Hockey

Das Recht, mal kindisch zu sein

Die Nationalmannschaft startet mit einem 4:1 über China locker ins Turnier und erfreut sich an der Leichtigkeit des Seins.

Von RONALD RENG

Um zehn am Morgen brannte das Flutlicht im Hockeystadion, so dunkel war der Pekinger Himmel nach dem Regen noch. Bundestrainer Markus Weise stand dort, wo die Scheinwerfer nicht mehr hinreichen, draußen vor den Stadionmauern, und lieferte nach dem Spiel der deutschen Nationalelf gegen China ein dunkles Geständnis: Seine Spieler wissen mehr vom Sport als er. Jedenfalls, was das Tennis angeht. Er wollte erzählen, mit welchen Tennisprofis sich seine Hockeyspieler in der olympischen Mensa alles fotografiert hatten, "aber die kennen da Tennisspieler, ich habe keine Ahnung, wer die sind."

Nach ihrem ersten Auftritt redeten die deutschen Weltmeister viel über Tennis, auch über Basketball. Daran ließ sich ermessen, wie erfolgreich sie Hockey gespielt hatten: Der 4:1-Sieg über China war ein weiterer Teil ihres bislang rundum schönen Erlebnisses Olympia. "Die Basketballer", war Stürmer Carlos Nevado wieder beim Thema, "du denkst dir: ,Dirk Nowitzki, boah, ein Superstar.' Und dann steigt er in den Bus, der uns zur Eröffnungsfeier bringt, und sagt: ,Wo ist hier die Hupe? Jetzt wird erst mal gehupt!' Super, die Basketballer", fand Nevado, "die sind so kindisch wie wir."

Auch für das Recht, mal kindisch sein zu dürfen, kämpft die Hockeyelf in ihren Partien: Denn nur Sieger können den Spaß im Olympischen Dorf vollen Herzens genießen. Niemand traute sich vor dem Turnier zu sagen, wie spaßig es für diese Elf werden würde, die ein Medaillenkandidat sein sollte, aber in den anderthalb Jahren unter Trainer Weise kein klares Bild abgab, einmal als Vierter die schlechteste deutsche EM-Platzierung in der Hockey-Historie hinlegte, um dann wieder mit Stil die Champions Trophy 2007 zu erobern. Das 4:1 nun "war nichts für die Hockeygeschichte", befand Weise, "eher Kategorie Arbeitssieg" gegen einen Mittelschwergewichts-Gegner. Ein paar Teams wie Australien oder Spanien wirken weiterhin reifer als die Deutschen. Doch der Weltmeister gab gegen China ein Beispiel.

Früh erschreckt, als Tobias Haucke fatal den Ball verlor, Torwart Max Weinhold falsch auf einen chinesischen Pass spekulierte und Yubo Na so zum 1:0 einschoss, quetschen sie mit Hartnäckigkeit noch ein paar Spuren Eleganz und ein beachtliches Ergebnis aus dem Spiel. Zweimal Florian Keller sowie Christopher Zeller und Nevado trafen ins Tor.

Verteidiger Max Müller erkannte Grundsätzliches: "So spielt Deutschland. Wir sind kein Team mehr, das schön dribbelt und dann die Hände hochreißt und stehen bleibt, wenn es nicht geklappt hat", so wie er seine Elf offenbar bei der EM 2007 erlebt hatte. Dann ging der Bus zurück ins lustige Olympische Dorfleben. Der Trainer kündigte an, er werde dem Team "einen Vortrag über die Ming-Dynastie" halten. Als Weise gegangen war, wand sich ein Journalist, der das erste Mal das Hockey-Team erlebte, hilfesuchend an einen Kollegen: Ob Weise das mit dem Vortrag ernst meine? Nun, manchmal ist bei den Hockey-Männern sogar der Trainer wunderbar kindisch.

Statistik, Deutschland: Weinhold - Zeller, Weß, Müller, Biederlack - Hauke, Weißenborn, Fürste - Nevado, Zeller, Witthaus; eingewechselt: Wess, Meinert, Korn, Keller. - Schiedsrichter: Leiper (Großbritannien)/Kumar (Indien). - Tore: 0:1 Na (7.), 1:1 Zeller (21., KE), 2:1 Keller (43.), 3:1 Keller (54., KE), 4:1 Nevado (68.). Strafecken-Verhältnis: 7:2.

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