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Relax-Zone. Zwei Olympiateilnehmer machen es sich im olympischen Dorf gemütlich.

Olympisches Dorf

Schöner Wohnen

Sportler aus aller Welt genießen wenige Tage vor Beginn der Spiele die Urlaubsklub-Atmosphäre im gut ausgestatteten Olympischen Dorf.

Von JÜRGEN AHÄUSER UND WOLFGANG HETTFLEISCH

So wünscht sich jeder Trainer seinen Athleten, solche Kinder hätten alle Eltern gerne und Rafal Augustyn kommt in seinem Eifer dem vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) propagierten Idealtypen des guten, wahren Sportlers ganz nahe - an diesem sonnigen Nachmittag in Peking jedenfalls. Der polnische Geher hockt im Olympischen Dorf in einem Klassenraum und paukt Chinesisch. Sein erstes Schriftzeichen hat er bereits mit akkurater Schrift auf dünnes Papier gebracht. Andere, wie die beiden US-Amerikanerinnen, geben sich im Spaßzentrum der Kleinstadt der sinnfreien Leibesübung beim Shuffleboard hin. Nebenan kämpfen zwei Litauerinnen beim Tischfußball um die Goldmedaille im Quietschvergnügen.

Es geht rund im Olympischen Dorf. Von der Animationsseite her erinnert das Städtchen mit seinen 16 000 Kurzzeit-Anwohnern ganz stark an einen etwas überdimensionierten Urlaubsklub. Es gibt ein 2000 Quadratmeter großes Fitnesscenter, dessen 400 Muskelmaschinen bis jetzt jeden Morgen von Castros Sportarmee gestürmt worden sind. Kuba macht sich fit für den globalen Verteilungskampf um Gold, Silber und Bronze. Schon gut gestählte Körper nehmen ein Erfrischungsbad im Pool und im nahen, wunderschön angelegten Park transpiriert ein Boxer im Schwitzanzug noch ein paar überschüssige Gramm heraus.

Im Dinnerzelt, ungefähr viermal größer als die Biertempel auf dem Münchner Oktoberfest, widmen sich die beiden deutschen Ruderer Karsten Brodowski und Clemens Wenzel nach dem Training der Kalorienaufnahme. "Alles super hier", sagt der 2,05 Meter große Olympia-Debütant Brodowski und fügt zufrieden hinzu: "Ist ja auch alles für lau."

120 Köche verbraten im wohl artenreichsten Kochstudio der Welt, was Land und Meer hergeben. Von koscher bis schweinisch, von Sushi bis zum Steak - am Essen soll der olympische Traum nicht scheitern. Der weltweit größte Bulettenbrater durfte als langjähriger Sponsor des Internationalen Olympischen Komitees seinen Laden ganz am Anfang der vielleicht 200 Meter langen Delikatessenmeile aufschlagen. Die junge chinesische Garde hinterm Tressen ruft begeistert im Kollektiv: "Wir lieben China." Tatsächlich, hier kommt ganz im Sinne von Urvater Coubertin zusammen, was sonst nicht unbedingt zusammenfindet. Der Volleyballer aus Kuba nimmt Burger satt.

Das Olympische Dorf ist für Journalisten eigentlich die No-go-Area bei den Spielen. Bevor jedoch alle 10 500 Athleten eingezogen sind, hat das IOC zu einer streng limitierten und kontrollierten Besichtigungstour ins Allerheiligste eingeladen. Vorsichtshalber haben die Olympier überall dort, wo sich der ungebetene Besuch unters Volk mischt, Warnzettel verteilt: Achtung heute Medien-Tour. Die beiden deutschen Ruderer nehmen die Störung gelassen. Immerhin erfahren sie von den Fremden doch, dass ihre neue Heimat auch mit einer Disco lockt. "Erst der Wettkampf, dann das Vergnügen", sagen die beiden Potsdamer unisono. Brav! Um die voll ausgestattete Poliklinik machen die Sportler natürlich gerne freiwillig einen Bogen.

Die hellen Quartiere in den neunstöckigen Klinkerbauten kommen in der schwarz-rot-goldenen Riege durchweg sehr gut an. Die auf insgesamt 660 Hektar verteilten neunstöckigen Häuser übertreffen mit ihrer aufgelockerten Architektur "alle meine Vorstellungen", sagt Judoka Benjamin Behrla. Das Sechser-Apartment, in dem die Kampfsportler residieren, sei "richtig penthausmäßig", berichtet der Westfale. "Das hat nichts von einem Fünf-Sterne-Hotel, aber es gefällt allen gut", berichtet Missions-Chef Michael Vesper. Nicht wenige unter den 4036 guten Geistern des Dorfes sorgen dafür, dass sich die Sportler jeden Abend ins gemachte Bett legen können.

"Das Dorf ist so schön grün", lobt Behrlas Judo-Teamkollegin Anna von Harnier. Die gebürtige Stuttgarterin, die in Köln neben Jura auch Japanologie studiert und also ohnehin ein Faible für den Fernen Osten hat, findet außerdem vorteilhaft, "dass die Häuser hier höher sind als die in Athen vor vier Jahren. Dadurch ist man näher beieinander. Man grüßt sich", berichtet von Harnier, "und wenn man mal eine Viertelstunde vor dem Haus sitzt, hat man die halbe Mannschaft gesehen." Promis wie Basketball-Star Dirk Nowitzki inklusive, der sich ja selbst auf das Kontrastprogramm zum gewohnten Nomadenleben in Luxushotels freute wie ein kleines Kind auf den Weihnachtsmann.

Olympia-Novizen wie Nowitzki werden begierig die Atmosphäre aufsaugen, die der erfahrene Andreas Richter, der seine vierten Sommerspiele erlebt, diesmal für eine ganz besondere hält. "Es ist das schönste der Athletendörfer, die ich erlebt habe. Man hat das Gefühl, dass es lebt", schwärmt der Physiotherapeut des deutschen Badminton-Teams.

Gute Voraussetzungen für das Binnenklima in der deutschen Mannschaft, während das Raumklima in den Quartieren noch der Feinjustierung bedarf. Angesichts des schweißtreibenden Wetters könnte mancher Athlet geneigt sein, die Klimaanlage zu weit aufzudrehen, und so eine Erkältung riskieren. Doch die Sportler wissen um die Gefahr und leisten wie Anna von Harnier Verzicht. "Wir haben die Klimaanlage im Zimmer gar nicht richtig an."

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