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Bis er sich selber mag

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Robert Harting versucht, sich nicht zu freuen.
Robert Harting versucht, sich nicht zu freuen. © dapd/Sascha Schuermann

Diskus-Weltmeister Robert Harting gewinnt in Helsinki EM-Gold. In London strebt Harting noch den Olympia-Sieg an - der einzige große Titel, der ihm noch fehlt.

Von Susanne Rohlfing

Robert Harting, der sonst so verschwenderisch umgeht mit großen Gesten, setzte sein Adrenalin in Helsinki sehr sparsam ein. Das war nach seinem Sieg im Diskus-Finale der Leichtathletik-EM besonders deutlich: Das Trikot des 27-jährigen Berliners, das er nach Titelgewinnen gern mal bestialisch zerreißt, blieb diesmal ganz. Ausgelassenes Gehopse und Gejohle gab es nicht, und am nächsten Morgen wirkte Harting eher müde als euphorisiert von diesem zweiten großen Triumph innerhalb nicht einmal eines Jahres.

Martialischer Brüller

Es regnete in Strömen, als der Weltmeister von 2009 und 2011 am Samstagabend zum ersten Mal Europameister wurde. Für einen Moment verlor er offenbar die Kontrolle über das Adrenalin in seinem Körper, es muss durch seine Adern gerauscht sein und ihn zu einem wilden Kraftakt verleitet haben.

Es war im vierten Durchgang des Finales, die ersten Versuche Hartings hatten etwas müde gewirkt, aber jetzt untermalte er die Flugbahn seines Sportgerätes mit einem martialischen Brüller. Der Diskus widersetzte sich dem Willen seines Meisters nicht und krachte bei 68,30 Metern in den nassen Rasen.

Kurz ließ Harting seine Muskeln spielen, er hielt seine beachtlichen Oberarme fröhlich grinsend in die Kameras, so ähnlich wie es der italienische Fußballer Mario Balotelli nach seinem zweiten Tor gegen Deutschland getan hatte – und dann war die Adrenalin-Schwemme auch schon wieder verebbt.

„Ich bin von der Weite wirklich überrascht“, gab Harting später zu Protokoll. Die Konkurrenz mühte sich tapfer, konnte bei den extrem schlechten Bedingungen aber nicht mehr kontern. Olympiasieger Gerd Kanter aus Estland wurde mit 66,53 Metern Zweiter, auf Rang drei landete der Ungar Zoltan Kovago (66,42). Markus Münch aus Wedel wurde mit 61,25 Metern Neunter.

Harting hält nicht viel von EM

Vor dem Wettkampf hatte Harting „viele Sachen gemacht, die ich beim Höhepunkt nicht machen würde“. Nach seiner Qualifikation war er etwa im Stadion geblieben und hatte den Kollegen noch ein bisschen zugeguckt. Und im Hotel sah er sich viel Leichtathletik im Fernsehen an. „Ich wollte diesen Wettkampf in den Emotionen ein bisschen reduzieren.“

Denn zum Stellenwert dieser Europameisterschaften im Olympiajahr hat Robert Harting eine sehr klare Meinung: „Für die Leute, die in London viel erreichen wollen, muss man das hier extrem abwerten.“

Für Harting war die EM somit am Sonntagmorgen auch schon wieder abgehakt. „Ich will hier so schnell wie möglich weg“, sagte er. Er wollte endlich wieder trainieren, für London, denn da gehe es „echt um die Eier“, heißt für ihn: Es geht um Titel Nummer drei.

Dann stoßen mit dem Litauer Virgilius Alekna und dem Polen Piotr Malachowski zwei weitere große Gegner zur Konkurrenz. Alekna liegt mit 70,28 Metern direkt hinter dem Weltjahresbesten Harting (70,66), Malachowski (68,94) ist Dritter.

28. Sieg in Folge

„Komplett“ wolle er sein, sagt Harting gern. Weltmeister, Europameister und eben auch Olympiasieger zur gleichen Zeit sein. Und der Berliner steuert auch noch auf eine andere Marke zu: Er könnte Alekna als erfolgreichsten Seriensieger ablösen. Der Litauer konnte die Konkurrenz 33 Wettkämpfe nacheinander beherrschen, Harting feierte in Helsinki seinen 28. Triumph in Folge. Aber so nüchterne Zahlen sind ihm dann doch zu profan. Der Zwei-Meter-Koloss, der von seinen markigen Ansagen häufig in philosophische Tiefen abschweift, erklärte: „Ich trainiere nicht für eine Medaille, ich trainiere nicht für irgendwelche Statistiken, das bringt dir gar nichts. Du kannst nur so viel trainieren, dass du dich selber magst. Das ist bei mir echt schwer. Deshalb kämpfe ich ewig, bis ich wirklich weit, weit oben bin in den Metern. Und die Meter produzieren dann letzten Endes die Statistik. So rum geht es.“

So soll es auch in London sein. Erst die Meter für Hartings Seelenfrieden, dann das olympische Gold für die Statistik. Und das Ganze mit viel Adrenalin.

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