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Mit dem 6:0-Auswärtsieg in Berlin setzten die Bayern ihre Toreflut aus den vergangenen Spielen fort

Hertha BSC geht gegen Bayern unter

Rehhagel wirkt ratlos bei der Hertha

Der frühere Meistertrainer Rehhagel kassiert mit Hertha BSC die dritte Niederlage im vierten Spiel. Beim 0:6 gegen den FC Bayern München verblüfft Rehhagel mit taktischen Umstellungen - aber eher den eigenen Anhang als den Gegner.

Von Michael Jahn

Den Ball, den die Profis von Hertha BSC derzeit vor allem als Feind behandeln, sahen Raffael, Adrían Ramos oder Christian Lell am Sonntag Vormittag nicht. Am Tag nach dem 0:6-Debakel gegen entfesselte Bayern-Spieler gab es kein Trainingsspielchen. Stattdessen erlebten die Profis in der Kabine eine der längsten Krisensitzungen der jüngeren Klubgeschichte.

Mehr als eineinhalb Stunden wurde geredet, gestritten, analysiert und nach Lösungen gesucht, um aus der Krise zu kommen.

Mit dabei: Der inzwischen wieder hohlwangige Manager Michael Preetz und die beiden Rehhagel-Assistenten René Tretschok und Ante Covic. Nicht dabei: Cheftrainer Otto Rehhagel.

Unangenehme Fragen für Preetz

Die vage Möglichkeit, dass der Coach, der als Wahlmann bei der Bundespräsidentenkür agierte, wegen der ungemein verschärften sportlichen Krise seine Pläne geändert haben könnte und vielleicht deshalb besser am frühen Morgen ein Krisengespräch angesetzt hätte, bezeichnete Preetz als „völligen Quatsch“. Die Wahl sei ein Prozedere, „das Vorlauf braucht“, entschuldigte er seinen Chefcoach. Also musste sich der Manager unangenehmen Fragen der Medien stellen.

Ob er denn angesichts der Bilanz von Rehhagel, der neben einem Sieg gegen Werder Bremen auch drei Niederlagen kassierte (Torverhältnis 1:10) den Cheftrainer noch einmal verpflichten würde, wurde der Manager gefragt. „Alles Quatsch!“, reagierte Preetz heftig, „die drei arbeiten im Team gut zusammen und werden es in dieser Konstellation weiter tun.“

Er meinte das Trio Rehhagel/Tretschok und Covic. Ob denn angesichts der desaströsen Entwicklung seit dem Herbst vorigen Jahres die Trennung vom Aufstiegstrainer Markus Babbel im Nachhinein richtig war? Preetz: „Dazu äußere ich mich nicht.“

Ungeahnte Folgen

Der 44-Jährige gab sich sowieso wortkarg, was angesichts des leidenschaftslosen und hilflosen Auftritts der Mannschaft gegen einen übermächtigen Gegner durchaus zu verstehen ist.

Preetz droht nach seiner Inthronisierung als Geschäftsführer Sport im Juli 2009 binnen zwei Jahren zum zweiten Mal mit der Mannschaft abzusteigen, was ungeahnte finanzielle Folgen für die Zukunft des gesamten Klubs mit seinen 50 Mitarbeitern auf der Geschäftsstelle und seinen vier anderen Abteilungen (Fußball-Amateure, Tischtennis, Boxen, Kegeln) hätte.

Als Preetz nach seiner persönlichen Verantwortung für die erneute Misere gefragt wurde, blieb er eine konkrete Antwort schuldig. Nur so viel: „Der Zeitpunkt für eine Analyse ist jetzt nicht der richtige. Wir müssen jetzt alle zusammen alles tun, um am Saisonende, am 5. Mai, in der Tabelle über dem Strich zu stehen.“ Wie das mit der völlig verunsicherten Mannschaft passieren soll, versuchte René Tretschok zu beantworten: „Wir müssen noch mehr arbeiten und noch mehr in die Köpfe der Spieler hinein. Wir müssen sie aufrichten. Es gibt noch 24 Punkte zu holen.“

Wie nervlich angeschlagen die Spieler tatsächlich sind, machte eine Aussage von Rehhagel nach dem Spiel deutlich. „Wir haben vor dem Anpfiff natürlich die Ergebnisse der Konkurrenten, von Freiburg und Augsburg erfahren“, sagte der Trainer, „da wurde es in der Kabine plötzlich ganz still.“

Rehhagel verblüfft

Tretschok und Preetz gaben wenigstens die Schuld am Debakel gegen Bayern nicht etwa dem Schiedsrichter, der gleich drei Strafstöße gegen Hertha verhängt hatte. „Schuld haben nur wir selbst“, sagte Tretschok.

Otto Rehhagel, der vor dem Bayern-Spiel das Team drei Tage lang abgeschottet hatte, verblüffte mit einigen taktischen Umstellungen. So stellte er den zuletzt bissigen Mittelfeldrenner Fanol Perdedaj zuerst gegen Franck Ribéry und dafür den Rechtsverteidiger Christian Lell ins Mittelfeld. Vorne agierte Raffael als einsame Angriffsspitze und war dort mit seinen Qualitäten verschenkt.

Den Fauxpas mit dem überforderten Perdedaj korrigierte der Cheftrainer, hatte aber mit dem eingewechselten jungen Alfredo Morales auch kein Glück. Der verursachte später gleich zwei Elfmeter.

Diese Personalien hätte das Trainertrio „gemeinsam getroffen“, sagte der loyale Tretschok.

Durchhalteparolen von Preetz

Michael Preetz wollte als Botschaft Folgendes an die Öffentlichkeit richten: „Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren. Wir werden alles investieren, um die Klasse zu halten.“ Später meldete sich Hertha noch einmal zu Wort. Christian Lell, der sich nach dem 0:6 despektierlich geäußert hatte („Die Mannschaft muss einiges ausbaden“) wurde unter anderem so zitiert: „Nach einer Niederlage wie gegen Bayern ist man voller Enttäuschung und Emotionen... Ich wollte nichts und niemanden kritisieren.“

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