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Schauspielerin Raquel führt ihre jugendliche Schönheit auf ein simples Rezept zurück: 'Sport, gesunde Ernährung und die richtige Einstellung". Fuer sie beginne jeder Tag mit zwei grossen Gläsern Wasser und gymnastischen Übungen, verriet die damals 62-Jährige im vergangenen Jahr.

Ich schau' dir in die Augen, Alte

Man ist so alt wie man sich fühlt - oder doch nicht?

Von NICOLE SCHMIDT

Hauptsache jung im Kopf und im Herzen. Jede Falte im Gesicht ist gelebtes Leben. So ein Käse.

Ist doch trotzdem blöde, einen knackigen Geist zu haben, wenn die Haut abschlafft, der Hintern schwabbelt und der Körper langsam schlapp wird. Diese Gedanken erfüllten mich an meinem 46. Geburtstag, morgens, als ich in den Spiegel schaute. Mitleidig hatten mir meine zwei besten Freundinnen zum Kaffeeklatsch straffende Bodylotion, eine neue Antifalten-Augencreme und das Versprechen mitgebracht, zum Aufpeppen gemeinsam in ein Wellness-Wochenende zu gehen.

Wir sollten lieber aktiv was gegen das Altern tun, hatte sich Gaby aus meiner Bauch-Beine-Po-Gruppe eingeschaltet: "Wellness ist doch viel zu lasch. Ich sag bloß Anti-Aging. Damit kannste nicht früh genug anfangen. Mit 60 ist alles zu spät", tönte sie und blickte gnadenlos an mir herunter. Und ich hatte gedacht, mit der Altersvorsorge hätte ich noch ewig Zeit.

Am nächsten Morgen stürzte ich zum Zeitschriftenkiosk und blätterte in den Frauenmagazinen. Tatsächlich. Die Anti-Aging-Welle überrollt die Wellness-Woge. Egal, ob Brigitte, Freundin, Für Sie, Journal für die Frau, Maxi, Shape oder Wellfit: Alle riefen sie auf den Titeln: "Essen Sie sich jung". "Laufen Sie sich jünger". "So gehts - glatte fünf Jahre jünger". Nun gut. Probiere ich es aus. Aber fünf Jahre, das fand ich noch zu wenig. Könnte doch sicher mit Profi-Hilfe mehr drin sein. Ein Verjüngungswochenende, das wärs. Kein Problem, eins zu buchen. Etliche Wellness-Hotels haben inzwischen Anti-Aging als einträgliches neues Geschäft entdeckt.

Ich wählte das Hartl-Life-Resort im Kurort Bad Griesbach vor den Toren Passaus. Vier Luxushotels und zwei Gutshöfe, eingebettet im niederbayerischen Hügelland, gesegnet mit gesunder Luft, einer Thermalquelle, elf Golfplätzen, jeder Menge Wellness-Angeboten und einer "neuen Art des ganzheitlichen Well-Being-Konzepts, um den Alterungsprozess auszubremsen". Das klang vertrauenswürdiger als all die Anti-Aging-Therapien, die sonst so aus den USA herüberschwappen. "Blut-Tuning", "For ever Fun Fruchtgummis", Botox-Faltenweg-Spritzen, straffen, schleifen, liften, lasern, Fett absaugen, Vitamine pfundweise und vor allem Hormoncocktails, deren Nebenwirkung keiner kennt: ohne mich.

"Sie wollen also wissen, wie alt Sie wirklich sind", empfängt mich Roger Eisen, Leiter des Anti-Aging-Zentrums ins Bad Griesbach. Nein. Das will ich eigentlich gar nicht. Es würde mir schon reichen, wenn er mir einfach die "Weltneuheit und Wunderwaffe gegen den körperlichen Verfall" gäbe, damit ich "mit 50 noch faltenlos und frisch wie mit 30" bin. So jubelt nämlich das "Ant-Ox-Health-Management-Programm" in München, ein Labor, mit dem Roger Eisen zusammenarbeitet. Das seien nur ein paar Pillen, erklärt der Doktor. Harmlos und hormonfrei. Wahrscheinlich nimmt er sie selbst, so wie er aussieht. Wie der leibhaftige Anti-Ager. Alterslos jugendlich, charmant, attraktiv, dynamisch, positiv, durchtrainiert, strotzend vor Energie. Her mit den Dingern! Nun, ganz so einfach sei das nicht dem Jüngerwerden. Herr Eisen gibt ganz locker zu, dass eine solche Werbung nicht ernst genommen werden sollte. Stattdessen setzt er mich an den Age Scan. Das ist ein Hochleistungscomputer, der das biologische Alter errechnen kann.

"Bitte ziehen Sie den Kopfhörer auf und drücken auf Knopf A, sobald sie einen Ton hören", fordert mich eine sanfte Frauenstimme auf. Das geht noch leicht. Ich soll mir anschließend Zahlen merken, die in unregelmäßiger Reihenfolge aufleuchten, einen Metallstab mit aller Kraft drücken, jede noch so leichte Vibration anzeigen, in eine Röhre blasen, immer kleiner werdende Nullen und Achten erkennen und noch vieles mehr.

