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Demut im Schnee: Streif-Sieger Dominik Paris.

Dominik Paris

Vom Schafhirten zum Schwergewicht

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Vier Jahre nach seinem ersten Sieg auf der Streif wiederholt der bodenständige Italiener Dominik Paris seinen Abfahrts-Triumph.

Dieser Weg war wahrlich kein leichter für den Mann aus Südtirol. Das Ultental, die Heimat des Streifsiegers 2017, ist so ziemlich genau das Gegenteil des nicht nur am Hahnenkamm-Wochenende hyperventilierenden Schickeria Hotspots Kitzbühel. Das einzig Glamouröse an Dominik Paris ist dessen sportliche Bilanz. 2013 war der Karabinieri mit 23 Jahren einer der jüngsten Skifahrer, der sich beim Ritt durch die „Hölle“ nicht den Schneid abkaufen ließ. Den Sieg vier Jahre später ordnete Paris mit einem sehr kehligen, für alle Menschen nördlich der hohen Berge nur schwer zu verstehenden Dialekt, erstaunlicher Weise als „noch emotionaler“ ein als seinen ersten Triumph. „Den Erfolg von damals zu wiederholen, das ist einfach unglaublich.“ Mit zwei Siegen auf der legendären Piste im Tiroler Unterland hat der ehemalige Abfahrts-Vizeweltmeister seinen Prominentenstatus im alpinen Wanderzirkus mehr als verdoppelt. Soziologisch ist der aus einfachsten Verhältnissen stammende Ski-Rennfahrer mit ein paar knackigen Talfahrten praktisch im D-Zug-Tempo in eine andere Welt gerast. Wenn man sich erlaubt, den größten Moment in der Karriere des Südtirolers auf die Show am Samstag zu verdichten, dann hat Paris in weniger als zwei Minuten 77 000 Euro Siegprämie verdient. Für den Bub aus dem Ultental vor wenigen Jahren noch eine unvorstellbar hohes Einkommen.

Mit 16 Jahren schmiss der talentierte, aber wenig ehrgeizige Sohn eines Skilehrers die Schule, um als Maurer der Familie zu helfen, über die Runden zu kommen. Mit 18 ging Paris mit sich und seiner ins Stocken geratenen Karriere in Klausur. Auf einer Alm nahe des Schweizer Splügenpasses hütete er gut drei Monate lang Schafe und verpasste sich eine Diät. Es sollte der Beginn eines neuen, auf den Skisport fokussierten Lebens sein. „Ich hatte erkannt, dass ich hart arbeiten musste, um meine Träume zu verwirklichen.“ Seither gilt der 1,83 Meter große Südtiroler als einer der fittesten Rennläufer überhaupt. Mit einem „Kampfgewicht“ von gut 100 Kilo, den drei Triumphen (einmal Super-G) am Hahnenkamm, ist der bodenständige Südtiroler ein wahrhaftiges Schwergewicht in der von vielen Skihelden bevölkerten Winterwunderwelt.

Skifahren als Therapie

Neben Paris waren es vor allem die hinter ihm platzierten Franzosen Valentin Giraud Moine und Johan Clarey (0,33), die den Österreichern bei ihrem allerheiligsten Skifest eine deftige Ohrfeige verpassten. Bester Rot-Weiß-Roter, aber kaum mehr als nur einer von vielen Adabeis, war der diesjährige Super-G-Sieger Matthias Mayer als Achter. Party-Stimmung gab es somit nur auf den Rängen, wo DJ Ötzi mit einer kurzen Gesangseinlage nicht nur die rund 50 000 berauschten Fans, sondern auch Arnold Schwarzenegger, Bernie Ecclestone, Niki Lauda und Volksrocker Andreas Gabalier zum Wippen brachte.

Irgendwo zwischen Moll und einem gedämpften Dur pendelten sich auch die Gefühle der Deutschen ein. Nach zwei fünften Rängen im Super-G sind die Ansprüche bei den deutschen Schnellfahrern gestiegen. Andreas Sander war als respektabler 13. nicht ganz zufrieden, „weil mehr drin gewesen wäre“. Für Josef „Pepi“ Ferstl (34.) dagegen gab es nichts zu beschönigen. Er hatte sich auf der ruppigen Eispiste schon früh einen Schnitzer erlaubt. „Das ist einfach nur enttäuschend.“

Dass Glück im Sport und im Leben dazugehört, weiß der zweifache Streif-Dominator nicht erst seit Samstag, als der Schweizer Kugelblitz Beat Feuz mit einem Vorsprung von mehr als sieben Zehntelsekunden im Zielhang statt der Siegerlinie die Abfluglinie wählte. 2013 war das Jahr, in dem Dominik Paris die bislang größte Ernte einfuhr, in diesem Sommer musste die Familie aber auch die größte Tragödie verkraften. Der zwei Jahre ältere Bruder von Dominik Paris, Rene, verunglückte mit dem Motorrad tödlich. Skifahren, noch dazu erfolgreich, hat seither für den Südtiroler auch therapeutische Effekte. „Ich hatte heute auch Glück“, sagte Paris. Er hat die Streif schon drei Mal gezähmt, macht aber nicht den Eindruck, dass er je abheben könnte.

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