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Experten der Welt-Antidoping-Agentur WADA haben Zutritt zum Moskauer Labor ihrer russischen Filiale RUSADA bekommen.

Showdown in Moskau

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Die Wada-Experten erhalten Zugang zum Antidopinglabor. Drohen den russischen Sportlern bald neue Sperren?

Der gesamte russische Sport stehe auf dem Spiel, warnt Juri Ganus, der Chef der russischen Antidoping-Agentur RUSADA. „Das ist der letzte Besuch der WADA, er muss erfolgreich sein“, zitiert ihn die Zeitung Sport Express. „Sonst wird es keine weiteren Besuche geben.“

Gestern haben Experten der Welt-Antidoping-Agentur WADA endlich Zutritt zum Moskauer Labor ihrer russischen Filiale RUSADA bekommen. Dort wollen sie die Dopingdaten in den Labor-Computern sicherstellen, was die russische Seite bisher verweigert hat. Davon, ob das diesmal gelingt und davon, was diese Daten über systematisches Doping und Dopingvertuschung in Russland sagen, hängt ab, ob es neue Sanktionen gegen die RUSADA und den russischen Sport geben wird. Oder ob die jahrelangen Sperren gegen die russischen Leichtathletik- und Paralympics-Verbände aufgehoben werden.

Um die Computerdaten des Moskauer Labors gab es ein monatelanges Tauziehen zwischen den WADA-Kontrolleuren und den russischen Behörden. Erst verweigerten diese die Herausgabe unter der Begründung, die Daten gehörten zum Material einer polizeilichen Untersuchung des russischen Ermittlungskomitees. Erst nach langwierigen Verhandlungen gestattete man den WADA-Experten Ende des Jahres den Zutritt zum Laboratorium, aber die für den 31. Dezember vereinbarte Deadline platzte mit einem Eklat: Die Russen ließen die WADA-Leute nicht an ihren Computer heran, weil deren Speichergerät nicht in Russland zertifiziert war. „Eine Notbremse im Strafraum“, spottet die liberale Zeitung Wedomosti.

Sportrussland bangt

Diese Notbremse erboste vor allem westliche Experten. Travis Tygart, Chef der US-Anti-Doping-Agentur, twitterte, er hoffe nur, die Russen hätten die etwa 9000 positiven Dopingproben von über 4000 russischen Athleten, die im Laborcomputer erfasst seien, noch nicht vernichtet.
Tatsächlich ist die Sportwelt gespannt, ob sich die Originaldaten des Computers mit der Kopie decken, die die WADA schon vorher von einem Whistleblower erhalten hatte und die 9000 auffällige Proben aus dem Zeitraum von 2012 bis 2015 enthalten soll.

Sportrussland aber bangt. In der Fachpresse wird diskutiert, ob die WADA wirklich beide Augen zudrückt. Sonst müsste sie die erst im September wieder zur Dopingkontrolle zugelassene RUSADA erneut suspendieren, weil sie die vereinbarte Deadline nicht eingehalten hat. Die Sitzung der zuständigen WADA-Kommission soll am 14. und 15. Januar stattfinden, nach Ansicht von Experten reicht die Zeit bis dahin auf keinen Fall, um die Daten des Laborcomputers vollständig auszuwerten. Wenn die WADA-Kontrolleure dabei noch mehr Dopingfälle oder Fälschungsversuche entdecken, drohen Russlands Sportverbände neue Sperren und Ausrichtungsverbote für internationale Wettkämpfe.

Russische Politiker aber geben sich gelassen. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte schon vor mehreren Tagen, es habe gewisse arbeitstechnische Meinungsverschiedenheiten gegeben, aber die seien nicht substanziell. „Wir haben jetzt ein gegenseitiges Einverständnis mit den Vertretern der WADA darüber, wie die Arbeit weiter gehen soll.“

Manche Moskauer Beobachter schließen nicht aus, dass tatsächlich eine Vereinbarung auf höheren Ebene zustande gekommen ist. „Als der Termin am Jahresende platzte, hat RUSADA-Chef Ganus einen alarmierenden Brief an Wladimir Putin geschickt“, sagt Alexei Lebedew, Sportchef der Zeitung Moskowski Komsomoljez. „Danach wurde er aus dem Kreml zurechtgewiesen, er sei nur unzureichend informiert.“ Russische Insider halten einen „Kompromiss“ für möglich: Im Endresultat könnte nur eine begrenzte Anzahl meist schon nicht mehr aktiver Athleten für Dopingsünden vor 2015 sperrt werden, die übrigen Sanktionen gegen Russland aber könnten schrittweise aufgehoben werden.

Das fürchtet auch Jim Walden, Anwalt des in die USA geflohenen Dopingfachmanns Grigori Rodtschenkow, der als Kronzeuge für die Existenz des staatlichen Dopingsystems in Russland gilt. Die WADA und das Internationale Olympische Komitee seien kompromittiert und würden nichts gegen die russischen Methoden unternehmen, schimpft Walden auf Twitter. „Hoffentlich revoltieren die sauberen Sportler und die Sponsorenfirmen.“

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