Eine knappe Stunde dauert der Test. "Sie sind biologisch 43", verkündet der Computer. Naja. Ich hatte mit weniger gerechnet. Denn natürlich fühle ich mich wesentlich jünger, so irgendwas mit 30. Das liege nur daran, dass mein Lungensack schon so ausgeleiert sei ("Sie rauchen!") und mein Kurzzeitgedächtnis dem einer 93-Jährigen entspricht, kommentiert der Arzt. Und außerdem könne ich doch ganz stolz sein, fügt Herr Eisen mit Hinweis auf zwei meiner jüngeren Mitstreiterinnen hinzu. In deren Pass steht 29 und 32 Jahre. Der Computer kam auf biologische 46 und 54. Die beiden sehen auch vor lauter Schreck gleich zehn Jahre älter aus. Das ließe sich mit entsprechenden Strategien alles ändern, macht Herr Eisen Mut. Aber erst müsse er noch Knochendichte, Körperzusammensetzung, Hormonprofil und den oxidativen Stress ermitteln. Der sei einer der schlimmsten Altmacher überhaupt. Verursacht durch freie Radikale, aggressive Sauerstoffteilchen, die gesunde Zellen oxidieren lassen. Ach du lieber Himmel! Als ob mir mein normaler Stress nicht schon reichte. Ich will nicht verrosten wie ein alter Nagel.

Kein Grund zur Beunruhigung. Insgesamt alles im grünen Bereich, deutet der Doktor später die Laborergebnisse. Nur ein Wert ist auffällig. "Könnte durch Rauchen bedingt sein", so der Befund. Das schwarz auf weiß zu sehen, wird mir in Zukunft jede Zigarette vermiesen. "Ist doch schon eine prima Anti-Aging-Strategie für Sie", sagt munter der Mann, der niemals einen Zug genoss. Und gibt mir gleich, auf mich abgestimmt, andere Empfehlungen dazu: einen Nährstoffkomplexdrink aus tausend verschiedenen Obst- und Gemüsesorten als Antirostmittel. Viel Ausdauersport, um das Lungenvolumen zu erhöhen. Aber bloß nicht zu heftig, weil mein Blut sonst sauer würde. Gleich morgen früh könne ich mit einem Personaltrainer üben, Verspannungen und schiefe Haltungen vertreiben, wofür ich zur Grundausrichtung ins Orthodynamik-Center nebenan gehen könne. Das Gedächtnis trainieren durch Kreuzworträtsel, Termine merken, Memory spielen. Und dann kommen dazu noch so ein paar allgemeine Strategien: Zweimal wöchentlich leichtes Krafttraining, acht Stunden dunkel schlafen, hauptsächlich Fisch, Hülsenfrüchte, fettarme Milchprodukte, Obst, Gemüse essen, viel Wasser und wenig Alkohol trinken, einmal in der Woche das Abendessen streichen, Entspannungsübungen, lachen und Sex, ruhig öfter. Wenn ich das alles beherzigte, könne ich meine biologische Uhr binnen zwölf Monaten um zehn Jahre zurückdrehen und zehn Jahre auf dem Stand bleiben, sagt der Herr Eisen. Das funktioniere übrigens auch bei Älteren.

Irgendwie kommen mir diese guten Ratschläge fast alle bekannt vor. Klingen so wie früher beim Turnverein "Trimmtrab 130", bei der AOK "im Alter jung bleiben" oder in Apothekerzeitschriften "Rezepte für ein langes Leben". "Dieses Anti-Aging ist doch bloß eine moderne Mogelpackung, um Geld zu scheffeln", kreische ich. "Und was hab' ich dann davon, wenn ich biologisch 36 bin, aber wie 56 aussehe?" Der Vitalarzt bleibt gelassen. Wahrscheinlich alles mentales Anti-Aging-Training. Ihm sei der Slogan "länger leben - später altern" ja auch lieber. Aber das ließe sich nun einmal nicht verkaufen. Außerdem solle ich es doch mal so sehen: Normalerweise gehe die Produktion von Hormonen mit 40 dramatisch bergab. Durch diese Aktivitäten aber sprudele der Hormon-Jungbrunnen wieder munterer. Und der sei Quell für Schönheit, Vitalität und strahlendes Aussehen. Was ich denn glaube, warum er, Eisen, als Siegertyp da stehe und morgens um fünf schon Bäume ausreißen könnte? Durch ein paar Pillchen vielleicht? "Ich baue ständig weiter an meiner eigenen Hormonfabrik. So wie ich haben auch Sie Ihr Leben in der Hand. Entscheiden Sie sich - dann können Sie zu Ihrem 100. Geburtstag Glückwünsche vom Bundespräsidenten erhalten."

Super, die Vorstellung. Dafür hab' ich also ein Anti-Aging-Wochenende gebraucht und rund 800 Euro allein für Analyse mit Beratung hingeblättert. Natürlich sehe ich kein bisschen jünger aus. Aber ich habe mir tatsächlich einen Herzfrequenzmesser gekauft, walke regelmäßig, rauche nur noch ein, zwei Zigaretten am Tag, ekle mich vor Hamburgern, nehme täglich einen Löffel Nährstoffdrink zu mir und kriege eine schlechtes Gewissen, wenn ich nur zweimal Obst am Tag esse. Logisch, ich werd' trotzdem älter. Dann geh' ich wenigstens fit in die Kiste.

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