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TOPSHOT - Handout image supplied by OIS/IOC showing China's Xiaotong Zhang after winning the Women's 100m Breaststroke Swimming Final in class SB11 (swimmers with visual impairment) at the Olympic Aquatics Stadium during the Rio 2016 Paralympic Games in Rio de Janeiro, Brazil, on September 13, 2016. Photo by Simon Bruty/OIS/IOC via AFP. RESTRICTED TO EDITORIAL USE / AFP PHOTO / OIS/IOC / Simon Bruty for OIS/IOC

Paralympics

Rekorde aus dem Reich der Mitte

Bei den Paralympics sind die Sportler aus China das Maß aller Dinge - das ist kein Zufall.

Von Ronny Blaschke

Wenn ein Weltrekord nicht reicht, muss ein zweiter her. Und wenn es mit dem nicht funktioniert, folgt eben ein dritter. So hat Guangxu Shang den paralympischen Weitsprung in der Klasse T37 gewonnen, nachdem er zwischenzeitlich auf Rang zwei verwiesen wurde. Den Zuschauern im Olympiastadion war das ein kurzes Raunen wert. Denn wenn sich das Publikum bei den Paralympics in Rio an etwas gewöhnt hat, dann sind es Rekorde aus dem Reich der Mitte. Bis Dienstagabend haben chinesische Sportler 112 internationale Bestmarken erzielt, Athleten aus Deutschland gelangen sieben.

Man sollte diese Statistiken nicht zu allzu ernst nehmen bei den Weltspielen des Behindertensports, es gibt 528 Entscheidungen, doch China dominiert die Sommersportarten seit mehr als einem Jahrzehnt. 2000 in Sydney lagen die Chinesen noch auf Rang sechs des Medaillenspiegels, seither immer auf Platz eins. 2012 in London sammelten sie fast doppelt so viele Medaillen wie Gastgeber Großbritannien. „Daran werden wir uns gewöhnen müssen“, sagt Karl Quade, Chef de Mission des deutschen Teams. Von irgendwoher weht in Rio immer die chinesische Hymne herüber. Bis Dienstag waren es 147 Medaillen, 63 in Gold.

Begonnen hat die Offensive Anfang des Jahrtausends, mit Blick auf die Paralympics 2008 in Peking. Im ganzen Land wurden Stützpunkte aufgebaut und zehntausende junge Menschen gesichtet. In China leben offiziell 83 Millionen Menschen mit einer Behinderung, so groß ist die Bevölkerung Deutschlands. Von den chinesischen Topathleten konnte 2008 nur jeder Zehnte für die Heimspiele nominiert werden. „Das ist ein Darwinismus“, sagt Karl Quade, „den andere Länder sich nicht leisten können oder nicht leisten wollen.“ Die Paralympics in Peking wurden ein Erfolg: durch ausverkaufte Wettkämpfstätten, fast 50 000 freiwillige Helfer, durch eine breite Berichterstattung und etliche Querverbindungen zwischen Sport, Kultur und Wirtschaft.

Die Regierung erkannte, dass sie so nach außen leicht einen gütigen Sozialstaat präsentieren konnte. Mehr als 50 Jahre hatte sich das Zentralkomitee nicht wirklich mit Behindertenpolitik beschäftigt. Es war Deng Pufang, der das ändern wollte. Der Sohn des Reformpolitikers Deng Xiaoping ist selbst auf einen Rollstuhl angewiesen. Maos Rotgardisten hatten ihn während der Kulturrevolution zu einem Fenstersprung genötigt. Deng Pufang gründete 1988 den Chinesischen Behindertenverband. Gesetze in Bildung und Sozialhilfe wurden auf den Weg gebracht, es entstanden Rollstuhlrampen, Blindenwege, U-Bahnfahrstühle.

Auf diesem Fundament wächst nun das Netz des Leistungssports. Das Herz ist das Nationale Behindertensportzentrum am Stadtrand von Peking, mit einer Größe von dreißig Hektar, mit einer moderner Architektur aus Stahl und Glas, mit Halle, Schwimmhalle, Radbahn und einem weitläufigen Park. 800 Athleten können dort untergebracht sein. Überdies entstehen gerade 100 000 Sporthallen im Land. „Die Sportwissenschaft ist in China auf hohen Niveau“, sagt Karl Quade, der mehrfach in Peking zu Besuch war. Regelmäßig kommen chinesische Funktionäre für Exkursionen nach Europa und Nordamerika. „Vieles wird dann einfach kopiert und angepasst“, sagt Quade. „Aber wenn wir nach Peking reisen und Fragen stellen, werden wir eher abgeblockt.“

Die Chinesen sind unauffällig in ihrer Dominanz, sie streben im Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) keine Machtpositionen an. Sie verpflichten ausländische Trainer und Prothesen-Experten. In Rio sind sie nun mit 310 Athleten in allen 22 Sportarten vertreten, kein Team ist größer. Lediglich 20 Prozent der chinesischen Athleten sind älter als dreißig, auch das ist ungewöhnlich. Weit weniger erfährt man dagegen über das Antidopingsystem. Unabhängige Kontrolleure haben sich mehrfach über Einschränkungen auf ihren Reisen durch China beschwert.

Es gibt offene Fragen, auch in der Gesellschaft. Unabhängig von den Fortschritten: In China leben drei Viertel der behinderten Menschen auf dem Land. Eine Million Kinder kommt jährlich mit einer Behinderung auf die Welt, und diese Zahl dürfte weiter wachsen, wegen Umweltschäden und früherer Abtreibungen der Mütter durch die Ein-Kind-Politik. Hunderte Babys und Kinder werden täglich von überforderten Eltern ausgesetzt. Diese Fakten aber spielen in Rio keine Rolle, die chinesische Rekordserie überstrahlt alles. 2022 finden dann die Winterspiele in Peking statt. Karl Quade: „Auch dafür wird längst alles in Bewegung gesetzt.“

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