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Ricarda Bethke (links) mit glücklichen Läufern im Schlepptau.

Frankfurt Marathon

Die Rolle der Zugläufer

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Die sogenannten Zugläufer sind beim Frankfurt Marathon für viele Läufer auf der Strecke ein Fixpunkt. An ihnen können sich alle orientieren, die eine bestimmte Zeit erreichen wollen.

Wenn Ricarda Bethke in Frankfurt Marathon läuft, wird sie regelmäßig verfolgt. Die Strecke vor ihr ist frei, dahinter tummeln sich die Läufer. Die Wahlschweizerin ist eine der 24 sogenannten Zugläufer. An denen können sich andere Läufer orientieren, die eine bestimmte Zeit erreichen wollen. Zu erkennen sind die Zugläufer an ihren T-Shirts und den gelben Ballons, auf denen die Zielzeit drauf steht.

Auf dem Ballon von Bethke steht 3:29 Stunden. Für viele Läufer ist es ein Traum, die 42,195 Kilometer einmal unter dreieinhalb Stunden zu laufen. Für Bethke ist das kein Problem. Langsamer laufen hingegen schon. „Viereinhalb Stunden, das wäre für mich Schwerstarbeit; ich weiß gar nicht, ob ich das hinkriegen würde“, sagt Bethke.

Die gebürtige Sächsin ist Extremsportlerin. Sie hat zweimal die Tortour de Ruhr gewonnen, einen Lauf über 230 Kilometer. Da wird ein Marathon fast zur Schnupperstrecke. Ihre Bestzeit über die längste olympische Laufdistanz steht bei 3:10 Stunden. Solche Zeiten läuft sie ständig. „Ich bin in den vergangenen Wochen die Marathons in Berlin und Locarno beide Male in 3:25 gelaufen, ohne dabei auf dem Zahnfleisch zu gehen“, sagt Bethke.

Über ihren Lebensgefährten Jens Vieler, der die Tortour de Ruhr ins Leben rief, kam Bethke zum Marathon nach Frankfurt und ist hier nun im vierten Jahr als Zugläuferin dabei. Die Aufgabe macht ihr großen Spaß. Aus Bethke sprudeln nur so die Anekdoten über dankbare Läufer, die sich an sie dranhängen, um das Ziel in der Festhalle in ihrer Wunschzeit zu erreichen. Bethke staunt, was die Leute dafür alles machen. „Im vergangenen Jahr hat mich ein Läufer schon im Vorfeld kontaktiert und von seinem großen Traum berichtet, den Marathon einmal unter 3:30 Stunden zu laufen.“ Er habe überall in der Wohnung und im Auto Aufkleber mit „3:30“ angebracht. Letztlich habe er aber bei Kilometer 35 abreißen lassen müssen.

Die Taktik, sich einfach die ganze Strecke lang an einen Ballonläufer dranzuhängen, muss auch nicht immer richtig sein, gibt Bethke zu bedenken. Denn sie läuft wie ein Uhrwerk jeden Kilometer in 4:57 oder 4:58 Minuten, während weniger geübte Läufer gegen Ende eher nachlassen. Wer jedoch nach 35 Kilometern immer noch an ihr dranhänge und frisch aussehe, dem ruft Bethke schon mal zu: „Mensch, gib Gas, Du kannst doch schneller laufen.“ Ohnehin versucht die Ausdauerathletin, die Läufer auf der Strecke mit Sprüchen und Nachfragen bei Laune zu halten. Dann wird auch schon mal gescherzt, dass ihre Bestzeit bei 3:45 Sunden liege, oder gefragt: „Sind denn auch noch Mädels hinter mir?“

Vor zwei Jahren hat die gebürtige Dresdnerin während des Rennens einen richtig guten Draht zu einer anderen Läuferin entwickelt. Es tat ihr dann sehr leid, als diese abreißen lassen musste. „Ich kann nicht bei dir bleiben, ich muss meinen Job machen“, hat sie dann mit Bedauern gesagt. Spontane Umarmungen und euphorischer Dank sind Bethke im Ziel aber immer gewiss.

Nicht nur deswegen ist die Pacemakerin, die jetzt in Solothurn lebt, gerne in Frankfurt. Die Wolkenkratzer, die tolle Organisation und die große Läufermesse haben es ihr angetan. „Der Marathon in Zürich ist ja auch groß, aber da besteht die dazugehörige Messe aus vier Ständen.“ Denn shoppen geht eine Ballonläuferin wie Bethke nur, wenn es Laufzubehör gibt.

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