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Ein Mann der Basis: Leichtathletik-Trainer Albert Junker.

TG 04 Sachsenhausen und LG Eintracht Frankfurt

Ein Leben für die Leichtathletik

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Trainer, Erzieher und Ratgeber: Albert Junker fördert seit 30 Jahren Talente der TG 04 Sachsenhausen und LG Eintracht Frankfurt mit besonderer Gabe und Akribie.

Draußen ist es längst dunkel, der Schulhof verwaist und das Gelände zwischen den Altbauten in einem der beliebtesten Frankfurter Wohnvierteln nur noch notdürftig beleuchtet. Wer den Zugang zur Turnhalle der Wallschule in Sachsenhausen sieht, würde hier in diesem Moment keine besonderen sportlichen Leistungen erwarten. Ein Fehler.

Denn in der Halle umkurven Jugendliche, zehn Mädchen und zwei Jungs, immer wieder die aufgestellten Eisenstangen im Slalom. Mal vorwärts, dann seitwärts, zuletzt rückwärts. Mal laufend, dann springend. Im vorderen Teil der Halle also bewegen sich die jungen Sportler in ihrer rot-schwarzen Trainingskleidung, im hinteren Teil sitzt ein älterer Herr mit gepflegtem grauen Bart. Albert Junker erfüllt der Anblick mit Zufriedenheit. In seiner Nähe liegen zehn Medizinbälle, neben ihm stehen Kästen unterschiedlicher Höhe.

Es ist die Schüler-Leistungsgruppe der TG 04 Sachsenhausen, die der Allesmacher aus der Leichtathletik-Abteilung viermal die Woche trainiert. „Im Winter werden die Weltmeister gemacht“, erklärt Junker. Sprung-, Sprint- und Wurfkraft sowie Kraftausdauer würden in solch zweieinhalbstündigen Einheiten geschult. Grundlagen für die Sommersaison. Nach kurzer Trinkpause schließen sich der Laufschule bereits die Sprungübungen an.

Julia Hückelheim (14 Jahre) und Joana Thater (15), zwei der talentiertesten Mehrkämpferinnen dieser Gruppe, scheinen gefühlt bis unters Hallendach zu fliegen, so kräftig drücken sie sich vom Sprungbock ab. Es herrscht höchste Konzentration. Kein Geschrei, kein Stimmenwirrwarr. Der Trainer muss nicht einmal die Stimme heben, um Korrekturen anzubringen. „Beidbeinig aus der Hocke springen“ ruft er einmal hinein. Seinem geschulten Blick scheint nichts zu entgehen.

Die gemischte Gruppe zögert später verlegen, als sie die Vorzüge ihres Übungsleiters benennen sollen. Aber nach erster Zurückhaltung sprudelt es aus ihnen heraus. „Hat ganz viel Erfahrung!“ „Kümmert sich um jeden!“ „Motiviert uns immer!“ „Fehlt fast nie!“ Ihr Trainer vermittelt nach festen Lehrplänen ein breites Basiskönnen. In Lauf, Sprung und Wurf. Ihm ist es seit jeher ein Anliegen, dass Leichtathleten von Kindesbeinen an ein vielfältiges Spektrum beherrschen. Das Spezialistentum kommt oft zu früh; die Folge sind teils schwere Verletzungen.

Der in Oberrad beheimatete Junker ist einst wegen des Studiums (Sport und Politik) nach Frankfurt gezogen, wurde Sport- und Gymnasiallehrer und bekam eine Anstellung an einer privaten Berufsfachschule. Seine Unterrichtsfächer: Psychologie, Pädagogik, Deutsch, Politik. Sport. „Ich hatte einen stressfreien Lehrerberuf“, sagt er. Bald entdeckte er gemeinsam mit seiner Frau Angela die Liebe zum Laufen, nahm selbst an Wettkämpfen teil. Einmal schaffte er den Marathon unter drei Stunden. Seine Bestzeit von 2:59:17 Stunden hat er noch im Kopf. Wie so oft in solchen Fällen war sein Sohn Patrick dafür verantwortlich, dass sich Albert Junker erstmals als Trainer betätigte.

„Er war damals elf, da ist sein Übungsleiter erkrankt. Im Mehrkampf war er sogar mal hessischer Meister in seiner Altersklasse“, erzählt Junker. Ihn hat die Aufgabe nie mehr losgelassen. Seit drei Jahrzehnten macht er das schon. Mit 70 Jahren ist er zudem Abteilungsleiter der TG 04 Sachenhausen und kümmert sich auch um Talente der LG Eintracht Frankfurt. Insgesamt hat er immer noch mehr als 100 Kinder und Jugendliche unter seinen Fittichen. Nur der Mittwochabend ist bei ihm trainingsfrei. Wenn am 1. Mai die Sommersaison startet, sind auch die Wochenenden fast durchgängig belegt. Mit regionalen, Hessischen oder Deutschen Meisterschaften.

