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Das Lächeln des Siegers: Geraint Thomas, Gewinner der 105. Tour de France.
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Das Lächeln des Siegers: Geraint Thomas, Gewinner der 105. Tour de France.

Geraint Thomas

Aus dem Schatten

  • VonDaniel Brickwedde
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Geraint Thomas gewinnt als erster Waliser die Tour de France. Entgegen seiner Rolle als Helfer von Dauersieger Chris Froome.

Da saß er nun, in Gelb, ganz alleine, auf dem Asphalt neben den Absperrgittern in über 2000 Metern Höhe. Ausgepumpt, ein Handtuch um seine Schultern gelegt, der Blick gedankenverloren ins nirgendwo gerichtet. Möglicherweise schoss es Geraint Thomas in diesem Moment zum ersten Mal durch den Kopf: Er kann tatsächlich die Tour de France gewinnen. Die letzte Bergankunft der Tour lag mit der 17. Etappe hinter ihm, hinauf zum Col du Portet hatte er das teaminterne Duell gegen Chris Froome endgültig für sich entschieden. Während der Brite Zeit verlor, hielt sich Thomas einmal mehr gegen alle Konkurrenten schadlos. Es war eine Art Vorentscheidung. Vier Tage vor Paris hatte er das meiste überstanden, er schien es langsam zu realisieren.

Thomas ist ein unerwarteter Sieger dieser Tour de France. Das Potenzial als Rundfahrer schlummerte schon länger in ihm – zuletzt gewann er im Juni das einwöchige Critérium du Dauphiné, ein wichtiges Vorbereitungsrennen für die Tour. Doch in der Reihe der Favoriten für die großen Rennen war sein Name bislang mit einem Sternchen versehen – als Verweis auf seine fehlenden Topplatzierungen bei dreiwöchigen Landesrundfahrten sowie Froome, Platzhirsch im Team Sky für die Tour de France. „G", so sein Rufname in Abkürzung seines Vornamens, galt als Mann im Wartestand, zweifellos talentiert, allerdings teamintern mit einem vierfachen Tour-de-France-Champion vor der Nase. Im Vorfeld der Tour spekulierte die britische Presse bereits, ob ihm die Zeit für seine eigene Erfolgsgeschichte davonlaufen würde. Drei Wochen später ist das Makulatur.

Beliebt im Fahrerfeld

Die Überlegenheit des Walisers stellte sich im Laufe der Tour als zu erdrückend heraus. Thomas schien in der Form seines Lebens, während Froome Langzeitfolgen einer strapaziösen Italien-Rundfahrt im Mai offenbarte. Das Leistungsprinzip diktierte den Rollentausch bei Sky, die Vertretung durfte gewinnen. Und war im Moment des Triumphes fassungslos. „Unglaublich“ und „ich bin sprachlos“, wiederholte er sich im Kurzinterview nach der letzten Prüfung, dem Einzelzeitfahren der 20. Etappe. Klare Sätze fand er kaum. „Ich habe die Tour de France gewonnen, Mann“, sagte er irgendwann ungläubig lachend. Kurz danach brach er in Tränen aus.

Der Mann aus Cardiff gilt als einer der beliebtesten Profis der Szene, geschätzt für seine bescheidende Art und seinen trockenen Humor. In den sozialen Netzwerken meldeten sich etliche aktuelle oder ehemalige Weggefährten, um ihre Freude für Thomas auszudrücken. 

Viel aus seinem Leben als Radsportler veröffentlichte er bereits 2015 in seinem Buch, „The World of Cycling According to G“. Es ist keine klassische Biografie, seine Eindrücke und Erfahrungen teilt er in Kapitel wie „Cafes“, „Erste Male“ oder „Ich nehme nie die Treppe“ mit. „Ich wollte nicht die übliche Biografie schreiben, weil ich dachte, wen interessiert mein Leben? Es ist nicht so, dass ich von Nilpferden gejagt wurde wie Froome“, sagte Thomas einmal. Er nutzte das Buch auch als Retourkutsche, nannte Froome, den gebürtigen Kenianer, in seinem ihm eigenen Humor einen Südafrikaner. Ihn, stolzer Waliser, hatte Froome zuvor in seiner Biografie versehentlich als Engländer bezeichnet.

Der 32-Jährige gibt ebenfalls offen zu, dem Mönchsleben eines Radprofis in der Saisonpause abzuschwören. Er trinkt Bier, geht oft und gerne aus und isst, was er den Rest des Jahres nicht essen darf. „Ich brauche das“, sagt Thomas, „sonst würde ich das nicht durchhalten.“ 

Zweifacher Olympiasieger

Zum ersten Mal mit der Tour kam er als Elfjähriger 1997 in Berührung. Im TV verfolgte er den Sieg von Jan Ullrich, ein Waliser fehlte seinerzeit im Fahrerfeld. Rugby gilt dort als Nationalsport, Fußballer wie Gareth Bale oder Ryan Giggs gelten als international Stars. Für erfolgreiche Radsportler ist Wales bislang nicht bekannt gewesen. Auch Thomas versuchte sich anfangs als Rugbyspieler, war zudem Schwimmer, ehe er sich mit 14 Jahren auf den Radsport konzentriert. 

Zehn Jahre nach seinem ersten Tour-Erlebnis im Fernsehen stand er selber am Start. Das italienische Team Barloworld schickte ihn gleich in seinem ersten Profijahr zur Frankreich-Rundfahrt, mit 21 Jahren als damals jüngsten Teilnehmer. Thomas berichtete später von einem „Schockerlebnis“ und langen Solofahrten als abgeschlagen letzter Fahrer auf Bergetappen. Bis Paris schaffte er es dennoch, als Vorletzter der Gesamtwertung – fast vier Stunden hinter dem Sieger Alberto Contador.

Große Erfolge verbuchte Thomas zunächst nur auf der Bahn. Ab seinem 17. Lebensjahr gehörte er zum britischen Nationalkader und profitierte in der Folge wie so viele Fahrer seiner Generation vom Aufstieg des britischen Radsports. 2007, 2008 und 2012 kürte er sich zum Weltmeister in der Mannschaftsverfolgung, 2008 gewann er unter anderem mit Bradley Wiggins Gold in der gleichen Disziplin bei den Olympischen Spielen in Peking. Vier Jahre später wiederholte er den Olympiasieg in London.

Erst ab 2014 begann er seine Metamorphose zum Rundfahrer im Straßenradsport – nach Vorbild von Wiggins, der diese Entwicklung 2012 mit dem Toursieg krönte. Sechs Jahre später steht Thomas ebenfalls in Gelb auf der höchsten Stufe seines Sports. „Es ist surreal und wird sicher eine Weile dauern, bis es sich bei mir setzt“, sagte Thomas in der obligatorischen großen Siegerpressekonferenz. Unweigerlich kamen auch die Dopingfragen. „Ich weiß, dass ich es auf die richtige Art und Weise mache“, entgegnete Thomas, „ich arbeite sehr, sehr hart. Mein Ergebnis wird den Test der Zeit bestehen.“ Verändern wird ihn der Sieg nicht, glaubt er. Zeitungen und Websites mit Berichten über Radsport lese er sowieso nicht: „Wenn, dann lese ich etwas über Rugby.“

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