Ralf Rangnick (l) spricht zu Interimstrainer Achim Beierlorzer.
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Ralf Rangnick (l) spricht zu Interimstrainer Achim Beierlorzer.

Kommentar RB Leipzig

Rangnicks Ungeduld

RB Leipzig hat gänzlich ungalant den doppelten Aufstiegstrainer Alexander Zorninger aus dem Weg geräumt. Aber ist der als Nachfolger gehandelte Thomas Tuchel eine gute Idee? Ein Kommentar.

Von Jan Christian Müller

Ralf Rangnick hat zuletzt kritische Schlagzeilen über sich lesen müssen: „Heuchelei bei RB“ („Welt“), „Diagnose Geisteskrankheit?“ (Spox.com), „Durchprügeln in die Bundesliga“ („11 Freunde“), „Einvernehmlich uneinig“ („SZ“), „Leipziger Logik“ („FAZ“), „Gnadenbrot vom Allmächtigen“ (Tagesspiegel“), „Der heimliche Trainer bleibt“ („Berliner Zeitung“). Wer Rangnick ein bisschen kennt, weiß, dass es ihn mächtig ärgert, öffentlich nicht so dargestellt zu werden, wie er gern dargestellt werden möchte. In diesem Fall nimmt er die wenig schmeichelhaften Betrachtungen jedoch wohl in Kauf, ohne seinen Medienberater bei den Reportern Beschwerde führen zu lassen. Zumal dieser Berater ja gar nicht mehr Berater ist, sondern längst als Rangnicks Erfüllungsgehilfe zum Vorstandschef von RB Leipzig und in Personalunion gleich noch zum „Head of Global Soccer“ im Brauseimperium befördert worden ist. Somit gibt es da schon mal keine unnötigen Reibungsverluste.

Mit dem gänzlich ungalant aus dem Weg geräumten doppelten Aufstiegstrainer Alexander Zorninger hat der überaus ehrgeizige Rangnick gewiss keine populistische Entscheidung getroffen, dafür aber eine aus seiner Sicht völlig logische. Denn Geduld zählte noch nie zu den bevorzugten Wesensmerkmalen des Schwaben, der zweifellos zu den kundigsten Fußballfachleuten im Land gehört und vieles besser weiß als die allermeisten anderen.

Genau aus diesem Grund erscheint es jedoch keine so furchtbar tolle Idee, dass ausgerechnet Thomas Tuchel eines nicht allzu fernen Tages derjenige Trainer bei RB Leipzig werden soll, mit dem Rangnick auf Sicht ein fruchtbares Arbeitsklima finden kann. Zwar schätzen die beiden im persönlichen Umgang mitunter nicht ganz einfachen Charaktere den profunden Austausch und tiefen Einstieg in die Geheimnisse des Fußballs sehr; interessant dürfte es aber dann werden, wenn dabei fundamentale Meinungsverschiedenheiten auftreten. Besserwisser Rangnick verfolgt Fußballspiele selbstverständlich nach wie vor mit den geschulten Augen eines Fußball-Lehrers und kann ein ziemlich anstrengender Vorgesetzter sein. Anstrengender jedenfalls als Tuchels vormaliger Chef Christian Heidel, der bei Mainz 05 genau wusste, dass man einen wie Tuchel bei dessen Trainerarbeit lieber ganz in Ruhe lässt. Rangnick und Tuchel sollten sich also bewusst sein: Zwei Alphatiere in einem Käfig können sich nicht nur kleinere Wunden beibringen, sondern schlimmstenfalls gleich ganz wegbeißen.

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