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Vater und Sohn: Benjamin Hübner (Ingolstadt) im Gespräch mit seinem Vater Sportdirektor Bruno Hübner (Eintracht).

FC Ingolstadt

Schön geht anders

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Der FC Ingolstadt holt mit seinen limitierten Mitteln das Optimale heraus.

Nun also auch Arnd Zeigler. Der Moderator, Sänger, Journalist und Autor, in einem weiteren Nebenberuf auch Stadionsprecher des SV Werder und glühender Verehrer der Grün-Weißen, hat sich am vergangenen Sonntag ziemlich ausführlich über den FC Ingolstadt lustig gemacht. Oder hat er den Verein vorgeführt? Jedenfalls veralberte Zeigler in seiner Kultsendung „Die wunderbare Welt des Fußballs“, die leider immer viel zu spät um 23.45 Uhr beim WDR ausgestrahlt wird, kräftig die Spielweise des Aufsteigers. Erst wurden Szenen zusammengeschnitten, nach denen Spielen der „Schanzer“ ohne erkennbaren Grund sich an den Kopf fassten, laut aufschrien und am Boden wälzten, dann legte Zeigler im Studio nach, in dem er dasselbe tat. An den Kopf greifen, Schrei ausstoßen und vom Stuhl kippen. Das war der Schlussakkord der vergangenen Folge.

Die meisten mögen gelacht haben. Wer aber vom FC Ingolstadt ist, der findet das irgendwie gar nicht lustig. Denn die Klagen über das Vorgehen des so widerspenstig auftretenden und schwierig zu bespielenden Neulings häufen sich. Vor zwei Wochen hatte der FR-Redakteur Jan Christian Müller im Sport1-Doppelpass angemahnt, dass Ingolstadt Mätzchen wie im Heimspiel gegen Werder Bremen (2:0) doch gar nicht nötig habe. Damals hatte ein harmloser Zweikampf an der Mittellinie, nach dem sich ein Akteur theatralisch fallen ließ, zum Führungstor geführt. In der Runde saß damals auch FCI-Sportdirektor Thomas Linke, der keine große Widerrede führte. Die Bilder waren zu eindeutig.

"Tut den Augen weh"

Doch eine Woche später wurde die Debatte bundesweit geführt. Wie grenzwertig darf die Methodik sein, um das Spiel des Gegners in der Fremde kaputt zu machen? Für so manchen vom Hamburger SV, der am vergangenen Samstag nicht über ein mageres 1:1 gegen Ingolstadt hinausgekommen war, hatten die Gäste eine imaginäre Linie überschritten. Mittelfeldspieler Lewis Holtby nannte den Neuling eine „eklige Mannschaft“, die vor allem dadurch auffallen, dass sie „auf Labern, Herumblöken und Sich-fallen-Lassen“ aus seien. Oder wie Stürmer Josip Drmic meinte: „Das war Horror für den Bundesliga-Fußball. Ich denke, so ein Spiel tut den Augen weh.“ Starker Tobak.

Diesmal hielt Linke nicht still. Noch am Sonntag setzte der Sportchef via Twitter die Gegenrede ab. „Ich kann mich nur wundern über die Zitate der HSV-Spieler. Der HSV hat ganz ähnliche Mittel wie wir benutzt.“ Trainer Ralph Hasenhüttl reagierte ebenfalls mit Unverständnis: „Das sind nicht die Ersten, die sich nicht darüber gefreut haben, dass wir einfach keine Ruhe lassen. Das ist Kampf, das ist das, was wir reinlegen können, um in der Liga zu bleiben.“ Schön geht zwar anders, aber erlaubt ist die Methodik allemal.

Der 48 Jahre alter Österreicher beteuert: „Wir haben seit fast zwei Jahren keinen Platzverweis, unfair sind wir nie! Wir laufen viel und sind nah am Gegner.“ Man tue seinem Team unrecht, „wenn man uns nur aufs Kämpfen reduziert. Wir setzen spielerische Akzente.“ Tatsächlich bestätigte sein Team diese Einschätzung am Dienstag im Heimspiel gegen den 1. FC Köln (1:1). Lange war Ingolstadt besser und aktiver, das Remis letztlich leistungsgerecht. Und die Fouls? Köln beging 18, Ingolstadt nur 13.

