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Der 31-Jährige hat 18 Operationen hinter sich und unter Schmerzen bis zur Höchstleistung trainiert.

Jewgeni Pluschenko

Schenja ist wieder da

Der russische Eislauf-Star Jewgeni Pluschenko begeistert nicht nur seine Landsleute bei seinem Comeback in Sotschi. Er soll das Aushängeschild der Russen werden. Doch die Frage nach seinem Rücken beschäftigt eine ganze Nation.

Von Karin Bühler

Der russische Eislauf-Star Jewgeni Pluschenko begeistert nicht nur seine Landsleute bei seinem Comeback in Sotschi. Er soll das Aushängeschild der Russen werden. Doch die Frage nach seinem Rücken beschäftigt eine ganze Nation.

Die Augen von Anastasia haben alles gesagt. Sie, Studentin um die zwanzig, braunes Haar, stand neben dem Gepäckband auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo als eine der vielen, netten Helferinnen, die Wege weisen, Auskunft geben, Fragen beantworten. Zum Beispiel die, worauf sie sich bei den Olympischen Spielen in Sotschi freue. „Eiskunstlaufen. Jewgeni Pluschenko. Kennt ihr Pluschenko?“ Natürlich. Alle kennen Pluschenko!

Anastasias Augen leuchteten. Sie strahlten für einen Moment heller als das Olympische Feuer. Sie breitete ihre Arme zu einer Triumphgeste aus, ihre Knie machten einen leichten Knicks. Ohne Worte sagte sie: Na also, dann wisst ihr ja, wovon ich rede.

Jewgeni Pluschenko soll für die Russen das Gesicht dieser Spiele sein. Das ist der Plan von Wladimir Putin. Es ist auch der Plan von Jewgeni Pluschenko. Vor allem aber scheint es der Plan von Jana Rudkowskaja, Pluschenkos Frau zu sein. Sie trieb ihn nach seiner Verletzung zum Trainieren an, zu einem Zeitpunkt, als die Ärzte noch zu großer Vorsicht mahnten. Aber Rudkowskaja wusste, was auch Putin weiß: Das russische Volk braucht Helden bei diesen Winterspielen. Und da ist es egal, ob die Helden Kunststoff in der Bandscheibe haben oder Schrauben in der Wirbelsäule. Bei Pluschenko sind es gleich vier.

Ein Meister der Inszenierung

Lange schon vor Beginn der Spiele fragten sich die Frauen, Männer und Mädchen wie Anastasia besorgt: Wie kaputt ist sein Rücken? Wird er wirklich laufen können nach 18 Operationen? Die letzte hatte er vor einem Jahr. Traut er sich das? Oder ist Schenja, wie sie ihn hier alle nennen, in Wirklichkeit alt und ziemlich kaputt?

Der 31-jährige Pluschenko ist ein Meister der Inszenierung. Vielleicht ist es das, was ihn mit Wladimir Putin verbindet. Und auch Jana Radkowskaja versteht ziemlich viel davon. Die blonde Geschäftsfrau hat mal Medizin studiert. Dann eröffnete sie in Sotschi eine Boutique, später ein paar Schönheitssalons. Botox lieferte ihr ein gutes Geschäft. Dann wurde sie Musikproduzentin.

Und nachdem Pluschenko 2006 in Turin Olympiasieger geworden war, heiratete die Luxuslady, die sich gern in Pelz und Designerklamotten zeigt, den Eiskunstläufer mit der zotteligen Achtzigerjahre-Frisur. Sie trug ein zartlila Kleid und hatte die Rechte an der Berichterstattung zuvor sie an eine Zeitschrift verkauft.

In Sotschi ließ Pluschenko nun seine ersten drei Trainingszeiten aus. Da kamen die Fragen natürlich wieder: Tritt er an? Geht es ihm gut? Am Donnerstagmorgen lächelte er, Russlands Flagge in der Hand, vom Titel der Komsomolskaja Prawda. Darunter war seine Botschaft zu lesen: „Sorgt euch nicht um mich. Ich schaffe das schon.“ Und dann dieser Auftritt! Dieses Kurzprogramm am späten Donnerstagnachmittag hinter der blauen Glasfassade des Stadions „Eisberg“ im olympischen Teamwettbewerb. „Schenja, Schenja“, riefen die Menschen. Die Halle mit 8000 Plätzen war ausverkauft.

Drei Olympia-Medaillen

Pluschenko setzte seine Kufen aufs Eis. Die Applikationen auf seinem schwarzen Anzug glitzerten. Er sprühte vor Energie. Er glitt dahin, als sei nie etwas gewesen. Auch die Sprünge funktionierten: dreifach, vierfach, Pirouette, Kombination. Am Ende war sein Gesicht gerötet, sein Brustkorb hob und senkte sich. Die Menschen waren aufgesprungen. „Schenja, Schenja“, riefen sie. Hinter Yuzuru Hanyu aus Japan war Pluschenko auf Platz zwei gelandet – noch vor Weltmeister Patrick Chan aus Kanada. „Ich bin alt, aber ich lebe noch“, rief Pluschenko. Wie erleichtert er war, konnte man sehen.

Drei Olympia-Medaillen hat er schon: 2002 gewann er Silber in Salt Lake City, 2006 Gold in Turin, 2010 wieder Silber in Vancouver. Jetzt will er eine vierte. Für dieses Ziel hat sich Pluschenko in seiner Trainingshalle in Sankt Petersburg geschunden, auch wenn er Schmerzen hatte. Im Dezember unterlag er bei den Russischen Meisterschaften dem jungen Maxim Kowtun. Das machte viele ratlos.

Mädchen wie Anastasia fürchteten, sie könnten Pluschenko bei den Spielen nicht laufen sehen. Qualifiziert war ja ein anderer. Aber die russischen Verbandsfunktionäre gaben Pluschenko vor verschlossenen Türen noch mal die Chance zu einem Leistungstest. „Viele haben sich doch nur wegen mir ein Olympiaticket gekauft“, hat Pluschenko kürzlich gesagt – und vermutlich recht damit.

Am Sonntag folgt für ihn im Teamwettbewerb die Kür. Er will im Eisberg ein Best-Off-Pluschenko laufen mit seinen Lieblingssprüngen, so wie es in der Musikbranche Best-Off-Alben gibt. Jana Rudkowskaja, die Musikmanagerin, wird ihrem Schenja die Daumen drücken. Sie hat für die Zeit nach Olympia für ihn schon ein Engagement bei einer neuen Revue geplant, auch wenn es Gerüchte darüber gibt, er werde nach Italien gehen, wo in Padua gerade eine nationale Eiskunstlauf-Schule entsteht, die seinen Namen tragen soll.

Ober er in Sotschi auch noch im Einzel-Wettbewerb antritt, ist eine andere Frage. Vermutlich reicht die Kraft dafür nicht. Nicht für einen Sieg, und nichts anders erwarten die Russen von ihm. Sie lieben Schenja. Anastasia muss arbeiten, wenn Pluschenko läuft. „Aber ich habe die Nacht“, sagt sie. „Da kann ich ihn als Wiederholung sehen.“

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