischtrassige Rugby-Mannschaft triumphiert, und Siya Kolisi ist die Integrationsfigur.

Der wuchtige Flügelstürmer wuchs in der Zwide-Township in Port Elizabeth auf, seine Mutter war 16, als er geboren wurde, und starb, als er 15 war. Die Familie war so arm, dass der junge Siya oft nichts zu essen und keine Schuhe hatte. Aber Siya hatte Talent im Rugby, dem Sport der wohlhabenden Weißen. Mit zwölf Jahren erhielt er deshalb ein Stipendium an der Grey High School, der Start in ein besseres Leben. Vor 18 Monaten machte ihn der weiße Trainer Erasmus zum ersten schwarzen Kapitän in der 128-jährigen Geschichte der Springboks, ohne sich der Tragweite dieser Entscheidung zunächst bewusst zu sein. „Ich war ein bisschen naiv“, sagte Erasmus, „ich habe erst hinterher verstanden, was für eine Riesensache das ist. Aber es ist eine schöne Geschichte, und es ist wunderbar, wie Siya diese emotionale Zusatzbelastung gemeistert hat.“ Sein Aufstieg, sagt Kolisi, „zeigt jedem Kind, dass jeder alles erreichen kann“.

Das WM-Finale schrieb das Märchen von der anfänglich von der Regierung forcierten Integration von Quoten-Schwarzen weiter. Nachdem die dauerkickenden Südafrikaner die Engländer mit ihrer massiven Defensive erstickt und mit ihrer Dominanz im Gewühl (Scrum) einen Penalty nach dem anderen erzwungen hatten, setzten schwarze Spieler in den letzten 13 Minuten das Tüpfelchen auf das i. Erst gelang Makazole Mapimpi der erste Versuch für Südafrika in einem WM-Finale, dann tanzte sich der 1,70 Meter kleine Superstar Cheslin Kolbe durch die englischen Reihen und setzte mit einem weiteren Versuch den Schlusspunkt. England reduziert auf vier Penalty-Treffer, zurechtgestutzt wie 2007, als Südafrika das Finale in Paris 15:6 gewonnen hatte, das Dauergrinsen aus dem Gesicht von Trainer Eddie Jones radiert, der das ganze Spiel ungläubig staunend im Stehen verfolgte.

Warren Gatland, Coach der Waliser, die im Halbfinale gegen Südafrika knapp verloren hatten, hatte doch recht. „Manchmal spielt ein Team sein Finale im Halbfinale und hat im Finale nichts mehr zu bieten“, hatte er gesagt. Jones hatte ihn ausgelacht. Nun weiß auch er es besser.

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