Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

An guten Tagen gehorcht Totilas seinem Reiter Matthias Rath so perfekt, dass das Paar tatsächlich für olympische Medaillen tauglich scheint.
+
An guten Tagen gehorcht Totilas seinem Reiter Matthias Rath so perfekt, dass das Paar tatsächlich für olympische Medaillen tauglich scheint.

Reiten

Rollkur für Totilas

  • VonKatja Sturm
    schließen

Mit umstrittenen holländischen Methoden versuchen Vater und Sohn Rath, den Star-Hengst Totilas auf Siegkurs zu trimmen. Beim internationalen Reitturnier in Hagen gelingt das: Wunderpferd Totilas absolviert den besten Grand Prix unter Rath.

Unruhe machte sich breit auf dem Abreiteplatz. Wer die Startliste des nebenan bereits laufenden Dressur-Grand-Prix zur Hand hatte, schaute immer wieder verwundert drauf. Hätten sie nicht schon längst da sein und die Piaffen und Passagen schon mal vorbereiten müssen? Oder war das Comeback von Matthias Rath und dem populären Totilas wieder einmal und diesmal ganz kurzfristig verschoben worden?

Die Fragen geisterten durch die Menge, wurden immer lauter diskutiert, Gerüchte über das vorzeitige Scheitern der so vielversprechenden Zusammenarbeit kursierten bereits. Schließlich hatten der Reiter aus Kronberg und sein mächtiger Trakehner sich acht Monate lang, seit der Europameisterschaft in Rotterdam, nicht mehr im Turnierviereck sehen lassen.

Hochsensible Partnerschaft

Dafür machten Meldungen über Verletzungen des Pferdes die Runde, gefolgt von einem disharmonischen Auftritt während einer Hengstparade Anfang des Jahres. Vor dem Auftritt im Teutoburger Wald hatte Rath zudem zweimal umgeplant, erst für die Kür, dann den Spécial und schließlich doch wieder für die Kür gemeldet.

Die Erklärung für das vergebliche Warten eines Großteils der Fans und Kritiker fiel aber viel einfacher aus: Rath und Totilas bereiteten sich auf einem weiter entfernten Platz auf der Anlage vor. Das habe er an beiden Trainingstagen schon so gemacht, sagte sein Vater und Trainer Klaus- Martin Rath, und dieses Gefühl habe er beibehalten wollen. Schließlich ist die Partnerschaft zwischen Reiter und Pferd eine hochsensible.

Vor den Augen der Tierliebhaber

Die Entscheidung zahlte sich aus: Rath und Totilas absolvierten den besten Grand Prix ihrer bisherigen Zusammenarbeit, gewannen, begleitetet vom Dauerklicken zahlreicher Kameras, mit 83,809 Prozent vor der britischen Weltmeisterschaftszweiten Laura Bechtolsheimer auf ihrem Toppferd Mistral Hojris (82,745) und entschieden einen Tag später auch zu Michael-Jackson-Klängen die Kür mit Bestleistung (88,025) für sich.

„Ein kleiner Traum“, kommentierte der 27-Jährige. Die Augen von Stiefmutter Ann Kathrin Linsenhoff, die das zehn Millionen Euro teure Ross gemeinsam mit Paul Schockemöhle eignet, schimmerten feucht.

Ähnlich emotional hatten allerdings auch vereinzelt Tierliebhaber reagiert, die vor den Prüfungen den Weg zum abseitigen Abreiteplatz gefunden hatten und Rath dort zusahen. Denn schön fanden sie nicht, was der Reiter dort fast 20 Minuten lang, unterbrochen durch eine Schrittpause, und im Beisein des neuen Dressur-Bundestrainers Jonny Hilberath demonstrierte. Passagen und Traversalen absolvierte er mit Totilas, bei denen er dem Hengst den Kopf mit den Zügeln fast auf die Brust zog.

Manchmal drehte der Rappe auch das Haupt ausweichend zur Seite ab.

