Aachener Tivoli

Schlammige Heimat

Blick über den Tivoli: In dem legendären Stadion finden nur noch drei Spiele statt - danach geht es in den neuen Tivoli.

Das Aachener Tivoli macht einem modernen Stadion Platz - und wieder wird eine Tradition zur Geschichte.

Von BERND MÜLLENDER

Ein Stadion weniger, eine Arena mehr: Aachen sammelt die Tränen vor dem letzten Spiel am Sonntag auf dem wunderbar maroden Tivoli, wo der große FC Bayern jedes Mal verlor.

Die Idee hatte wirklich Charme. Und lange hatte man bei Zweitligist Alemannia Aachen über den Fanvorschlag nachgedacht, im August ein kombiniertes Abschieds- und Eröffnungsspiel zu machen: Die 1. Halbzeit auf dem alten Tivoli, dann pilgern Spieler wie Zuschauer zur 2. Halbzeit in den Neubau nach nebenan, kaum mehr als einen weiten Abschlag entfernt. Doch "die Super-Idee" sei aus Zeitgründen "leider definitiv vom Tisch", sagt Alemannias Projektmanager Stadionbau Stephan van der Kooi. "Organisatorisch ein Wahnsinn", ergänzt Geschäftsführer Fritjof Kraemer.

So bleibt es beim harten Cut. Beim Kulturschock. Beim Abschied am Sonntag, gegen Augsburg, wenn das letzte Ligaspiel auf dem alten Tivoli von 1928 angepfiffen wird. Es wird ein tränenreiches Adieda, wie man in Aachen sagt, von einem heiß geliebten Stück Heimat.

Es ist ein Abschied von bröckelndem Putz, von stinkenden Latrinen, von schiefen Stufen, Zäunen und Wänden, von notorisch sichtbehindernden Pfeifern, von Eternit-Dächern und rostenden Flutlichtmasten. Eine komfortfreie Spielstatt mit Zelten als VIP-Zone, ohne Logen, ohne Champagner. Für die winzigen Umkleidekabinen mit den betagten Holzbänken (ein Klo pro Mannschaft) würde sich heute ein Kreisligist entschuldigen. In den Kabinen hat sich, so Ex-Kapitän Erik Meijer, "eine Mischung aus Schweiß, Rasen und Schimmel" eingebrannt.

Das Stadion, das mit Vornamen Mythos heißt, Legende oder Kultstätte, galt immer als Kessel, in dem es Hexen mit der Angst bekämen. Wilder Krach dominierte, die Stehhalle der Kuttenträger als Zentrum lauten Leidenschaftsgestrüpps. Historische Aufnahmen zeigen gern einen schlammigen Platz mit dreckigen Akteuren und Fans unter Regenschirmen. War hier immer schlechtes Wetter? In der Vereinshymne von 1967 der "3 Atömchen, vor einem jeden Spiel inbrünstig gesungen, heißt es: "Regenschauer überm Tivoli - jeben für den Siesch die Jarantie".

Nach 80 Jahren kann ein Stadion vieles erzählen. Etwa vom Oktober 1957, als über 35 000 schlanke Nachkriegskörper den Oberliga-Sieg der Kartoffelkäfer gegen Schalke sahen - heute, bei einer Kapazität von 21 300, fragt man sich, wo die nur alle waren. Sporthistorisch war die Versöhnung von Alemannias Uruguayer Horacio Troche und Uwe Seeler 1967 - den hatte der Uru bei der WM '66 noch geohrfeigt. Der Tivoli erlebte 2002 (an einem deutsch-historischen 9.11.!) gegen Union Berlin das schnellste Tor in diesem Fußballland nach Anstoß des Gegners: Miro Spizak nach 7,7 Sekunden. Auch für die Geschichtsbücher: das erste zuschauerfreie Geisterspiel 2004. Und da sind all die Pokalsiege gegen Erstligisten - ob 1986 das Elfmeter-7:6 gegen Werder Bremen oder die Triumphe gegen die Bayern (zwischen 2004 und 2007 1:2; 2:4; 0:1).

