1. Startseite
  2. Sport
  3. Sport A-Z

Reißleine an der Leine

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Frank Hellmann

Kommentare

Torwart Robert Enke.
Torwart Robert Enke. © ddp

Hannover 96 muss einen Sparkurs fahren, dem sich auch der neue Sportdirektor Jörg Schmadtke unterwirft. Von Frank Hellmann

Jörg Schmadtke bedauert sein Fehlen. Martin Kind, der mächtige Mann bei Hannover 96, wollte eigentlich beim heutigen Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt auf der Ehrentribüne direkt neben sich einen Platz für seinen neuen Sportdirektor Jörg Schmadtke freihalten, doch der 45-Jährige hat schweren Herzens abgesagt. "Meine Tochter hat Firmung in Düsseldorf", erklärt der Rheinländer, "da bin ich familiär verhaftet."

"Ans Limit gegangen"

Auch wenn für die Niedersachsen das Gröbste überstanden sein sollte, hätte Schmadtke trotzdem gerne genau hingesehen. Schließlich muss er zusammen mit Kind und Trainer Dieter Hecking bald einige unbequeme Personalentscheidungen treffen.

"Wir sind in dieser Saison an das Limit der wirtschaftlichen Vernunft gegangen", sagt Kind klipp und klar, "aber weder sportlich noch wirtschaftlich haben wir unsere Ziele erreicht." Der 65-jährige Hörgeräte-Unternehmer, der vermehrt ins operative Geschäft eingreifen will, kündigt gravierende Einschnitte an. "Wir müssen mit den Gehaltskosten runter - von 28 auf 23, höchstens 24 Millionen Euro." Auf dem Postweg sind Mitte der Woche die Vertragsangebote an Altin Lala, Arnold Bruggink und Michael Tarnat rausgegangen, drei verdiente Profis; begeistert soll keiner gewesen sein.

Kind erklärt, man habe keine andere Wahl: "Wir müssen wieder die Linie der Realität und Vernunft fahren." Frankfurts Vorstandsboss Heribert Bruchhagen betrachtet der kahlköpfige 96-Macher als Bruder im Geiste: Genau wie die Eintracht sei auch 96 eine regional starke Marke, überregional aber eine graue Maus - "und", so Kind ernüchtert, "unter normalen Bedingungen bleiben wir eine, weil es keine Chance gibt, aus dem Mittelmaß rauszukommen".

Suche nach Billigkräften

Auch Schmadtke trägt den unabänderlichen Umstand an er Leine mit, dass die Reißleine gezogen werden muss. "Der Reiz ist für mich, dass ich wieder in der ersten Liga arbeiten kann", sagt der neue Sportchef artig. Anders als Vorgänger Christian Hochstätter wird er, wie in Aachener Zeiten, in Nischen des globalen Marktes suchen, Neuzugänge sollen keine Ablöse und nicht viel Gehalt kosten. Denn das Wagnis, vermeintliche Heilsbringer mit opulenten Gagen zu locken (Mario Eggimann, Jan Schlaudraff, Mikael Forssell), entpuppte sich als unverantwortliches unternehmerisches Risiko.

Schmalhans ist also Küchenmeister in Hannover, weshalb nicht jedem 96-Fan sofort dämmert, warum die Magerkost künftig bis zu 25 Prozent mehr kostet. Die Preiserhöhung der Dauerkarten löste einen Sturm der Entrüstung aus, der selbst Kind überraschte. "Wir haben das schlecht kommuniziert", gesteht der Boss, der den Anhängern nun drei Jahre stabile Ticketpreise verspricht.

Bis dahin soll Schmadtke im Amt bleiben. Oder auch nicht. Es ist wohl einmalig in der Liga-Historie, dass ein Vertrag nur bis zum 29. Februar (2012) datiert ist. "Ich halte den 30. Juni für unglücklich, weil es schwer wäre, als scheidender Manager in der Rückrunde noch die Zukunft zu gestalten", so Schmadtke. "Deshalb Februar. Das reicht, um noch einen Nachfolger einzuarbeiten." Auf so viel Vorausschau muss man erst mal kommen.

Auch interessant

Kommentare