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Streichen, Zupfen, Kneten - schon vor Tausenden von Jahren wurden Massagetechniken von Indern und Chinesen beschrieben. Massage gilt als eine der aeltesten Heilmethoden der Menschheit. Das Wort selbst stammt aus dem arabischen Kulturraum und bedeutet urspruenglich nichts anderes als "Beruehrung".

Der Schmerzensreiche

Verspannungen, Sprachstörungen, Muskelschmerzen. Da hat Sinthon Chaichakan etwas für Sie. Sein Hospital pflegt die hohe Kunst der Thai-Massage.

Von GEORGES HAUSEMER

Chiang Mai, Wuolai Road. Auf Nummer 238/8 soll sich das Old Medicine Hospital befinden, in dem ich mich telefonisch zur ersten Massage meines Lebens angemeldet habe. Orientierungslos irre ich an zur Straße offenen Handwerkerateliers und düsteren Geschäftspassagen entlang, auf der vergeblichen Suche nach der betreffenden Hausnummer. Die Passanten haben von besagtem Spital noch nie etwas gehört. Bis ich endlich einem in seine Arbeit vertieften Schmied auf die Schulter klopfe, der junge Mann die Schutzbrille absetzt, den Lötapparat ausschaltet und mich mit einer schlichten Geste von Ruß, Lärm und Abgasen erlöst: "Da vorne! Gleich um die Ecke!"

Am Ende einer kaum badetuchbreiten Sackgasse stehen drei Gebäude um einen kleinen Innenhof. Dessen Mitte ziert ein kläglich sprudelnder Springbrunnen, neben dem ein Feuerchen lodert. Es riecht nach verschmortem Gummi. Ein Hund döst unter einer Holzbank.

Eigentlich hatte ich mir das Ambiente für meine allererste Massage etwas einladender vorgestellt. Aber das Schild an der Fassade des Hauptgebäudes zerstreut jeden Zweifel: Traditional Thai Medicine, Herbal Sauna und Massage School Shivagakomarpaj. Sinthon Chaichakan, der 70-jährige Gründer und Direktor der Anstalt, sitzt im dunkelblauen Overall an seinem winzigen Schreibtisch in einem kaum größeren Zimmerchen und spricht kein Wort Englisch. Lebhaft, gestenreich und mit einem schelmischen Blinzeln deutet er auf die Papierstapel, die vor ihm auf dem Pult, neben ihm auf dem Fußboden und rundherum auf den Regalen liegen. Kein Zweifel: Mister Chaichakan ist stolz auf das Geleistete und fürchtet sich nicht vor dem, was in Zukunft noch zu tun bleibt.

Für detailliertere Erläuterungen steht dem rüstig-ruhelosen Herrn eine Dolmetscherin namens Daew zur Seite, zugleich des Doktors engste Mitarbeiterin. Sie führt mich herum und bringt mich schließlich in einen stickigen Raum auf der ersten Etage, wo ein paar Schaumstoff-Matratzen auf dem Boden liegen und zwei mächtige Standventilatoren die warme Luft verquirlen.

Zunächst jedoch berichtet Daew über ihren Chef. Vor bald 40 Jahren gründete der ausgebildete Allgemein-Mediziner das Hospital, in dem ausschließlich alte asiatische Heilmethoden zur Anwendung kommen. Zehn Jahre sind vergangen, seit an das Privatkrankenhaus eine Schule angegliedert wurde, in der auch Ausländer die Kunst der traditionellen Thai-Massage erlernen können. Ein äußerst erfolgreiches Unternehmen, das mittlerweile auch internationales Renommee genießt. Erst letztes Jahr wurde ein zweiter Anbau eingeweiht, ein weiteres Nebengebäude und die Modernisierung der alten Einrichtungen sind geplant.

Ein Kurs dauert in der Regel zehn Tage und kostet umgerechnet 100 Euro. Abgeschlossen wird er mit einer schriftlichen Prüfung zu Theorie und Technik der Thai-Massage und mit einem praktischen Test. Im Erfolgsfall erhält der Prüfling ein vom thailändischen Bildungsministerium ausgestelltes Diplom und kann als selbstständiger Masseur tätig werden.

Das Herzstück der Klinik ist die hauseigene Apotheke. In zimmerhohen Schränken, Dutzenden von Schubladen und Jutesäcken lagern die getrockneten, zerstückelten, zu Pulver zerstoßenen Pflanzen, die - das behauptet Daew jedenfalls - Mister Chaichakan eigenhändig in den Wäldern, auf den Wiesen und Feldern Nordthailands gesammelt hat und für deren Bezeichnung es keine Übersetzung gibt. Ein unschätzbares Gut, zumal der Doktor einer der Letzten ist, die die Geheimnisse der Rezepturen noch kennen und aus eigener Erfahrung wissen, wie die Kräuter, Wurzeln und Rinden zu applizieren, die verschiedenen Mittel zu kombinieren sind.

Doch nun wird es Zeit, meine Masseurin wartet bereits. Sasithon, so heißt sie, kniet barfuß vor einer der Matratzen und legt zur Begrüßung beide Handflächen zusammen.

Was Sasithon und ihre 44 Kolleginnen zu bieten haben, ist Thai-Massage pur, verabreicht mit Händen und Füßen und einem perfekten Gespür für die Bedürfnisse stressgeplagter, rundum verspannter Patienten. Wohlgemerkt: Mit den körperbetonten Diensten, die in den überall in Südostasien als "Massagesalons" getarnten Etablissements offeriert werden, hat Sasithons Behandlung nicht das Geringste zu tun.

Unmerklich gleitet mein Körper über in meditative Ruhe, und die Seele befreit sich vom alltäglichen Ballast. In diesem Stadium lasse ich es mir sogar gefallen, dass Therapeutin Sasithon mich mit beiden Füßen in den Rücken tritt, mich mit ihrem ganzen - zugegeben: nicht allzu üppigen - Gewicht auf meine Oberschenkel und Arme stellt, mich am Ohrläppchen zupft, ihre Handballen minutenlang über meine Schläfen kreisen lässt, kräftig meine Kopfhaut rubbelt und auf die heikelsten Stellen in meinem Gesicht drückt.

Zwei Stunden lang nimmt die zierliche Frau mit den starken Händen den Neuling derart in die Mangel - und verdient, wie sie erzählt, in dieser Zeit 80 Baht, umgerechnet zwei Euro. Nicht viel für eine Tätigkeit, die an harte Arbeit grenzt und trotz Ventilator nicht nur die Masseurin ins Schwitzen bringt. Auch ihr Opfer lernt unter Ächzen und Stöhnen, dass jeder Zufriedenheit eine Schmerzerfahrung vorangeht.

Zwischendurch schaut Dr. Chaichakan kurz einmal vorbei. Wortlos beobachtet er seine Angestellte bei ihrer Tätigkeit. Und mit einem kennerischen Kopfnicken reagiert er auf die Miene des Kunden, der nicht weiß, ob er vor lauter beglückenden Qualen das Gesicht verziehen oder die euphorische Entspannung mit geschlossenen Augen genießen soll. Nur eines steht jetzt schon fest: Das Wechselbad der Empfindungen, das ihm einst in Chiang Mai zuteil wurde, wird er zu Hause schmerzlich vermissen.

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