Tivoli-Besuch war immer eine Zeitreise ins Gestern, in die eigene Kindheit, so wie Fußball einmal war, mit dem Duft von Bratwurst, Urin, Lehm und Bier. Nirgends sonst kommen die Spieler aus einem 20 Meter langen, klaustrophobisch engen Tunnel "in dieses Bauwerk" (Trainer Jürgen Seeberger). Die dichten Baumreihen ringsum, selten geworden in deutschen Fußballstadien, geben ein zusätzliches Schüsselgefühl. Alles ist so eng und unmittelbar, dass man in England darauf stolz wäre.

Wie anders der neue Tivoli: Eine ausgeklügelt funktionale Arena wie so viele, gebaut von der Hellmich Gruppe. 32 900 Menschen werden Platz haben, mit einer Stehplatz-Wand für 10 000 Fans, 50 Millionen Euro teuer. "80 Reihen pure Emotion", verspricht der Architekt. Der Name Tivoli, also Vergnügungsstätte, bleibt ohne Sponsorenzusatz erhalten. Einrangig, eckig, praktisch. Und auch gut? Die Macher werben knackig: "Eng, steil, laut, gelb."

Gelb sind Dächer und die Sitzschalen, die derzeit montiert werden. Lautstärke? Hängt von Fanverhalten und Akustik ab. Enge kann wegen gesetzlicher Vorgaben nie mehr eine Enge wie früher sein. Und wie steil die Ränge genau sind, Qualitätskriterium für stimmungsfördernde Kompaktheit, wurde bislang nirgends kommuniziert. Stephan van der Kooi sagt, man habe "das Baurecht zu hundert Prozent ausgereizt": 31 Grad seien es im Mittel, nach oben hin etwas mehr. Bitter: Das neue Gladbacher Stadion hat 32, Münchens Oberrang sogar 34 Grad, ähnlich wie Köln, aber da seien störende "Haltebügel vor jedem Sitz vorgeschrieben". Die EM-Stadien in Lüttich und Charleroi nebenan im Belgien sind noch deutlich steiler, aber solch schwindelerregende Bauten sind in Deutschland nicht erlaubt.

Eine Schüssel aus Beton-Fertigteilen, noch ohne Seele. Jahrelang hatte Volkes Seele einen Stadion-Neubau mit Argwohn, gar Abscheu begleitet. Irgendwann aber verfing die wirtschaftliche Drohung, der alte Tivoli stünde quasi für "Nie mehr 1. Liga". Die Fans haben den Neubau mitfinanziert (Anleihen für 4,2 Millionen Euro) und ließen sich während der Rückrunde mitnehmen zum inszenierten Abschieds-Countdown, Motto "Tschö Tivoli". Als es noch acht Spiele waren, hielten alle schwarz-gelbe Schilder mit einer 8 in die Luft. Beim 1:0 gegen Kaiserslautern, dem vorletzten Akt, wurden 22 222 Luftballons mit einer Zwei drauf verteilt. Ein handgemaltes Plakat sekundierte: "Danke, Alte Hütte."

Nicht alles geht. Vor den Baggern gerettet wird die alte, meist defekte Stadionuhr; sie kommt als Reliquie ins neue Stadion, dazu ein paar betagte Wellenbrecher, die zu Stehtischen am Bierstand umgeschweißt werden - "so was ist den Fans, wie wir bei allen Treffen feststellen konnten, ganz wichtig", sagt van der Kooi. Auch der wohltuend sachliche Stadionsprecher Robert Moonen, 63, zieht in seinem 36. Dienstjahr um - und mit seiner Stimme die wehmütige Erinnerung an des Fußballs raue Echtheit, bevor er zum Event wurde.

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