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Raus ohne Applaus

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Von: Stephan Klemm

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Der Weltmeister hält Hof: Peter Sagan gibt seine letzte Pressekonferenz bei der diesjährigen Tour - danach flog er nach Hause.
Der Weltmeister hält Hof: Peter Sagan gibt seine letzte Pressekonferenz bei der diesjährigen Tour - danach flog er nach Hause. © dpa

Peter Sagan verabschiedet sich schmallippig von der Tour de France, sein letzter Auftritt vor den Journalisten dauert nur 62 Sekunden.

Eine Mannschaft, zwei Aussagen an zwei Orten – so ungewöhnlich organisierten Peter Sagan und sein Teamchef Ralph Denk am schon sehr warmen Mittwochvormittag ihre Rechtfertigungen am Tag danach. Der Weltmeister von der Tour de France ausgeschlossen, weil die Jury in seinem Verhalten – ein Ellbogenstoß gegen den Briten Mark Cavendish – bei sehr hohem Tempo im Endspurt von Vittel am Dienstag ein krasses Fehlverhalten sah. Und sich für die härteste aller möglichen Sanktionen entschied. Sagan äußerte sich sehr knapp vor dem Teamhotel seiner Bora-hansgrohe-Équipe vor versammelter Weltpresse, also vor gefühlt 1000 Kameras und Mikrofonen: „Ich muss die Entscheidung akzeptieren, aber natürlich stimme ich mit der Jury nicht überein. Ich denke, ich habe nichts falsch gemacht.“

Das war es schon. 62 Sekunden dauert sein letzter Sprint. Keine Nachfragen. Ab ins Auto, dann ins Flugzeug und weg von der Tour.

Denk stellte sich eine gute Viertelstunde später gegen 11.40 Uhr vor den Bus seiner Auswahl im Zentrum von Vittel, um seine Sicht der Dinge darzustellen, nicht weit weg vom Club Med, dem Hotel, vor dem sich Sagan mitteilte. Denk war ebenfalls umringt von einer Menge Kameras und Mikrofonen: „Für uns war es ein klarer Rennunfall. Mark Cavendish ist eine Lücke gefahren, wo keine war. Dadurch hat er Peter berührt, Peter Sagan musste auf dem Bike balancieren. Dafür brauchte er seinen Ellbogen. Der Ellbogen war definitiv nicht gegen Cavendish gerichtet und es war kein Vorsatz.“ Schriftlich habe man bei den Kommissären des Radsport-Weltverbandes und deren Präsident Brian Cookson Protest eingelegt.

Die Jury sah den Fall komplett konträr. Peter Sagan „hat auf den letzten Metern des Sprints Kollegen ernsthaft gefährdet“, hatte Jury-Präsident Philippe Marien gesagt und dies als Grundlage für die Sanktion angeführt. Auch ein kurzfristiger Anruf des Internationalen Sportgerichtshofes (CAS) konnte den Ausschluss nicht verhindern. „Wir hatten die Hoffnung, dass die Entscheidung noch einmal überdacht wird und Peter unter Vorbehalt starten darf. Eine Anhörung hat aber nicht mehr stattgefunden“, sagte Teamsprecher Ralph Scherzer.

Der Technische Direktor der Tour de France, Thierry Gouvenou, lastete Sagan im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP bereits den ersten Sturz am Etappenende mit an. „Letztlich gibt es keine mildernden Umstände. Sie haben eine gute Entscheidung getroffen“, sagte Tour-Vizechef Gouvenou.

In einem so verworrenen Fall mit so vielen verschiedenen Meinungen zu den Abläufen – War Cavendish durch zu nahes Auffahren an Sagan womöglich selbst schuld? Lag es doch an Sagans Ellbogen? Was ist richtig? Was ist falsch? – gibt es wohl nicht die einzige und entscheidende Wahrheit, sondern viele kleine einzelne Hinweise, die jeder für sich auslegt. Am Ende bleibt aber ein Fakt: Sagan ist draußen.

Interessant jedoch war, dass etwa der Hürther Sprinter André Greipel von seiner ursprünglichen Anklage gegen Sagan abwich, als er twitterte: „Manchmal sollte ich mir die Bilder ansehen, bevor ich rede. Entschuldigung an Peter Sagan – die Strafe ist zu hart.“ Bis Mittwochmittag war ein Einspruch bei der Jury möglich, doch aller Protest hatte keinen Erfolg. Denk hoffte bis zuletzt auf eine Wende, aber als die Profis Vittel gegen 13.10 Uhr verließen, war Sagan nicht mehr mit dabei.

Mit dem Slowaken Sagan muss auch Cavendish die Tour unfreiwillig verlassen – der Brite („Es braucht großen Mut, den Weltmeister von der Tour de France auszuschließen“) hatte sich nach seinem Sturz im Anschluss an die Kollision mit Sagan das Schulterblatt gebrochen – Weiterfahren unmöglich. „Es war schlimm, dass Mark gestürzt ist, das tut mir leid“, sagte Sagan. Der am Dienstag ebenfalls schwer gestürzte John Degenkolb aus Oberursel im Taunus setzte das Rennen am Mittwoch mit Schmerzen in der Schulter fort.

Und wie immer im Leben ist es so: Wo es Verlierer gibt, gibt es auch Gewinner. In diesem Fall dürfte der Kampf um das Grüne Trikot, das Sagan zuletzt fünfmal in Folge gewann, wieder offen sein. Große Chancen, sich den begehrten Dress zu sichern, haben nun auch die deutschen Sprinter Marcel Kittel und Greipel. (mit dpa)

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