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Ein Trio mit Power: Jan Zwingenberger, Elvira Marburger und Jürgen Medenbach (von links nach rechts).

Serie „Ganz nah dran“

Die Unermüdlichen

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In Frankfurt-Sachsenhausen spielen psychisch kranke und gesunde Menschen gemeinsam Fußball – und wollen mehr.

Elvira Marburger ist eine Frau, die viel Wärme ausstrahlt. Die 63-Jährige steht hinter einer Bande am Platz des SV 1894 Sachsenhausen und lächelt milde in die tiefstehende Sonne. Vor ihr treibt ein kleiner Trainer unbarmherzig fünf Jugendliche in schwarzen Trainingsjacken über die Aschenbahn. Die Jungs müssen bei ihren Umrundungen Medizinbälle mitschleppen. Sie sehen unglücklich aus, aber sie fügen sich, nur leise murrend. Fußballtraining wird auch an der Gerbermühlstraße in Frankfurt-Sachsenhausen nicht immer und überall nach den modernsten Erkenntnissen der Trainingslehre durchgeführt. Nebendran auf dem Rasen dribbeln Kinder in roten Trikots durch Hütchen. Andere hüpfen stöhnend in der Sandkiste über Hindernisse. Ein ganz normaler Tag in einem deutschen Fußballverein.

Aber etwas ist anders beim SV Sachsenhausen. Gute Menschen wie Elvira Marburger sorgen dafür, dass auch Spieler mit Handicap Geborgenheit in einem Klub finden, in dem manche Kinder noch arg getriezt werden. Die 63-Jährige arbeitet seit 42 Jahren in der Werkstatt für psychisch kranke Menschen in Frankfurt- Oberrad, längst ist sie zur Gruppenleiterin aufgestiegen. Einmal pro Woche macht sie sich mit einer Laufgruppe auf zum Main, und auch als Betreuerin der Sondermannschaft beim SV Sachsenhausen ist sie längst Legende.

Zusammen mit ihren zu Freunden gewordenen Kollegen Jan Zwingenberger und Jürgen Medenbach hat Elvira Marburger dafür gesorgt, dass die Kreisligamannschaft des SVS zum Inklusionsteam von gesunden Sportlern und psychisch und suchtkranken Menschen geworden ist. Das sportliche Zwischenergebnis auf Rang fünf der aktuellen Tabelle kann sich sehen lassen, aber die Tabelle ist in Wahrheit nicht die Instanz, an der sich die Trainer Medenbach und Zwingenberger messen. Und Elvira Marburger schon gar nicht. Grundsätzlich sagen sie über ihre Beweggründe: „Du verbringst Zeit mit den kranken Menschen und bekommst Anerkennung zurück. Das muss gar nicht gesagt oder schriftlich bestätigt werden. Du siehst es an der Körpersprache.“

Die neue FR-Serie erzählt von Menschen, die viel bewegen – mal sich selbst, mal andere. Von Sportlern, die außergewöhnliche Leistungen vollbringen oder vom Schicksal hart getroffen wurden. Von Trainern, die die Sportler zu außergewöhnlichen machen. Von Ehrenamtlichen, die für ihre Vereine unverzichtbar sind. Heute: Ganz nah dran an Elvira Marburger, Jürgen Medenbach und Jan Zwingenberger.

Die Zusammenarbeit begann 1995 als Betriebssportgruppe mit Schwimmen und Laufen, 1999 kam Fußball hinzu. Marburger, Medenbach und Zwingenberger haben es dank jahrelanger ehrenamtlicher Arbeit geschafft, eine stabile Verbindung zwischen Frankfurter Einrichtungen für Menschen, die unter Depressionen, Borderline-Erkrankungen, Panikstörungen oder Schizophrenie leiden, und dem Verein zu etablieren. Die Erkrankten sind allesamt in einem Zustand, bei dem von einer Heilung nicht auszugehen ist. Sie müssen medikamentös begleitet werden. In der Werkstätte schaffen es die meisten im Arbeitsalltag selten auf mehr als drei Stunden. Aber die Motivation und die Kraft, die sie aus dem Sport ziehen, reicht bis ins Berufsleben hinein und dann schon mal über drei Stunden am Tag hinaus.

Seit mehr als fünf Jahren existiert bereits die Verbindung zum SV Sachsenhausen, auch mit dem Frankfurter Turnverein 1860 gibt es eine Kooperation für andere Sportarten. „Am Anfang“, berichtet Jürgen Medenbach, „hagelte es hohe Niederlagen, weil unseren Spielern die Power für die zweite Halbzeit fehlte.“ Bei den Deutschen Meisterschaften der Werkstätten für Behinderte holten sich die Frankfurter 2008, 2010 und 2012 jeweils den Titel. Nichts gegen derartige Veranstaltungen, aber Diplom-Sozialarbeiter Jan Zwingenberg geht es vor allem „darum, dass die Leute nicht exklusiv unter sich bleiben“.

Auch Migranten wurden inzwischen in die Mannschaft integriert, es gab einen gemeinsamen Trip nach Marokko, die Spieler helfen bei Festen an der Theke und bei der Weihnachtsfeier, ein ehemaliger Suchtabhängiger ist Betreuer der ersten Mannschaft des SV Sachsenhausen, ein anderer hat am Sportplatz seine Frau kennengelernt. Es sind diese kleinen Inseln des Glücks, die den drei Unermüdlichen besondere Freude bereiten. In den Osterferien haben sie auf dem Sportplatz in Sachsenhausen ein integratives Fußballcamp organisiert, inklusive Abschlussfeier mit gemeinsamem Grillen.

„Wir sind schon ein bisschen positiv bekloppt“, sagt Jan Zwingenberger. „Aber das, was wir hier machen“, ergänzt Diplomsportwissenschaftler Jürgen Medenbach, „ist im Grunde nur ein kleines Pflänzchen.“ Wenn es nach ihnen geht, wird aus dem sorgsam gepflegten Pflänzchen noch ein großer Baum. „Unsere Idee ist, ein integratives Sportzentrum in Frankfurt zu etablieren“, hofft Medenbach.

Gemeinsam mit verschiedenen Trägern und Geldtöpfen von Stadt und Land würden sie allzu gern ein paar Millionen Euro in die Hand nehmen und auf der Anlage in Sachsenhausen eine Sporthalle und Seminarräume bauen. Der Weg dorthin wird kein leichter sein. Dass sie über das nötige Durchhaltevermögen verfügen, haben Elvira Marburger, Jürgen Medenbach und Jan Zwingenberger aber längst bewiesen.

Schlappekicker-Spiel

Die von Bundesliga-Rekordspieler Karl-Heinz Körbel angeführte Traditionsmannschaft der Frankfurter Eintracht tritt am Freitag, 10. Mai, auf dem Sportplatz des SV 1894 Sachsenhausen am Mainwasen zu einem Benefizspiel gegen eine gemeinsame Mannschaft von Radio FFH, der Frankfurter Rundschau und der Inklusionsmannschaft des SV Sachsenhausen zu Gunsten der Schlappekickeraktion an. Anpfiff ist um 18.30 Uhr, der Eintritt auf dem Gelände an der Gerbermühlstr. 110 ist frei. FR

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