Erfolg durch Schmerzen

Die Trainingsmethode, Rollkur genannt, ist umstritten. Sie verursache dem Pferd Schmerzen, der Hals werde durch das Einrollen überdehnt, die Rückenmuskulatur verkrampfe, lauten nur einige Gründe, die die Kritiker anführen. Der Weltverband FEI erlaubt sie dennoch; allerdings nur für kurze Zeit, was die Schrittpausen erklärt, und wenn sie richtig, „ohne Aggression“, ausgeführt werde. Eine Petition gegen die Anwendung hatte vor dieser Entscheidung auch Klaus-Martin Rath unterschrieben.

Nun jedoch scheint er in der tiefen Haltung die richtige Methode zu sehen, damit sein Sohn den kraftvollen Zwölfjährigen doch noch dauerhaft in den Griff bekommt.

Vergangene Saison sei Matthias nach ersten Siegen „bei der WM zum Beifahrer geworden“. Als Konsequenz hatten Vater und Sohn abseits der traditionellen deutschen Reitlehre nach neuen Ideen gesucht und sie in der „holländischen Methode“ gefunden. „Das Pferd wurde sechs Jahre darin ausgebildet“, erinnert Klaus-Martin Rath an Totilas’ große Erfolgszeiten, in denen er unter dem Niederländer Edward Gal und ähnlich vorbereitet zum Weltmeister und Weltrekordler gereift sei.

Da der Dressurausbilder das System der Nachbarn nicht genau kennt, suchte die Familie Linsenhoff/Rath um Hilfe bei Sjeff Janssen nach.

Der niederländische Nationaltrainer führte unter anderem seine Ehefrau Anky van Grunsven zu drei Olympiasiegen. Allerdings quittierten hierzulande die Zuschauer das Abreiten der Erfolgsreiterin immer wieder mit Unmutsäußerungen, weshalb sie sich nach entsprechenden Erfahrungen in Aachen weigerte, dort noch einmal anzutreten.

Der Zweck heiligt also die Mittel?

Janssen bekam es jedoch vom eigenen Verband untersagt, die deutsche Konkurrenz für die Olympischen Spiele im Sommer in London stark zu machen. So versuchen sich die Raths jetzt selbst zu helfen und sich an die Methoden „heranzutasten“, wie Klaus-Martin Rath sagt. Indem sein Sohn dem Hengst, der durch das rege Deckgeschäft immer selbstbewusster und maskuliner werde, in der Arbeitsphase erst mal wenig Spielraum lasse und ihm zeige, wer der Herr sei, stelle er sich dann im Viereck so dar, „wie wir ihn haben wollen“.

Der Zweck heiligt also die Mittel? Rath pariert: „Wenn das System nur aus Grobheit bestehen würde, würde es nicht zu solchen Erfolgen führen.“ Denn die Pferde, die die Holländer vorstellten, seien ja auch nicht nur Eintagsfliegen, sondern über einen längeren Zeitraum internationale Spitzenklasse.

Hilberath sieht das ähnlich: Er mische sich als Bundestrainer nicht in die eigentliche Arbeit ein, sondern koordiniere nur, erklärte der Nachfolger des vor zehn Tagen plötzlich verstorbenen Holger Schmezer. „Für mich ist entscheidend, ob der Sport funktioniert.“

Olympiasieg ist kein Selbstläufer

Das sei bei Totilas und Matthias Rath in Hagen der Fall gewesen. Zudem wunderte sich Hilberath, wie viele Leute von außen beurteilen könnten, wie stark der Reiter auf das Pferd einwirke: „Ich könnte das nicht.“ Von der Körpersprache gehe er zumindest davon aus, dass Totilas sich wohlfühle.

Doch selbst wenn Matthias Rath es mit den umstrittenen Mitteln gelingt, Totilas dauerhaft im Griff zu behalten – der Olympiasieg, den viele von ihm erwarten, ist selbst dann kein Selbstläufer.

Die Konkurrenz hat aufgeholt, „sechs, sieben Pferde“ hält nicht nur der erfahrene Dressurrichter Christoph Heß für goldmedaillentauglich, andere sprechen von mehreren Wunderpferden à la Totilas. Zur Bestätigung sorgte die Britin Charlotte Dujardin auf dem zehn Jahre alten Wallach Valegro im neuen Grand Prix Spécial mit 88,022 Prozent in Hagen für einen Weltrekord.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare