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Plüschtiere fürs Baby hat sie schon: Natalie Geisenberger.

Rodel-WM

„Selber fahren müsste ich gerade nicht“

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Rodel-Olympiasiegerin Natalie Geisenberger über anstehendes Babyglück, die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2022 in Peking und die deutschen Aussichten bei der WM in Sotschi.

Frau Geisenberger, wie war die Woche vor der Rodel-WM ohne Rodel-WM?

(lacht) Entspannt. Natürlich habe ich in die Ergebnislisten vom Training geschaut. Aber aus der Ferne ist es für mich schwierig zu beurteilen, wie das Wetter war, wer welche Ausrüstung fährt, wer Fehler macht. Ich bin trotzdem dabei. Rodlerin aus Leib und Seele halt.

Beim ersten Weltcup waren Sie vor Ort, dann aber vor dem TV. Sind Sie entspannt auf dem Sofa?

Relativ. Aber natürlich bin ich voll dabei, gerade bei denen, die ich lange kenne, die in meiner Trainingsgruppe sind. Man fühlt mit, ärgert sich übers Wetter und über Fahrfehler. Da leide ich mit. Und es gab ja auch Situationen, da hab ich mich mit gefreut.

Liegen Sie als Zuschauerin mit auf jedem Schlitten?

Zum Glück nicht. Ich sitze schon ruhig auf dem Sofa. Und ich muss auch sagen, dass es mich nicht so richtig juckt, wenn ich zuschaue. Also selber fahren müsste ich gerade nicht.

Wirklich nicht?

Nein, weil ich ja genau das habe, was ich will. Deshalb bin ich auch nicht traurig, dass ich nicht dabei sein kann. Das wäre etwas anderes, wenn ich verletzt wäre. Aber ich bin in der Situation, die wir uns persönlich, für uns privat, gewünscht haben. Eine Pause tut außerdem tatsächlich mal gut nach so vielen Jahren. Alleine mitzukriegen, was ein ruhiges Weihnachten ist, wie entspannt die Zeit sein kann. Das kannte ich nicht mehr.

Nun wird es aber eine neue Weltmeisterin geben.

Das ist ja keine Überraschung, darauf konnte ich mich lange genug vorbereiten. Auch die Serie im Gesamtweltcup reißt ja – und das muss auch irgendwann mal sein. Das ist ja nichts Unendliches, das ich abonniert habe.

Wer ist Ihre Favoritin?

Die beiden Russinnen, auch Summer Britcher aus den USA – aber ich sehe definitiv auch Julia Taubitz ganz vorne. Dazu zählt Anna Berreiter für mich zum erweiterten Favoritenkreis. Bei den jungen Mädels ist die Frage, ob sie die Nerven schon haben. Aber sie können nur gewinnen. Und lernen.

Sie sprechen zwei Deutsche an – obwohl gesagt wurde, man müsse „kleinere Brötchen backen“.

Wenn jemand wie Anna Berreiter und Cheyenne Rosenthal noch nie im Weltcup gefahren ist, dann weiß man überhaupt nicht, wo sie international stehen. Dass sie uns nun alle positiv überrascht haben, ist klar. Wahrscheinlich haben sie sich auch selber überrascht. Der Verband hat nicht tiefgestapelt, trotzdem sind die Erwartungen jetzt ein bisschen höher.

Julia Taubitz stand lange in Ihrem Schatten, plötzlich ist sie Medaillenhoffnung und Vorbild für alle. Kommt das zu früh?

Natürlich ist es für sie schwierig. Sie konnte sich in den letzten Jahren im Schatten von mir, Tatjana Hüfner und Dajana Eitberger langsam entwickeln und steigern, das war ein Vorteil für sie. Aber im letzten Jahr war sie ja schon voll konkurrenzfähig, deshalb braucht sie uns gar nicht mehr. Natürlich steht sie als Siegfahrerin im Mittelpunkt, hat den medialen Druck, liefern zu müssen. Das darf sie aber nicht an sich ranlassen.

Was wäre denn eine gute deutsche Bilanz?

In den Rennen über die olympische Distanz: Eine Medaille bei den Frauen, zwei werden schwierig. Die Doppelsitzer sollten – denke ich – mit zwei Medaillen nach Hause fahren. Und bei den Männern ... was soll ich da sagen?

Trauen Sie Felix Loch nichts zu?

Doch! Definitiv! Aber es gab in dieser Saison sieben verschiedene Sieger in den zehn Rennen. Und dazu kommt der Felix, der zwar heuer noch kein Rennen gewonnen hat, aber bei Großereignissen fast immer zuverlässig liefert. Diese WM wird so eng, dass man keine Prognose stellen kann.

Ist WM-Gold für Felix Loch trotzdem drin?

Ja. Letztes Jahr hat er auch vor der WM keinen Sieg eingefahren und ist Weltmeister geworden. Vielleicht ist es ein gutes Omen (lacht).

Ist er in der Krise?

Nein, denn mal im Ernst: Felix war zu den Großereignissen fast immer da, egal was vorher war. Und die letzten Rennen muss man auch differenziert betrachten. Teilweise war es eine Wetter-Lotterie, dann hat er mal einen Fahrfehler gemacht. Da sage ich: Ja und? Der Felix ist auch nur ein Mensch. Dass er nicht mehr den Alleinunterhalter ist, ist ja auch klar.

Zur Person

Natalie Geisenbergerwird in zehn Wochen Mama – und die Babypause tut ihr sichtlich gut. Das Geschehen vor der Rodel-WM, bei der an diesem Wochenende in Sotschi die Medaillen vergeben werden, hat die 32 Jahre alte Olympiasiegerin natürlich trotzdem im Blick. 

