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Wirft den Belgier Matthias Casse im Hoffnungskampf auf die Matte: Alexander Wieczerzak (in blau) in Baku vor einem Jahr.

Judo-WM

Die richtige Power auf der Matte

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Der Frankfurter Alexander Wieczerzak kämpft bei der Judo-Weltmeisterschaft in Japan um eine gute Platzierung, die für die Olympischen Spiele von Bedeutung ist.

Alexander Wieczerzak wird bis heute Abend sehr viel schwitzen und kein Wasser trinken. Das macht der Judo-Weltmeister von 2017 immer so einen Tag vor dem Wettkampf, dem Tag, an dem die Athleten sich auf die Waage stellen müssen. Abkochen nennt der Fachmann derlei Gewichtsreduktion. Normalerweise bringt der gebürtige Frankfurter 87 Kilogramm auf die Waage, um 18 Uhr dürfen es in der Kampfsporthalle Nippon Budokan in Tokio nicht mehr als 81,0 Kilogramm sein. In dieser Gewichtsklasse (Halbmittelgewicht) kämpft der Mann vom Judo Club Wiesbaden seit Jahren. „Ich bekomme dann immer eine kleine Grundanspannung“, sagt der 28-Jährige. Nach dem Wiegen wird er sich die Flüssigkeit zurückholen, essen und sich mental auf Mittwoch vorbereiten, wenn er zu seinem ersten WM-Kampf im Mutterland des Judos auf die Matte geht. Fünf weitere würde er am liebsten bestreiten - so viele wären es bis zum Finale.

Seit Ende April ist Wieczerzak komplett verletzungsfrei, fühlt sich fit. In diesem Jahr hatte er nur mit ein paar Wehwechen zu kämpfen: ein dickes Knie, eine Zerrung. „Aber ich mache nun mal Kampfsport und spiele kein Schach“, sagt er lachend. Das war in den vergangenen Jahren anders. Dengue-Fieber, Rippenbruch, Schambeinentzündung oder nach dem WM-Triumph 2017 jede Menge Termine, die zwar viel Spaß gemacht, aber auch Kräfte geraubt hatten. Trotzdem holte er sich bei der WM vor einem Jahr in Baku die Bronzemedaille. „Mit einer Medaille wäre ich mega zufrieden“, sagt Wieczerzak vor seinem Einsatz im am vorgestrigen Sonntag gestarteten Turnier. Und am nächsten Sonntag, dem letzten WM-Tag, kämpft er auch noch im Mixed-Mannschaftswettbewerb, der 2020 bei den Olympischen Spielen in Tokio erstmals olympisch sein wird. Natürlich will er auch im Einzel Weltmeister werden, aber am Kampftag entscheidet die Tagesform. Aktuell belegt der Hesse Rang 16 in der Weltrangliste, er hat allerdings nicht so viele Wettkämpfe bestritten, sondern sich lieber intensiv vorbereitet.

Bronze bei der WM 2018 in Baku.

Denn vor wenigen Wochen erst hat der Olympia-Zyklus für Wieczerzak begonnen. „Erst jetzt kann man bis Olympia wichtige Punkte sammeln“, erklärt der Sportsoldat und BWL-Student, der seit mehreren Jahren am Olympiastützpunkt in Köln lebt und trainiert. Das Abschneiden bei der WM hat große Auswirkungen auf seinen Vorbereitungsplan. Je besser die Platzierung, umso weniger Turniere muss Wieczerzak absolvieren, um Punkte zu sammeln. Er muss bis zum Stichtag am 25. Mai 2020 mindestens auf Rang 18 der Weltrangliste stehen, dann ist er sicher in Tokio dabei. Und da will der Sunnyboy unbedingt hin.

2017 gelang ihm der Coup

2016 verpasste er die Spiele in Rio wegen des lebensbedrohlichen Dengue-Fiebers, ausgelöst durch einen Mückenstich, den er sich auf Kuba eingefangen hatte. Tagelang lag er auf der Intensivstation, bis die Ärzte endlich herausfanden, woran er laborierte. Wiecerzak wurde geheilt und kam stärker zurück. 2017 krönte er sich in Budapest zum ersten deutschen Weltmeister seit Florian Wanner 2003, ein echter Coup. „Ich bin morgens als 124. der Weltrangliste aufgewacht und war abends nach der Siegerehrung Weltmeister“, erinnert er sich.

Um dieses Gefühl irgendwann einmal wieder zu erleben, arbeitet Wieczerzak tagtäglich hart an sich. Niederlagen, wie zuletzt bei den European Games in Minsk, wurmen ihn. Dort verlor er erst das Halbfinale, dann den Kampf um Bronze und landete auf dem undankbaren fünften Rang. „Das hat mich angekotzt. Aber es war auch gleichzeitig Ansporn, mehr zu machen und darüber nachzudenken, wo man noch etwas optimieren kann“, sagt er. Vielleicht sei das der nötige Impuls vor der WM gewesen.

Vor allem im taktischen Bereich macht er sich viele Gedanken. Packt man sich den Gegner früher oder bleibt doch eher stehen? Waren die Würfe zuletzt effektiv? Waren die Bodenübergänge vielleicht zu lang? „Da gibt es viele Sachen“, sagt Wieczerzak. Der zweite Punkt ist die Kondition: Wie war das Gefühl nach dem Kampf? War er ausgelaugt? Was wiederum unmittelbar mit der Ernährung zusammenhängt. Ab wann reduziert man das Gewicht für den Kampftag, wie tut man es am besten? War die Sauna zwei oder drei Tage davor gut oder schlecht? Und zu guter Letzt: Konsultiert man die Sportpsychologin? War man richtig motiviert? „Da muss ich einen Weg für mich finden“, sagt Wieczerzak. „Es gibt viele kleine Stellschrauben.“

Seit Kurzem haben die Judoka auch einen eigenen Athletiktrainer. „Wir sind da kleine Nachzügler“, sagt der 1,82-Meter-Mann. „Wir machen Leistungssport, da muss man jedes Prozent rausholen.“ Das gleiche gilt für sein Körpergewicht. Das zu reduzieren und dann am Kampftag die nötige Power zu haben, ist für den erfahrenen Judoka die leichteste Aufgabe vor der WM. Die schwierigen folgen tags darauf im weißen oder blauen Anzug.

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