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Mitunter tödlich: Die Pferde werden beim Santa Anita Derby über die Bahn getrieben.

Galoppsport

Seabiscuit läuft hier nicht mehr

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Die dubiosen Todesfälle auf der Rennbahn in Santa Anita stehen symbolisch für den Überlebenskampf des Galoppsports in den Vereinigten Staaten.

Die kalifornische Galopprennbahn Santa Anita, nordöstlich von Los Angeles, war einmal die große Bühne von Seabiscuit. Dem kleinen, unscheinbaren Hengst schien der Tod im Schlachthof schon sicher, ehe ein erfahrener, aber erfolgloser Trainer sich seiner erbarmte und es noch einmal auf der Rennbahn mit ihm versuchte. Die amerikanische Soziologin Laura Hillenbrand hat 2001 in einer umfangreichen amerikanischen Sozialgeschichte der Dreißiger- und Vierzigerjahre darüber berichtet, wie Seabiscuit in der Zeit der großen Wirtschaftskrise zu einer amerikanischen Legende und zu einer Identifikationsfigur der Armen und der von Verlustängsten geplagten Mittelschicht wurde.

In insgesamt 89 Rennen siegte Seabiscuit 33 Mal und wurde 28 Mal Zweiter oder Dritter. Das Pferd begeisterte durch seinen unbeugsamen Willen, selbst in schon verloren geglaubten Rennen zeigte es sein Kämpferherz, gab nie auf. Seabiscuits Geschichte wurde 2003 in der Regie von Gary Ross mit Jeff Bridges und Toby Maguire fürs Kino produziert. Der Film erzählt ein soziales Märchen, in der abgestempelte Verlierer – Toby Maguire spielt einen zu groß geratenen Jockey – ihre Chancen suchen und zu nutzen wissen. Weil Seabiscuit von Geburt an nicht wie ein Sieger aussah, wurde er als Trainingspartner für bessere Pferde eingesetzt. Er war darauf konditioniert worden, zu verlieren. Auf der Rennbahn von Santa Anita aber kehrte er als gefeierter Sieger zurück.

Inzwischen aber hat es den Anschein, als sei die Rennbahn selbst der Verlierer. Eine fatale Serie von 23 Todesfällen im Renn- und Trainingsbetrieb seit Dezember 2018 hat das imposante Oval in Verruf gebracht. Nach der Häufung der Todesfälle erfolgte eine vorübergehende Schließung der Bahn, aber eine Gefahrenanalyse blieb mehr oder weniger ergebnislos. Gleich nach der Neueröffnung war erneut ein Rennpferd gestürzt und musste aufgrund der schweren Verletzungen eingeschläfert werden.

Stürze und Verletzungen

Die Ursachenforschung brachte widersprüchliche Resultate. Oft ist ein zu hartes oder zu weiches Geläuf Auslöser von Stürzen und Verletzungen. In Santa Anita aber gibt es neben einer Sandbahn auch ein Rasengeläuf, die Unfälle ereigneten sich auf beiden Belägen. Die ratlose Fachwelt spekuliert, am vergangenen Samstag fand das hoch dotierte Santa Anita Derby statt, es gilt als wichtige Vorprüfung zum legendären Kentucky Derby. Für die Tierschutzorganisation Peta ist die Sache klar. Sie will die Vorfälle auf der einstigen Traditionspiste und heutigen Skandalbahn Santa Anita dazu nutzen, der in ihren Augen tierquälerischen Großveranstaltung Pferderennen insgesamt ein nahes Ende zu bereiten.

Aber dazu braucht es Peta vielleicht gar nicht. In der Berichterstattung über Santa Anita fehlte in den letzten Tagen zwar selten der Hinweis auf die zweistelligen Milliardenbeträge, die im amerikanischen Rennsport in Wetten umgesetzt werden, noch lukrativer sei das Riesengeschäft Pferdezucht. Tatsächlich aber handelt es sich in beiden Fällen um schrumpfende Märkte. Die Einnahmen gehen seit Jahren zurück, viele Rennbahnen wurden im Verlauf der letzten Jahre geschlossen.

Der Besitzer der Rennbahn im Santa Anita Park ist über das Firmenkonstrukt Stronach Park der aus Österreich stammende Unternehmer Frank Stronach, der 2013 in seinem Heimatland mit einer Partei namens Team Stronach auch an den Nationalratswahlen teilnahm. Der Stronach Group gehören in den USA ein ganzes Bündel Rennbahnen. Das Geld verdient das Unternehmen dort aber immer weniger mit Wettumsätzen auf Pferderennen, sondern mit Casinoautomaten an den Strecken.

Der Niedergang des Wettgeschäfts gibt dann womöglich auch Hinweise auf die mysteriösen Unfälle in Santa Anita. Insbesondere amerikanische Kurzstreckenrennen gelten als „überpaced“. Anstelle einer Taktik, die den Kräfteverhältnissen des jeweiligen Pferdes angemessen ist, werden diese vom Start weg schnell angegangen. Die Jockeys treiben die Pferde an und hoffen, am Ende irgendwie anzukommen. Im amerikanischen Rennsport ist der Einsatz von Medikamenten in begrenzten Umfang erlaubt, als umstritten gilt dabei der häufige Einsatz von Lasix, einem Mittel zur Stillung von Blutungen, das den Start von eigentlich nicht einsatzfähigen Pferden ermöglichen soll. Mehr Pferde pro Rennen bieten nun einmal einen höheren Anreiz für Wetten. Die Rennbahn in Santa Anita ist nicht der einzige Problemfall. In Churchill Downs, wo in einigen Wochen das in der Branche als Jahreshöhepunkt geltende Kentucky Derby ausgetragen werden soll, mussten seit 2016 43 Pferde nach Stürzen und Unfällen eingeschläfert werden.

Die Funktionäre des amerikanischen Pferderennsports grübeln nun darüber, wie es weitergehen soll. Längst hat die Affäre auch die Politik erreicht. Eine Geschichte wie die von Seabiscuit und seinen taktischen Meisterleistungen ist nicht in Sicht. Das Industrieprodukt Pferderennen kämpft selbst ums Überleben.

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