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Verstehen und respektieren sich: Weltmeister Anthony Joshua (links) und Herausforderer Wladimir Klitschko.

WM-Kampf

Sich selbst besiegen

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Wenn Wladimir Klitschko gegen Anthony Joshua triumphieren will, braucht er den Mut zum Risiko.

Es war wie in einem schummrigen Zirkus. Ebby Thust, eine der schillerndsten und umstrittensten Figuren der deutschen Profi-Boxszene, ließ im Dezember 1996 im Zoo-Gesellschaftshaus in Frankfurt zwei sehr große Jungs aus der Ukraine in den Ring steigen, die US-amerikanische Kirmesboxer verprügeln sollten. Die Show, die Wladimir und Vitali Klitschko boten war kurz, aber knackig. Die beiden um die zwei Meter großen Hünen hatten einen Mordswumms in den Fäusten. Einen Monat zuvor hatten die Brüder in Hamburg unter ihrem Promoter Klaus-Peter Kohl (Universum) ihr Debüt als Berufsboxer gegeben.

Fast 21 Jahre nach jener Nacht der Schwergewichte in einem kleinen Frankfurter Saal geht vermutlich am heutigen Samstag im glanzvollen Londoner Wembley-Stadion die beeindruckende Karriere von Wladimir Klitschko zu Ende. Im Topf sind allein 30 Millionen Euro an Pay-TV-Geldern. Die Börse für jeden der Kämpfer soll 20 Millionen Euro betragen. Es geht aber vor allem um eines: um die Ehre.

Der Ausgang des Kampfes gegen Anthony Joshua wird entscheidend sein für den Platz, den der 41 Jahre alte Ex-Weltmeister in der Historie des Faustkampfes einnehmen wird. Bei einer Niederlage werden die Begriffe vom „Dead Man“ oder dem „Mann mit dem Glaskinn“ die mehr als zehnjährige Herrschaft wieder überlagern. Mit einem Sieg über den bei den Buchmachern favorisierten Briten wird Klitschko nicht nur wieder Weltmeister der IBF und Superchamp der WBA sein, Wladimir Klitschko wird vor allem die ebenso überraschende wie eindeutige Niederlage gegen Tyson Fury wettmachen.

Vor 17 Monaten hat Fury den Ukrainer schwer an Leib und Seele verletzt. Dieser gefühlte K.o. war sicher der schmerzhafteste Niederschlag in der Karriere von Wladimir Klitschko, aber eben nicht die einzige schwere Niederlage, die es vielen Boxexperten schwer macht, dem jüngeren der Brüder in der Ruhmeshalle des Boxsports einen angemessenen Platz einzuräumen.

Neun Jahre lang war er der unumschränkte Herrscher des Schwergewichts, blieb elf Jahre ungeschlagen, und doch bekam der OIympiasieger von 1996 nie den Respekt, der den ganz Großen wie Muhammad Ali, Joe Frazier oder George Foreman bis heute gebührt. Das lag zum einen daran, dass es keine die Massen elektrisierenden Duelle mit gleichwertigen Gegnern gab, mancher der zuvor zu Weltklasseathleten hochgejazzten Gegner offenbarte im Ring dann  die Gefährlichkeit eines Bettvorlegers. Auf der anderen Seite kassierte Klitschko einige seltsame Niederlagen, die so gar nicht zu seinem Image als Dr. Steelhammer passten.

Im Gedächtnis haften geblieben sind besonders diese beiden Niederlagen: 2003 verliert er gegen den zweitklassigen, 37 Jahre alten Südafrikaner Corrie Sanders in der zweiten Runde; und ein Jahr später verprügelt ihn der US-Amerikaner Lamon Brewster in Las Vegas so heftig, dass der Kampf in der fünften Runde abgebrochen werden muss. Die Karriere stand auf der Kippe, der Ex-Champion wurde bemitleidet, manchmal verspottet und von Selbstzweifeln geplagt. Doch er kämpfte sich zurück und zog daraus eine Menge Selbstbewusstsein. Der „tote Mann“ lief noch – bis zu jener Begegnung mit Tyson Fury.

Vor ein paar Jahren hat Wladimir Klitschko auf die Frage, ob es ihn nicht ärgere, dass sein Name selten in einem Atemzug mit den Allergrößten des Boxsports genannt werde, in einem Interview mit der FR kühl geantwortet: „Die Klitschkos interessiert ihr Platz in den Geschichtsbüchern nicht.“ Von seinen 68 Profikämpfen hat der Ukrainer, den die deutschen Boxfans fast so rührend in ihr Herz geschlossen haben wie den deutschen Friedensboxer Henry Maske, 54 durch K.o. gewonnen.

Mit einem Triumph in seinem 69. Kampf würde sich der jüngere der Klitschko-Brüder zum dritten Mal zum Schwergewichtsweltmeister krönen – ein Coup, der bisher nur Muhammad Ali, Evander Holyfield, Lennox Lewis und Bruder Vitali gelang.

In Konkurrenz zu dieser beeindruckenden Kampfstatistik treten immer wieder die Zweifel. Der Kampf gegen Fury hat wie in einem Brennglas die Schwächen Klitschkos offen gelegt. In brenzligen Momenten fehlt ihm der Mut aus sich herauszugehen, sich die Seele aus dem Leib zu prügeln.   Wladimir Klitschko war oft zwischen den Seilen ein Zauderer. Der angeschlagene Titelverteidiger wirkte gegen Fury zeitweise so hilflos, als fehle ihm für die großen Kämpfe das kalte Blut. Außerdem war das Klitschko-Zeitalter in den Verbänden, in denen Wladimir nicht gerade der Titelträger war, geprägt vom Kommen und Gehen zahlloser Weltmeister, deren Namen selbst eingefleischte Fans des Faustkampfes schon wieder vergessen haben.

Dem Sohn eines Luftwaffenoberst der Sowjetarmee und einer Lehrerin hatte nie die Aura eines heroischen Kämpfers. Mike Tyson war ein animalischer Zerstörer. Andere Ghetto-Kids wie Foreman und Frazier kämpften im Ring buchstäblich um ihr Leben. Der promovierte Sportpädagoge und Dozent an der Schweizer Universität in St. Gallen (Thema: Change und Innovation Management) hat heute wahrscheinlich zum letzten Mal im Ring die Gelegenheit zu persönlicher Veränderung und Erneuerung.

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