+
Sieben kleinere Sponsoren unterstützen Brendel inzwischen, nach den Rio-Spielen sind drei neue dazugekommen, aber auch zwei abgesprungen.

Kanu

Schnell verblasster Ruhm

Seine drei olympischen Goldmedaillen machten Sebastian Brendel weder berühmt noch reich.

Es ist Viertel nach sechs, als der dreimalige Olympiasieger Sebastian Brendel an diesem nasskalten Tag im März aus seinem Bett steigt. Der Ausnahmekanute macht sich einen Kaffee und frühstückt in aller Schnelle mit seinen beiden Kindern. Er packt sie ins Auto und bringt sie zur Schule, dann fährt er direkt weiter zum Training. Als Brendel kurz darauf mit müden Augen sein Boot über die Schulter legt und langsam in Richtung Wasser stapft, ist es hell geworden. Gerade einmal drei Grad zeigt das Thermometer am Templiner See in Potsdam, von Sonne und Wohlfühlatmosphäre fehlt jede Spur. „Echt tolles Wetter“, scherzt einer von Brendels Trainingspartnern.

Nach seinen olympischen Goldmedaillen Nummer zwei und drei im vergangenen August in Rio ist Sebastian Brendel, 28, oft gefragt worden, warum er sich das alles weiter antun will. Das frühe Aufstehen jeden Tag, das unerbittliche Paddeltraining auf dem See, im Winter häufig bei Minusgraden, Regen, Wind, Hagel. Warum er trotz all seiner Erfolge der jüngeren Vergangenheit immer noch so oft seinen Koffer packt, um in ein Trainingslager oder zu einem Wettkampf zu reisen – obwohl seine Kinder größer werden, obwohl es kaum Geld zu verdienen gibt im Kanusport.

„Weil meine Zeit als Kanute sowieso irgendwann vorbei ist. Und so lange will ich mein Talent so gut wie möglich nutzen“, antwortet Brendel dann. Bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio macht Deutschlands Vorzeigepaddler weiter, das hat er sich geschworen. „Danach habe ich immer noch genug Zeit, normal arbeiten zu gehen.“

Sein treuer Begleiter ist Ralph Welke, ein Trainerurgestein der alten Schule mit beachtlichen Erfolgen: Dutzende Athleten formte der 57-Jährige in den vergangenen Jahrzehnten zu Weltmeistern und Olympiasiegern. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Welke als Kanutrainer, er kennt die Feinheiten und die Entwicklungen dieses Sports wie kaum ein anderer. Aber als 2004 ein dermaßen talentierter Paddler bei ihm anfing, da war das selbst für Welke ein ganz neues Gefühl: „Sebastian ist mein persönlicher Jackpot, einen solchen Ausnahmesportler bekommst du als Trainer nur einmal.“

Es krächzt und kracht auf dem Templiner See, als Welke sein Motorboot in Gang setzt und ganz langsam die Verfolgung seiner Athleten aufnimmt. Das Boot ist so alt wie Welkes Trainerlaufbahn dauert, es stammt noch aus DDR-Bestand, und das sieht man. Das Modernste daran ist noch ein weißer Aufkleber mit schwarzer Schrift, auf dem zu lesen ist, dass es sich bei dem Boot um Eigentum des Olympiastützpunktes Brandenburg handelt.

Das kleine Boot könnte als Sinnbild für den Kanusport in Deutschland, für den Zustand vieler olympischer Sportarten herhalten. Es steht für die veraltete Infrastruktur, für wenig Geld und noch weniger Ruhm, für ein Dasein abseits des Scheinwerferlichts, aber eben auch für Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit. Im Kanusport ändert sich diese Realität selbst für zigfache Olympiasieger nie. „Wenn Kanuten für Geld paddeln würden, hätten sie ihre Paddel alle schon längst beiseitegelegt“, sagt Thomas Konietzko, ein Unternehmer, der zugleich Präsident des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV) ist.

Auch Sebastian Brendel hat seine drei olympischen Goldmedaillen – eine 2012 in London im Canadier-Einer, die beiden anderen 2016 in Rio im Einer und im Zweier – kaum in Geld oder große Bekanntheit ummünzen können. Sieben kleinere Sponsoren unterstützen ihn inzwischen, nach den Rio-Spielen sind drei neue dazugekommen, aber auch zwei abgesprungen. „Man merkt langsam, dass es ein bisschen voran geht, weil Sebastian jetzt über viele Jahre konstant war“, sagt Welke.