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In den Statistiken taucht Ingolstadt denn auch nicht als überaus unfaire Mannschaft auf. Sie hat bislang 346 Regelübertretungen begangen, damit liegen sie im oberen Drittel. Ingolstädter Spieler wurden selbst 417-mal gefoult. Was sie wiederum zu nutzen wissen. Von den erst 18 Treffern fielen fünf nach Elfmetern und zwei nach Freistößen. Das Erfolgsgeheimnis ist woanders zu suchen: Anders als der Mitaufsteiger SV Darmstadt 98 steht Hasenhüttls Elf nicht tief und wartet die Angriffswellen des individuell besser besetzten Gegners ab, sondern diese Mannschaft will einen Konkurrenten in viele Zweikämpfe weit weg vom Tor verwickeln. Eine völlig legitime Methode.

Linke erläutert: „Aggressives Pressing ist unsere Art von Fußball. Wir müssen nicht die tollsten Spielzüge zeigen.“ Aber es wirkt: Auch die Frankfurter Eintracht fand in der Hinrunde kein Mittel, wurde von der Leidenschaft der Ingolstädter am Ende sogar verdient mit 2:0 in die Knie gezwungen. Gegen Mitkonkurrenten wie Werder haben die Ingolstädter sogar zweimal nicht unverdient gewonnen. Und dennoch mahnt Linke an, bitte nicht nachzulassen: „Es wird bis zum Ende eine spannende Geschichte. Wir haben es noch lange nicht geschafft. Die Mannschaften hinter uns haben enorme Qualität. Wir sind sehr gut in die Saison gestartet – dann war gleich der Glaube da.“

Und damit hat der heutige Gast im Frankfurter Stadtwald die ideale Ausgangsposition. Die Brust ist breit, das Selbstvertrauen gestärkt, der Druck weg. Nur wenige Punkte fehlen bei aktuell 31 Zählern noch zum ganz großen Ziel. Und das ist allemal nicht nur eine große Überraschung, sondern auch eine große Leistung. Denn seinen Lizenzspielern soll der Aufsteiger nur 20 Millionen Euro zahlen. Und vergangenen Sommer ging der von Audi unterstützte, aber gewiss nicht als Werksverein zu bezeichnende FC Ingolstadt auch nicht auf Shoppingtour. Viele der Leistungsträger sind noch dieselben wie in der zweiten Liga.

Hinterseer in aller Munde

Torwart Ramazan Özcan spielt seit 2011 im Sportpark, Marvin Matip, der sich beinahe auf dem Niveau seines bald beim FC Liverpool spielenden Bruder Joel Matip bewegt, ist gar schon seit 2010 unter Vertrag. An seiner Seite verteidigt Benjamin Hübner tadellos, Spross des Eintracht-Sportdirektors Bruno Hübner. Das Wiedersehen der beiden nahm in der Hinrunde breiten Raum ein.

Für Hübner Senior war das Duell mit seinem Junior nämlich eine Premiere. Zum ersten Mal in seiner Laufbahn hatte es der 55-Jährige in einer Bundesliga-Partie mit einem seiner Söhne zu tun bekommen. „Ich habe versucht, die Vatergefühle für 90 Minuten hinten anzustellen“, sagte er. Bruno Hübner bastelte dabei an der Karriere des inzwischen 26-jährigen Sohnes fleißig mit. „Er hat einen Riesen-Anteil an meiner Karriere“, bestätigte Benjamin im vergangenen Jahr. „Wir haben ein außergewöhnlich gutes Verhältnis.“

Seine rasante Entwicklung zur Bundesliga-Stammkraft steht sinnbildlich für die vieler Kollegen, die als Neuankömmlinge den nächsten Schritt gemacht haben: der Brasilianer Roger im defensiven Mittelfeld, auch Standardspezialist Pascal Groß findet sich immer besser zurecht.

Die Qualitäten des australischen Nationalspielers Mathew Leckie, der bis 2014 beim FSV Frankfurt unter Vertrag stand, sind schon länger bekannt. Mehr Anlauf hat hingegen Lukas Hinterseer gebraucht, der jetzt in aller Munde ist. Der 1,92 Meter hat in den vergangenen drei letzten Partien gegen Bremen, Hamburg und Köln getroffen. Der im bekannten Ski-Eldorado Kitzbühel geborene Neffe des Schlagersängers Hansi Hinterseer möchte mit Österreich unbedingt zur EM fahren. Der 24-Jährige war es auch, der am ersten Spieltag beim 1:0 in Mainz gleich das allererste Ingolstädter Bundesligator erzielt hatte.

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