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Olympiaberg Muenchen: Maria Riesch faehrt die Strecke herab (Archivbild vom 02.01.2011).
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Olympiaberg Muenchen: Maria Riesch faehrt die Strecke herab (Archivbild vom 02.01.2011).

Olympische Winterspiele 2018

Vom Sein und Schein im Rausch der Ringe

Vier Tage lang fühlt eine Kommission des Internationalen Olympischen Komitees der Münchner Kandidatur für die Winterspiele 2018 auf den Zahn. Der Besuch gilt als Meilenstein im Bewerbungsverfahren. Dabei ist die Wirkung des Prüfberichts beim IOC marginal.

Von Jens Weinreich

Am Tag eins vor dem Ernstfall rührten Münchens Olympiabewerber kräftig die Werbetrommel. Ab Dienstagmorgen stehen vier lange Arbeitstage mit der Evaluierungskommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) an, die nach Annecy (Frankreich), Pyeongchang (Südkorea) nun auch den dritten Kandidaten für die Winterspiele 2018 besucht – und angeblich auf Herz und Nieren prüft, wie es in der olympischen Propaganda stets heißt. Am Montagmorgen hatten sich die Bewerber im Alten Rathaus aufgereiht und gaben optimistische Parolen zum Besten.

Im Bewerbungsetat sollen 29 Millionen Euro gedeckt sein. Nachprüfbar ist das nicht Bernhard Schwank, Geschäftsführer der Olympia GmbH, verkündete das Engagement der Metro-Gruppe als elfter Sponsor der Bewerbung, wodurch 29 Millionen Euro des Bewerbungsetats gedeckt sein sollen. Schwank behauptet, „mit Ausnahme der USA hatte wohl noch keine Bewerberstadt einen so hohen Anteil“ an privatwirtschaftlicher Förderung – nachprüfbar sind derlei Angaben nicht. Der scheidende Staatskanzleichef Siegfried Schneider (CSU) kündigte an, die offenen Grundstücksfragen in Garmisch-Partenkirchen zeitnah „unter Dach und Fach zu bringen“. Nachfragen wich er aus. Und IOC-Vizepräsident Thomas Bach (FDP) fabulierte über die bezahlte Studie des angeblich unabhängigen Wissenschaftlers Holger Preuß, wonach das Olympia-Abenteuer dem Land bis zu drei Milliarden Euro Überschuss einbringen würde.

Preuß, der am Mittwoch vor der Evaluierungskommission referieren darf, ist für optimistische Hochrechnungen bekannt. Schon in der Olympiabewerbung der Rhein-Main-Region für die Sommerspiele 2012 verblüffte er mit Zahlen, über die kritische Geister etwa aus dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) nur müde lächelten. „Man sollte das Vertrauen in die Unabhängigkeit von Herrn Preuß haben“, empfiehlt Bach, „dass hier keine Gefälligkeitsgutachten gegeben werden, sondern realistische Einschätzungen.“

So ist das immer bei Olympiabewerbungen, stets wird das Blaue vom Himmel versprochen. „Ich glaube, so viele Informationen und authentische Unterlagen sind in München noch nie über ein Projekt verbreitet worden“, behauptete Oberbürgermeister Christian Ude (SPD). Die Olympiagegner, die sich am Dienstagabend außerhalb des eigentlichen IOC-Prüfprogramms nur eine halbe Stunde mit der Kommission treffen, sehen das ganz anders. Fakt ist: Bis heute sind nicht alle Unterlagen öffentlich, die öffentlich sein sollten.

Wofür der Aufwand?

Nun also vier Arbeitstage mit den IOC-Kommissaren – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die meisten Meetings finden im Hotel Bayerischer Hof statt, es geht selbstverständlich auch an die geplanten Austragungsorte, wo der Publikumsverkehr gesteuert wird, von Jubelpersern gar nicht zu reden. 200 Mitarbeiter haben die Bewerber eingespannt, darunter die Planer von Proprojekt/Albert Speer & Partner, PR-Agenten und Spin Doktoren.

Mehrfach wurden alle Abläufe durchgespielt und dabei auch Antworten auf kritische Fragen trainiert. 40 Personen gehen für München in die Bütt, fast alle wurden von einem erfahrenen Briten gecoacht. Die IOC-Visite zählt neben der Produktion des Bewerbungsbuchs zu den Kernpunkten der Olympia-Offerte und verschlingt Millionen Euro. „Sechseinhalb Stunden Präsentationen und siebeneinhalb Stunden Fragerunden“, rechnete Bewerbungschef Schwank vor. „Wir sind alle aufgeregt“, flötete Katarina Witt, Chefin des Olympia-Kuratoriums. Im Vergleich zu den Sitzungen mit der IOC-Abordnung stelle er sich „den Bundesgerichtshof sehr leger vor“, dichtete Ude.

Die Frage ist nur: Wofür der Aufwand? Gewiss, die Kommission erstellt einen Bericht, der Anfang Mai allen IOC-Mitgliedern zugeht. Mitte Mai präsentieren Annecy, Pyeongchang und München vor dem IOC in Lausanne, am 6. Juli steht die Abstimmung auf der IOC-Session in Durban an. Zur historischen Wahrheit gehört indes, dass sich das IOC fast nie von den Fakten leiten lässt. Zuletzt gewannen mit Sotschi (Winter 2014) und Rio de Janeiro (Sommer 2016) zwei Kandidaten, die im Evaluierungsbericht abgeschlagen weit hinten lagen.

Da lohnt es sich vielleicht, eine klare Frage zu formulieren: Wann sind jemals derjenigen Stadt Olympische Spiele zugesprochen worden, die im Evaluierungsbericht Bestnoten erhalten hatte? „Das weiß ich nicht“, sagt derjenige, von dem man am ehesten erwartet hätte, darauf eine profunde Antwort zu geben. „Da überfragen sie mich“, sagt IOC-Vize Thomas Bach, der die ersten beiden Evaluierungskommissionen geleitet hat, für die Winterspiele 2002 und die Sommerspiele 2004. „Der Evaluierungsbericht macht ja kein Ranking“, sagt Bach. „Die feinen Abstufungen“ nehme jedes IOC-Mitglied für sich vor. Dann spricht er von „geopolitischen Erwägungen“ und einer „Evaluierung der Evaluierung“ durch seine IOC-Kollegen. Das klingt wichtig, das klingt nach solider Abwägung. Im Grunde aber gilt: Regellosigkeit und Unberechenbarkeit sind Wesensmerkmal solcher Wettbewerbe.

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