Ist das schwer, wenn man erfolgsverwöhnt war?

Vielleicht wird das eher von außen dramatisiert. Diese Siegesserie von damals wurde immer als selbstverständlich dargestellt. Es hieß: Alles, was Felix anfasst, wird zu Gold. Aber das ist nicht so. Das war harte Arbeit. Er war der jüngste Olympiasieger, der jüngste Weltmeister, der jüngste Dreifach-Weltmeister und so weiter. Es hat alles gepasst, aber es ist im internationalen Konkurrenzkampf einfach schwieriger geworden. Glauben Sie mir: Der Felix weiß, was er kann. Was er investiert. Wie viel er tüftelt. Das wird wieder belohnt werden.

Auch Ihrem Wirken in der Rodelbahn haftete die Selbstverständlichkeit an. Hemmt Sie das bei Ihren Comeback-Plänen –oder sind Sie selbstbewusst genug?

Ehrlich gesagt: Das weiß ich nicht. Ich weiß nicht, wie ich reagiere, wenn es heißt: „Natalie Geisenberger muss beim ersten Weltcup nach der Baby-Pause ganz oben stehen.“

Ist das denn Ihr Ziel?

Nein! Ich habe jetzt noch zehn Wochen bis zur Geburt, bis dahin geht mein Plan. Denn dann wird sich das Leben erst mal grundsätzlich ändern. Ich sage jetzt nicht: Ich will bis zum ersten Weltcup so fit sein wie in meinen besten Zeiten. Dass ich nächstes Jahr gerne fahren würde, und vor allem 2022 in Peking an den Start gehen will, ist kein Geheimnis. Ob ich aber in der Lage bin, sofort oder jemals wieder vorne dabei zu sein, wird sich rausstellen. Ich weiß für mich: Ich liebe Herausforderungen – und ich möchte mich dieser stellen. Sofern alles so läuft, wie wir uns das vorstellen, alle gesund und munter sind.

Wie soll der Weltcup-Zirkus mit Kind ablaufen?

Die WM ist ja im kommenden Jahr in Vancouver, was ich ziemlich gut finde. Aber ich möchte nicht fünf Wochen ohne mein Kind in Amerika sein. Ich setze nicht ein Kind in die Welt, um es dann nur abzugeben. Da habe ich aber die Unterstützung von meinem Mann und meinen Eltern, die teilweise auch mitreisen würden. Wir wollen das gemeinsam hinbekommen.

Ist es eine Art Experiment?

Ich habe alles gewonnen, mir fehlt nichts mehr. Ich bin mit mir im Reinen. Wenn ich es jetzt unter den geänderten Bedingungen noch mal schaffen würde, dann ist es geil. Wenn nicht, habe ich aber nichts verloren – sondern nochmal gewonnen: ich hab dann unser Kind im Arm. Deshalb bin ich im Moment auch total relaxed. Alles, was kommen kann, ist Bonus. Es wäre schön, ist aber kein Muss.

Es gibt diverse Mütter im Leistungssport.

Da gibt es eine Menge prominente Vorbilder. Bei der Leichtathletik-WM waren viele am Start, Serena Williams ist auf der WTA-Tour.

Ist Rodeln eine günstige Sportart für eine Rückkehr?

Die Kräfte am Start sind schon gewaltig, aber ich glaube, dass der Kopf eine noch größere Rolle spielen wird als der Körper. Ich könnte mir schon vorstellen, dass ich am Ende sage: Ich schaffe es nicht mehr, ans Limit zu gehen und den Schlitten dementsprechend einzustellen. Und ich könnte mir vorstellen, dass ich mich vielleicht frage: Muss das Risiko jetzt wirklich noch sein? Brauch ich das jetzt noch? Der Faktor Angst kann da vielleicht eine Rolle spielen. Es geht ja nicht mehr nur um mich, sondern um mich als Mutter mit Verantwortung.

Und wenn es so kommt?

Dann habe ich es immerhin versucht, das würde mich stolz machen. Was wirklich schön war: Als ich meine Pläne in meinem Umfeld erzählt habe, gab es keine einzige negative Stimme. Da war niemand dabei, der gesagt hat: Das geht nicht. Familiär habe ich den Rückhalt, das ist schon viel wert. Aber auch die Trainer, die Sponsoren, die Bundespolizei – alle sind dabei. Das spornt mich auch an.

Verfolgen Sie aktuell einen Trainingsplan?

Ich mache kein spezifisches Rodel-Training mehr, auch kein hartes Krafttraining. Und jetzt wird es auch tatsächlich alles ein bisschen anstrengend. Ich gehe auf den Berg, bin viel mit dem Hund draußen. Ich bewege mich, bin aktiv, das fühlt sich gut an.

Gibt es Austausch mit Dajana Eitberger?

Fast täglich. Meistens geht es um Babysachen, Sonderangebote und Kinderwagen. Aber auch manchmal um den Sport, wer welche Ergebnisse wie einschätzt. Ich glaube, dass das im kommenden Jahr wertvoll sein wird, wenn wir in derselben Situation sind. Dass wir uns austauschen können und Verständnis füreinander haben. Unsere Kinder sind ja in etwa gleich alt.

Schauen Sie manchmal Rennen zusammen?

Tatsächlich haben wir vor, am Sonntag zu ihr zu fahren. Dann schauen wir zusammen WM, feuern an – und freuen uns hoffentlich.

Interview: Hanna Raif

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