Deshalb hat sich Brendel nach den Rio-Erfolgen einen Manager zugelegt. „Das ist einfacher, wenn das einer macht, der davon was versteht. Da fühlt man sich nicht über den Tisch gezogen“, sagt der Kanute. Eine in Schwaben ansässige Agentur betreut ihn jetzt, ein früherer Beachvolleyballer aus Berlin ist sein Hauptansprechpartner. Auf der Internetseite der Agentur taucht das Stichwort Kanu unter dem Aufgabengebiet von Brendels neuem Agenten allerdings nicht auf, stattdessen steht da: „Beachvolleyball, Fun- und Extrem-Sportarten.“ Verbandschef Konietzko ordnet den seit 1936 olympischen Kanusport dagegen eher als „Volks- und Arbeitersportart“ ein.

Brendel hat schon als Kind angefangen mit dem Paddeln, nur dachte er lange nicht, auch den Durchbruch schaffen zu können. Der kam unverhofft, als er 2004  in eine neue Trainingsgruppe wechselte und zu seiner Überraschung auf einmal mit Älteren mithalten konnte. „Da hat es Klick gemacht, da hat mich der Ehrgeiz gepackt“, sagt Brendel. Es war der Anfang einer sportlich steilen Karriere.

Seit langem verkörpert Brendel wie kein anderer den Erfolg beim seit Jahrzehnten erfolgreichsten deutschen olympischen Sommersportverband. Bei der Olympia-Abschlussfeier im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro durfte er die deutsche Fahne tragen, und in den Wochen nach dem Doppelgold folgten ein paar öffentliche Auftritte, die Brendel auf seiner Facebook-Seite minuziös aufgelistet hat. Er erhielt Einladungen zur ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ und zum Fernsehpreis „Bambi“. Von Bundespräsident Joachim Gauck erhielt er das Silberne Lorbeerblatt, von Bundeskanzlerin Angela Merkel immerhin Glückwunsch-Telegramme anlässlich seiner beiden Triumphe. Brandenburgs SPD bestimmte ihn zu einem Wahlmann für die Bundesversammlung am 12. Februar, bei der Frank-Walter Steinmeier zu Gaucks Nachfolger gewählt wurde. Brendel konnte sehen, wie etliche Berufspolitiker um Fotos mit Berühmtheiten wie Joachim Löw und Olivia Jones buhlten. Ihn beachtete kaum jemand.

Brendel postete bei Facebook stattdessen ein Bild von sich und Brandenburgs Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck – diesen hatte er selbst um ein Erinnerungsfoto im Berliner Reichstagsgebäude gebeten. „Ein paar andere kamen schon zu mir und wollten Fotos mit mir machen, aber das waren hauptsächlich nicht die Berühmtheiten und nicht die Stars“, berichtet Brendel mit einem Lächeln.

Er selbst? Eher kein Star, trotz aller Erfolge. Weil der Kanusport fernab Olympischer Spiele kaum interessiert, weil es an Wahrnehmung fehlt und an Geld. „Wir hätten mehr Rücklauf aus der Wirtschaft und der Gesellschaft verdient“, findet DKV-Boss Konietzko. Doch anders als im Fußball und in diversen anderen Sportarten gibt es kaum Geldgeber, und die staatlichen Mittel reichen gerade mal für das Allernötigste. „Sie hätten sich mal die Unterkünfte unseres Olympiateams direkt vor den Rio-Spielen angucken müssen, da wäre jede Fußball-Sechstligamannschaft sofort wieder raus“, sagt Konietzko.

Vom Kanufahren und seinen Sponsoren allein könnte Brendel niemals leben. Er ist bei der Bundespolizei angestellt und größtenteils fürs Training freigestellt. Mit allen Zuschlägen verdient er 2500  Euro netto im Monat, womit er ein echter Gutverdiener innerhalb des Sportfördersystems ist.

70  Prozent der Kaderathleten müssten von weniger als 3000  Euro brutto monatlich leben, sagt Konietzko. Für seine beiden Rio-Goldmedaillen bekommt Brendel insgesamt 20 000 Euro, muss das Geld aber versteuern. „Ein Anfang wäre, dass man die Prämien steuerfrei ausschüttet“, sagt er. dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion