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Der Schein trügt: Nach Spielende war Novak Djokovic nicht am Boden zerstört, sondern obenauf.

Australian Open

Sechs Stunden Ewigkeit

In einem Titanenkampf für die Geschichtsbücher ringt Novak Djokovic im Endspiel der Australian Open Rafael Nadal in fünf Sätzen nieder

Von Doris Henkel

In einem Titanenkampf für die Geschichtsbücher ringt Novak Djokovic im Endspiel der Australian Open Rafael Nadal in fünf Sätzen nieder

Wohin soll das führen? Sind die beiden verrückt geworden? Bis nachts um halb zwei rangen, rannten und kämpfen Novak Djokovic und Rafael Nadal im letzten Spiel der Australian Open 2012, fünf Stunden und 53 Minuten lang.

Nie zuvor in der Geschichte des Profitennis dauerte das Finale eines Grand-Slam-Turniers länger als dieses Spektakel, und am Ende war die Spannung kaum noch zu ertragen; die Leute saßen auf den Rängen und schnappten nach Luft. Djokovic gewann 5:7, 6:4, 6:2, 6:7, 7:5, riss den vierten großen Titel innerhalb eines Jahres an sich, den dritten nacheinander.

Stühle für die Finalisten

Ein Abend voller Bilder und Emotionen, in dieser Form nie zuvor gesehen. Nadal, der nach einem Satzgewinn auf die Knie geht, als habe er das Spiel schon gewonnen; Djokovic, der nach einem Ballwechsel scheinbar zum Umfallen erschöpft zu Boden sinkt und Ovation gefeiert wird; Finalisten kurz vor dem Zusammenbruch, denen Stühle gebracht werden, damit sie die Wartezeit bis zur Überreichung der Pokale überstehen.

Djokovic sah aus, als falle er dennoch gleich um, dabei ist spätestens nach diesem Finale klar, dass das so bald nicht passiert. Dennoch schaffen es beide ohne Hilfe aufs Podium und begrüßten das Publikum freundlich mit den Worten: „Guten Morgen.“

Nadal zeigt Kampfgeist

Nadal hatte am Tag zuvor gesagt, er werde versuchen, diesmal aggressiver zu spielen, mehr direkte Punkte zu machen. Diese Ankündigung hielt er in den 80 Minuten des scheinbar endlosen ersten Satzes durch. Aber als Djokovic danach sicherer wurde, wich er wieder einen Meter zurück, und so landeten sie wieder bei den Verhältnissen des vergangenen Jahres. Als das Thermometer um kurz vor zehn zum ersten Mal an diesem schwülen, schweißtreibenden Abend unter 30 Grad sank, war Trainer-Onkel Toni Nadal nicht zufrieden.

Er gestikulierte, diskutierte, schüttelte immer wieder den Kopf. Es war nicht zu übersehen, was er vom Spiel des Neffen hielt. Der verlor die Sätze zwei ohne drei, es sah alles danach aus, als bewege sich das Spiel auf ein zügiges Ende zu. Aber Toni Nadal sah auch, dass der Neffe selbst in den kompliziertesten Situationen das von ihm geforderte gute Gesicht zeigte – das Synonym für Kampfgeist ohne Resignation.

Fantastische Show

Dessen Stunde schlug Mitte des vierten Satzes, als er auf atemberaubende Art drei Breakbälle abwehrte und den Spielgewinn derart leidenschaftlich zelebrierte, dass der Jubel des Publikum wie ein umgekehrter Donner in den Himmel stieg. Von dem ein paar Minuten später nichts mehr zu sehen war, denn das Dach über der Rod Laver wurde geschlossen, als es zu regnen begann.

Was von diesem Moment an bis zum Ende mehr als eine Stunde danach passierte, war, wie es Nadal später beschrieb, eine fantastische Show. Im Tiebreak schnappte er sich den vierten Satz; zu diesem Zeitpunkt dauerte das Spiel schon länger als das längste Finale zuvor bei den Australian Open – mit dem Unterschied, dass Mats Wilander und Pat Cash anno 88 beim ersten Finale in der Rod-Laver-Arena fünf Sätze in dieser Zeit untergebracht hatten.

Zu Beginn des fünften sah Djokovic so aus, als entgleite ihm das Spiel. Nadal führte 4:2, doch dann unterlief ihm beim Stand von 30:15 ein Fehler, der den Mann auf der anderen Seite wiederbelebte. Djokovic ging nach einem Aufschlagverlust von Nadal 6:5 in Führung, ein paar Minuten später schlug er die letzte, die siegbringende Vorhand des Spiels nach einem zu kurzen Return.

"Ich habe gelitten"

The winner takes it all? Ja, so sah es aus, als sich Djokovic wie von Sinnen das Hemd vom Körper riss und im Adrenalinrausch fast den Verstand verlor. Aber auch Nadal – und das gehört zum Spektakel dieses Spiels – hatte nach der siebten Niederlage in Folge gegen Djokovic das Gefühl, er habe nicht nur verloren. Im ganzen Jahr 2011 habe er selten so gespielt wie an diesem Abend, meinte er, deshalb sei er froh, wieder auf dem richtigen Weg zu sein.

Und dann gab er einen Einblick in die Welt der Gladiatoren. „Ich weiß nicht, ob ich das gut erklären kann“, sagte er, „aber wenn du fit bist, wenn du Leidenschaft für dieses Spiel empfindest, wenn du bereit für die Herausforderung bist, dann bist du in der Lage, alles auszuhalten. Ich habe gelitten während dieses Spiels, aber ich habe es genossen, jede einzelne, schwierige Situation.“

Was sagte Djokovic, kurz vor vier? „Genau so ist es. Deine Zehen bluten, alles ist völlig außerhalb jeder Norm, aber das ist es, worum es geht.“

Wie gesagt, verrückt, alle beide.

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