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Raste die Streife rasch hinab und wurde Siebter: Romed Baumann.

Romed Baumann Siebter in Kitzbühel

Genugtuung für den „Piefke“

Skifahrer Romed Baumann wechselt die Nation und fährt für Deutschland in Kitzbühel in die Weltspitze.

Es gab kaum mehr Zweifel, dass sich Kitzbühel am Abend und in der Nacht auf etwas gefasst machen konnte. Auf noch mehr Feierwütige als sonst. Im Zielraum wurde Matthias Mayer bereits gefeiert als Sieger der Hahnenkammabfahrt, da schreckten die Fans noch einmal hoch, der Führende blickte ebenfalls konzentriert auf die Videoleinwand. Dem Österreicher war ein gebürtiger Österreicher bis zur vorletzten Zwischenzeit ganz dicht auf den Fersen, verlor dann aber doch ein paar Zehntelsekunden und landete schließlich mit 0,83 Sekunden Rückstand auf Platz sieben. Damit wäre Romed Baumann eigentlich drittbester Österreicher gewesen, allerdings hatte er im vergangenen Sommer bereits die Nation und damit den Rennanzug gewechselt. Statt rot-weiß trägt er nun schwarz-weiß, weshalb ihm die Zeitung „Österreich“ den Spitznamen „Piefke-Zebra“ verpasste. Am Samstag sorgte er für das beste deutsche Ergebnis, aber vor allem war es „eine Genugtuung“, wie Baumann zugab.

Nach der vergangenen Saison war er vom Österreichischen Skiverband aussortiert worden, ist nach 15 Weltcupjahren, in denen er zwei Siege und eine WM-Medaille (Kombinationsbronze 2013) holte, aus dem Kader geflogen. Vor einem Jahr hatten ihn die Trainer nicht mehr für die Abfahrt auf der Streif nominiert. „Der Tiefpunkt meiner Karriere“, sagte Baumann. „Da bin ich rumgelaufen wie ein geschlagener Hund und habe nicht gewusst, wie ich aus dem Loch herauskomme.“ Er hätte es gut sein lassen können, sich damit abfinden, dass er mit 33 seine besten Zeiten hinter sich hat. Aber so wollte er nicht aufhören.

Yule gewinnt Slalom

Die deutschen Skirennfahrerhaben zum Abschluss der 80. Hahnenkamm-Rennen in Kitzbühel die große Chance auf ein Spitzenergebnis vergeben. Im Weltcupslalom rutschte Anton Tremmel als Siebter des ersten Durchgangs im Finale noch zurück auf Platz 18, in seinem 14. Weltcuprennen war es dennoch das beste Einzelergebnis seiner Karriere. Linus Straßer schied mit einer übermotivierten Fahrt im Finale an der ersten Zwischenzeit aus. Sebastian Holzmann war zwei Tage vor dem Flutlichtslalom in Schladming deswegen auf Rang 17 am Ende der beste im deutschen Team. Den Sieg holte sich der Schweizer Daniel Yule vor Marco Schwarz aus Österreich. Clement Noel aus Frankreich wurde Dritter. dpa

Die Lösung war ein Nationenwechsel. Und weil sein Lebensmittelpunkt seit Jahren jenseits der Grenze in Kiefersfelden liegt, und er nun obendrein seine oberbayerische Freundin heiratete und damit die deutsche Staatsangehörigkeit bekam, lag es nahe, beim Deutschen Skiverband anzufragen. Der nahm ihn schließlich auf, „aber nicht mit Begeisterung“, wie Alpinchef Wolfgang Maier zugibt. Denn die Zeiten, in denen ein österreichischer Abfahrer aus der zweiten Reihe das deutsche Speedteam weiterbringt, sind längst vorbei.

Die Skepsis aber wich schnell, weil sich Baumann problemlos unterordnete – und bereitwillig sein Knowhow weitergab. „Wir haben mit ihm die Rennanzüge überarbeitet und er gibt den Jungs den einen oder anderen Tipp, was sie in Österreich gemacht haben“, sagt Maier. Der DSV hat sich dafür mit Nestwärme revanchiert, die der Athlet in der großen rot-weiß-roten Skination nie erfahren hatte. „Wir müssen – aber das hat auch seine Nachteile, nicht nur Vorteile – die Leute, weil wir so wenige haben, hegen und pflegen“, sagt Maier. Für Baumann war dies eine ganz neue Erfahrung: „In Österreich herrscht von Anfang an Konkurrenz“, darunter leidet zwangsläufig der Teamgeist. Bei den Deutschen stellte er fest, „gönnte jeder dem anderen den Erfolg“ – und das scheint ihn zu beflügeln. Er arbeitete sich in der Weltrangliste wieder unter die besten 30.

Als Baumann abschwang, freuten sich die Kollegen im Zielraum, auch Thomas Dreßen. Der Kitzbühel-Sieger von 2018 landete nach einem verpatzten Lauf nur auf dem 26. Platz, hoffte aber, dass es ein Kollege, „vielleicht sogar so gut macht wie ich vor zwei Jahren, dann bleibe ich da und feiere mit. Wir sind ein Team und halten zusammen.“

Die Ex-Kollegen Mayer und Vincent Kriechmayr, der gemeinsam mit dem Schweizer Beat Feuz auf Platz zwei landete, spendeten anerkennenden Applaus für Baumanns Comeback in der Weltspitze, aber so sportlich reagierten nicht alle in Kitzbühel. Bei der Besichtigung am Samstag musste Baumann, der nur eine knappe halbe Autostunde von Kitzbühel entfernt aufgewachsen ist, erleben, „wie die Leute Judas grölen“, erzählte Maier. Für die Harmonie beim Hahnenkammrennen war es wahrscheinlich ganz gut, dass Baumann sich brav hinter den Podestplätzen einreihte.

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