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800.000 Menschen in Deutschland haben in ihrem Leben Erfahrung mit Selbstverletzungen gemacht.
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800.000 Menschen in Deutschland haben in ihrem Leben Erfahrung mit Selbstverletzungen gemacht.

Rasiermesser auf dem Schulhof

Selbstverletzendes Verhalten unter Jugendlichen nimmt zuDas Phänomen der Selbstverletzung nimmt, insbesodnere unter Jugendlichen, stark zu. Emotionale Vernachlässigung und sexueller Missbrauch gelten als Hauptursachen. Entgegen früherer Annahmen gilt jedoch nur jede(r) zweite Betroffene als "Borderline-Persönlichkeit".

Berlin/Göttingen (ap). Zehn Jahre ist es her, dass sich die britische Prinzessin Diana als eine der ersten Prominenten zu Selbstverletzung bekannte. Am 20. November 1995 gab Lady Di in dem spektakulären BBC-Interview zu, sie habe sich wiederholt in Arme und Beine geschnitten. Inzwischen sei das Symptom "hoffähig" geworden, sagt Ulrich Sachsse, Ärztlicher Leiter im Niedersächsischen Landeskrankenhaus Göttingen und Honorarprofessor an der Universität Kassel.

Laut Sachsse hat selbstverletzendes Verhalten - kurz: SVV - in den vergangenen Jahrzehnten vor allem unter Jüngeren stark zugenommen.

Jeder zweite Selbstverletzer sei ein Jugendlicher die meisten von ihnen Mädchen. Knapp ein Prozent der Bevölkerung in westlichen Ländern, in Deutschland also fast 800.000 Menschen, haben sich nach Schätzungen von Fachleuten während ihres Lebens mehrmals selbst verletzt. Auf sechs betroffene Frauen kommt ein Mann; die meisten Selbstverletzungen geschehen im Alter von 15 bis 35 Jahren.

Noch in den 70er Jahren galt SVV bei Psychiatern als Beweis für eine schwere Psychose. Als klassischer Fall wird der Maler Vincent Van Gogh angeführt, der sich während einer wahnhaften Depression das linke Ohr abschnitt. Seit den 80er Jahren habe Selbstverletzung als "Ritzen" und "Cutten" einen kulturellen Wandel erfahren, berichtet Sachsse: "Das Symptom hat richtig Karriere gemacht". Bis in die 90er Jahre hinein sei SVV etwa durch Rasiermesser, das Ausdrücken von Zigaretten, Verbrühungen mit heißem Wasser sowie Bügeleisen oder das Schlagen des Kopfes gegen die Wand als eindeutiges Zeichen für eine Borderline-Persönlichkeitsstörung gewertet worden.

Inzwischen sei aber klar, dass nur jede zweite Selbstverletzerin als Borderlinerin gelten müsse. "Etwa ein Drittel bis die Hälfte der sich selbst verletzenden Frauen sind Missbrauchsopfer", sagt Ulrich Sachsse. Doch sexueller Missbrauch, obwohl häufig in der Familiengeschichte zu finden, müsse nicht zwingend die Ursache sein. Bei anderen Selbstverletzerinnen könnten auch emotionale Vernachlässigung oder andere Gewalterfahrungen eine Rolle spielen.

Dass sich gerade sexuell missbrauchte Frauen häufiger selbst verletzten als noch vor einigen Jahrzehnten, hängt Sachsses Vermutung nach unter anderem damit zusammen, dass über Missbrauch heute mehr berichtet wird. Menschen mit einer Missbrauchsgeschichte würden dadurch öfters an ihre Erfahrungen erinnert und seien versucht, ihre unerträglichen Gefühlszustände durch selbstverletzendes Verhalten zu beenden.

Vergoldete Rasierklingen

SVV, sagt Sachsse, kann "ansteckend" sein. Bei manchen Punks sei das Tragen von vergoldeten Rasierklingen oder das Ohrloch-Stechen mit Sicherheitsnadeln schon seit Jahren Kult. Manche Jugendliche kämen aber auch durch Internet-Foren oder während einer stationären psychotherapeutischen Behandlung in Versuchung, sich nach dem Vorbild Anderer selbst zu verletzen. Tauche dann auf dem Schulhof jemand mit einem Verband auf, fühlten sich Mitschüler zur Nachahmung animiert. Lehrern rät Sachsse, das Symptom Selbstverletzung grundsätzlich anzusprechen, aber nicht darauf "herumzureiten". Notsignale von Jugendlichen müssten erkannt und im Zweifelsfall mit Fachleuten besprochen werden.

Andererseits sei SVV bei vielen Jugendlichen eine Phase, die ein Viertel- oder ein halbes Jahr andauere und dann nicht wiederkehre.

In Extremfällen, berichtet Sachsse, kann Selbstverletzung zu bleibenden Gesundheitsschäden führen. Einige seiner Patientinnen hätten sich durch Injektionen von Schmutzwasser oder Schneiden bis auf die Knochen so zugerichtet, dass sie heute auf den Rollstuhl angewiesen seien. Während es den meisten Menschen unverständlich sei, warum sich jemand mit Rasierklingen tiefe Schnitte zufügt, seien "mildere" Formen der Selbstverletzung weit verbreitet Essstörungen, exzessiver Sport, Alkoholmissbrauch: "Jeder Mensch hat irgendwo eine Ecke, in der er unfreundlich mit sich selbst umgeht", sagt Ulrich Sachsse.

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