Erfüllung oder Verpflichtung? „Diese Frage stellt mir meine Frau auch“, antwortet er und lacht. Er sei eben keiner, der es sich als Rentner nur bequem mache, ein Buch lese und abends nicht mehr aus dem Sessel komme. Stattdessen fährt er in die kleine Turnhalle der Martin-Buber-Schule auf dem Sachsenhäuser Berg, die moderne Leichtathletikhalle in Kalbach oder auf den Sportplatz an der Babenhäuser Landstraße. Trainiert wird bei Flutlicht und Tageslicht. Bei Wind und Wetter.

INFO

Die FR-Serie erzählt von Menschen, die viel bewegen – mal sich selbst, mal andere. Von Sportlern, die außergewöhnliche Leistungen vollbringen oder vom Schicksal hart getroffen wurden. Von Trainern, die die Sportler zu außergewöhnlichen machen. Von Ehrenamtlichen, die für ihre Vereine unverzichtbar sind.
Heute: Ganz nah dran an Albert Junker, Trainer der TG 04 Sachsenhausen.

Sogar die Jüngsten, die erst Sechs- bis Neunjährigen gehen durch seine Schule. Ein Nachfolger ist weit und breit nicht in Sicht. „Ich möchte mich ja ein bisschen zurückziehen, aber es täte mir leid, wenn deswegen die Leichtathletik-Abteilung aufgelöst werden müsste. Die jungen Leute sind oft nicht bereit, ein bisschen Idealismus zur Verfügung zu stellen. Die Bezahlung spielt natürlich auch eine Rolle.“

Aber woher sollen es kleine Stadtteilvereine denn nehmen? Die TG 04 Sachenhausen zahlt im Jahr allein 40 000 Euro, um Turnhallen anzumieten. Da reicht das Geld für eine bessere Honorierung der Übungsleiter hinten und vorne nicht. Und ohne einen Tausendsassa wie Junker, der jeden Morgen selbst den Tag mit einem bis zu 60-minütigen Dauerlauf startet, würde der Betrieb schon gar nicht mehr laufen. Wer die Trainingsstunden, die Heimarbeit für die Vorbereitung und die Benzinkosten gegen die Aufwandsentschädigung gegenrechnet, stellt schnell fest, dass ein Leichtathletiktrainer in der Nachwuchsarbeit nichts verdienen kann.

In den Erwachsenenbereich zu wechseln, erzählt Junker, „war nie eine Überlegung“. Klar, er kennt die zweifache Europameisterin im 3000-Meter-Hindernislauf, die Frankfurterin Gesa Felicitas Krause, und die Vizeweltmeisterin im Siebenkampf, Carolin Schäfer, die bei der LG Eintracht Frankfurt trainiert, aber irgendwie hat ihm die Basis mehr gegeben. Das Gefühl, Werte vermitteln zu können und wirklich gebraucht zu werden. Vielleicht war er für die Spitze auch zu sanft-, zu gutmütig. „Ich war nie ein autoritärer Trainer. Heute bin ich doch fast eine großväterliche Figur“, sagt er.

Einfühlungsvermögen sei bei den jungen Sportlern in der Pubertät gefragt. „Du musst dich als Trainer in jeden hineinversetzen. Ich bin dann zu 70 Prozent Psychologe.“ Allerdings: „Wir verlieren viele zwischen 15 und 17 Jahren, weil sie keine Lust mehr zum Training haben.“ Nicht nur bei ihm begeistern sich immer weniger Jungs für eine Sportart, die aus seiner Sicht doch ein Publikumsreißer ist. Wer ist am schnellsten? Wer springt am höchsten? Wer wirft am weitesten? Das hätte die Menschen schon immer interessiert. Der Leichtathletik-Erzieher verhehlt nicht, dass ihm die Dominanz des Fußballs schwer zu schaffen macht. „Oft bekomme ich die Antwort: ‚Ich spiele doch schon Fußball.‘ Da habe ich es mit meinen Argumenten schwer.“

Albert Junker sieht auch mit Sorge, dass der Schulsport längst keine Grundlagen mehr vermittelt wie das noch in seiner Zeit die Regel war. „Es ist schlecht, wenn ein Schüler bei durchgestreckten Beinen nicht mehr mit den Handspitzen den Boden berühren kann.“

Seinen Talenten kann das nicht passieren. In einer der letzten Übungen stellen sich die zwei Gruppen gegenüber auf, um einen Medizinball fast durch die ganze Halle zu werfen. Mit rechts und mit links. Vorwärts und rückwärts. Der Schwingboden bebt, wenn die schweren Bälle gleichzeitig auf ihn klatschen. Albert Junker muss nichts sagen. Er nickt nur. Auf seinem grauen T-Shirt steht in blauen Druckbuchstaben das Wort „Champions“. Er macht vielleicht keine. Aber er ist einer.

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