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In vertauschten Rollen: Mo Farah und Usain Bolt.

Olympia 2012

Rogge provoziert Bolt

Der dreifache Olympiasieger möchte "Legende" genannt werden. Der IOC-Präsident aber bleibt reserviert, wenn es um den Wundersprinter aus Jamaika geht.

Von Jens Weinreich

Nein, das Wort Legende kam Jacques Rogge nicht über die Lippen. Er hatte sich, wie schon 2008 in Peking, über die Medien ein verbales Duell mit dem Jamaikaner Usain Bolt geliefert. Damals kritisierte er Bolts übertriebene Show. Als sich Bolt nach seinem zweiten Sieg in London als „lebende Legende“ bezeichnete, sagte Rogge trocken, um zur Legende zu werden, müsse man schon an drei oder vier Olympischen Spielen teilnehmen. Woraufhin Bolt mit seinen Staffelkollegen am Samstag die dritte Goldmedaille holte, Weltrekord lief (36,84 Sekunden) und schimpfte: „Was soll ich noch machen, um in Rogges Augen eine Legende zu werden? Ich bin zwei Mal drei Mal Olympiasieger geworden, ich war Weltmeister, bin viele Weltrekorde gelaufen. Wenn sie Rogge das nächste Mal treffen, dann fragen sie ihn, was Usain noch machen soll.“

Eine Ikone, keine Legende

Am Sonntag wurde Rogge natürlich gefragt. Eine „semantische Frage“ sei die Legendendebatte, antwortete er. „Lassen sie mich dieses Thema bitte so beenden: Usain Bolt ist ein Sportler, der sich sehr aktiv darstellt. Er ist eine Ikone. Er ist der beste Sprinter aller Zeiten.“

Bolt wird in Kürze antworten und wiederholen: „Ich bin eine lebende Legende.“ Das sagen auch seine Freunde, mit denen er am Samstag seinen insgesamt sechsten Olympiasieg feierte: Yohan Blake etwa, der zwei Mal Zweiter hinter ihm wurde und in der Staffel den Stab an Schlussläufer Bolt übergab. Oder Mohamed Farah, geboren in Somalia, aufgewachsen in London, der Bolt sogar die Show stahl. Denn der Höhepunkt des Abends war nicht Jamaikas wundersame Staffel, sondern Mo Farahs 5?000-Meter-Lauf. „Eine Stimmung wie im Fußballstadion“ sei das gewesen, sagte Farah. Tosender Lärm, gemischt mit Tränen und Massengesängen. Zunächst intonierten die meisten der 80?000 Menschen „Wonderwall“ von Oasis, dann die Nationalhymne.

Farah rührt die Herzen

Es war berührend. Farah war der Champion der Herzen, der schon die 10?000 Meter gewonnen hatte und erklärte, er habe die beiden Goldmedaillen gebraucht, schließlich erwarte seine Frau, die auf der Tribüne saß und ständig eingeblendet wurde, Zwillinge. Zwei Mädchen, zwei Medaillen.

Die Stadionregie änderte flink die Pläne und ehrte nicht Bolts Staffel als letzte, sondern Mo Farah. Nach den Siegerehrungen posierten Farah und Bolt gemeinsam auf dem Podium. Sie werden vom selben Management betreut. Mo Farah, 29, gab den Lightning Bolt. Usain Bolt, 25, machte den sogenannten Mobot, eine Siegergeste, die vor einigen Wochen in einer Fernsehshow von einem Comedian für Farah kreiert worden war. Kurz vor Mitternacht sprach Farah dann die Worte aus, die Bolt so gern hört: „Einen wie ihn werden wir vielleicht nie wieder sehen. Er ist eine Legende.“

Usain Bolt wird kommende Woche 26. Kumpel Blake, der ihn bei den Olympiaausscheidungen in Kingston zwei Mal geschlagen und ihn „geweckt hatte“, wie Bolt sagte, ist vier Jahre jünger. Bolt hat Blake vor einiger Zeit gesagt: „Junge, Du bist klasse, aber Du kommst zur falschen Zeit. Zwei Jahre bin ich hier noch der Chef.“ Diese Zeit ist bald abgelaufen. Blake akzeptierte die Führungsrolle noch und feierte seinen Trainingspartner. Bolt hat Blake den Kampfnamen „das Biest“ gegeben. „Das Biest kann warten“, sagte Blake: „Aber nicht zu lange.“

Olympia ist eine Legenden-Gebärmaschine. Nach der Show ist vor der Show. Die nächste große Aufführung findet bei der WM 2013 in Moskau statt. Dann gewiss noch mit Bolt. Bei den Spielen 2016 in Rio aber könnte es sein, dass die Legende schon seinen liebsten Beschäftigungen nachgeht: faulenzen, chillen und in der Hängematte liegen. Kommt ganz darauf an, was seine Sponsoren sagen. Das Triple-Triple wäre auch ein Ziel. Peking und London wiederholen. Dann kann vielleicht nicht einmal mehr Jacques Rogge widersprechen.

Triumph eines Teenagers

In London haben aber nicht nur die jamaikanischen Sprinter um Bolt und Shelly-Ann Fraser-Pryce Schlagzeilen gemacht. Es gab drei überraschende Sieger aus der Karibik: Die Rundenstaffel der Männer von den Bahamas schlug sensationell die US-Amerikaner, die zuletzt 1952 ein olympisches Finale verloren hatten – gegen Jamaika. (Nur zur Information: 1952 traten die Amerikaner wegen einer Verletzung von John Smith nicht zum Finale an – es gewann Kenia. 1980 boykottierten die USA die Spiele. Der Sieg 2000 in Sydney wurde ihnen wegen Dopings nachträglich aberkannt.) Der 19-jährige Kirani James aus Grenada triumphierte mit Fabelzeit über die Stadionrunde. Felix Sánchez aus der Dominikanischen Republik stieg wie Phoenix aus der Asche und gewann nach 2004 zum zweiten Mal die 400 Meter Hürden.

Am Samstag holte sogar ein Speerwerfer aus Trinidad Gold. Keshorn Walcott, gerade 19 und vor drei Wochen erst Junioren-Weltmeister geworden, war mit dem Finalplatz schon am Ziel seiner Träume. Dann warf er 84,58 Meter, keine besondere Weite, er liegt damit nur auf Rang neun der Weltjahresbestenliste, sieben Meter hinter dem ersten. Aber Walcott ist Olympiasieger, der zweite seines Landes nach Hasely Crawford, der 1976 in Montreal die 100 Meter gewonnen hatte.

Ein geschockter Sieger

Sprinten wollen sie alle. Werfer aus der Karibik kannte man bisher eigentlich nur aus Kuba. Und siehe, Walcott hat einen kubanischen Trainer, Ismail Lopez, einer von Hunderten, die auf anderen Karibikinseln in Lohn und Brot stehen. Keshorn Walcott ist ein ganz stiller Junge, dem kaum ein Wort über die Lippen kommt, und das dann noch ganz leise und mit gewöhnungsbedürftigem Insel-Slang. „Ich bin geschockt“, sagte er. Walcott wirft erst seit vier Jahren den Speer, mehr aus Verlegenheit, denn als Sprinter war er einfach zu langsam, als Dreispringer auch nicht gut – und am liebsten spielt er ohnehin Cricket. Das ist olympische Leichtathletik. Derlei Geschichten hat es immer wieder gegeben, auch ohne Doping.

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