Risikofaktor Bierbauch

Natürliche Geschlechterdifferenzen beeinflussen auch den Sport

Von MARGIT REHN

Das Herausarbeiten geschlechtsspezifischer Differenzen ist derzeit schwer angesagt. Im soziologischen Lifestylejargon Gender Mainstreaming genannt, werden Verhaltensweisen von Mann und Frau heutzutage gern biologistisch begründet - eine Sichtweise, die den sozialisationsbedingten Ansatz der 68-er Jahre konterkariert und die auch nicht unumstritten ist. Im rein medizinischen Kontext existieren zwischen den Geschlechtern aber einige Unterschiede, die keinerlei Deutungsspielraum zulassen, sondern schlichte Tatsachen sind und auch auf die Art und Weise der sportlichen Betätigung graduellen Einfluss nehmen sollten.

Die Humanbiologin Dr. Klara Brixius setzt sich vor allem mit kardiologischer Gender-Forschung auseinander - ein Bereich, in dem die Geschlechtsdifferenzen durchaus folgenschwer ausgeprägt sind. Denn abgesehen vom Lebensstil, der laut der Privatdozentin an der Sporthochschule in Köln mit dazu beiträgt, dass Männer im Schnitt zehn Jahre früher sterben als Frauen, haben die Herren der Schöpfung, was das Herz-Kreislauf-System angeht, tatsächlich auch schlechtere Karten. Ungeschützt vom kardiologisch segensreichen weiblichen Geschlechtshormon Östrogen erwischt sie der Herzinfarkt rund zehn Jahre früher - mehr noch: Männer sterben häufiger und schneller daran.

"Die schützende Biobasis der Geschlechtshormone ist ein Phänomen, das sehr deutlich wird", sagt Brixius, die die Gefahren aller Arten arteriosklerotischer Erkrankungen bei Männern im Alter von 40 bis 60 Jahren besonders betont - Schlaganfälle und erektile Störungen, sprich Impotenz, inbegriffen. Die zusätzliche Neigung von Männern zu hohem Blutdruck könne sich als Risikofaktor vor allem bei adipös Veranlagten ungünstig auswirken. Während Frauen erst nach der Menopause signifikant Pfunde ansetzten und diese auch besser verteilt seien, bestehe bei Männern - wiederum schon etwa ab 40 Jahren - eine erhöhte Gefahr, die so genannte Stammfettsucht, gemeinhin Bierbauch, zu entwickeln. "Das ist ausgesprochen ungesund, weil im Bauchbereich die inneren Organe und wichtigen Gefäße liegen, die dadurch stark belastet werden", erklärt Klara Brixius und spannt den Bogen zum Sport und dem sich geschlechtsspezifisch unterschiedlich verhaltenden Kreislauf wie auch dem Stoffwechsel.

Während nämlich der weibliche Metabolismus die Anpassungsleistung an eine körperliche Belastung automatisch durch Erhöhung der Herzfrequenz vollbringe, steige der Puls bei Männern auffallend langsamer an. Klara Brixius mutmaßt, dass die Regulierung bei Männern mehr über den Kraftfaktor stattfinde; doch sei dies noch nicht verifizierbar erforscht. Trotzdem rät sie Frauen, mit zunehmendem Alter beim Training die Kraft stärker ins Spiel zu bringen; Männer hingegen sollten mehr Gewicht auf reinen Ausdauersport legen. Und neben der ihrer Ansicht nach bestehenden Notwendigkeit, spezielle Sportprogramme für dicke Männer mit besagter Stammfettsucht zu entwickeln, plädiert die Fachfrau auch für Angebote, die sich dem vergleichsweise schwerfälligeren männlichen Stressabbau widmen. Zahlreiche Untersuchungen hätten ergeben, dass Männer etwa Arbeitsstress wesentlich schlechter verkraften und dass sie auch grundsätzliche Defizite in der Stressverarbeitung aufwiesen.

Schlussendlich dürfe laut Klara Bixius aber auch nicht der Fehler einer Überbewertung von geschlechtsspezifischen Unterschieden gemacht werden. Denn die sich hieraus ergebenden Konsequenzen für den Sport lägen, wiewohl vorhanden, vielfach doch im Nuancenbereich. Die Stärkung des Immunsystems, die Kreislauf anregende Wirkung, der partielle Schutz vor Krebserkrankungen und vieles andere mehr gelte schließlich für beide Geschlechter. Es gehe vielmehr darum, sich das Wissen über die Unterschiede pragmatisch zunutze zu machen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion