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Der Chef und sein Team mögen es alkoholfrei - zumindest auf der Champs Élysées: Ralph Denk (2. von rechts)

Radsport

„Das war sensationell“

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Bora-Teamchef Ralph Denk über das gute Abschneiden bei der Tour de France.

Ralph Denk war gestern schon früh wieder unterwegs. Nach einer für sein Radteam Bora-hansgrohe großartig verlaufenen Tour de France feierte der 45-jährige Teammanager mit der Mannschaft und den Sponsoren bis vier Uhr morgens, nur fünf Stunden später befand er sich schon wieder am Flughafen in Paris, um nach München zurückzufliegen. „Man muss ja auch irgendwann wieder nach Hause kommen“, sagte er. Die Zeit für ein Telefoninterview nahm sich der leicht übernächtigte Denk aber trotzdem.

Herr Denk, Ihr Team hatte guten Grund zum Feiern. Wie war’s denn?
Wir haben in einer Pariser Partylocation gefeiert. Das war ein schöner Ausklang. Den hatten sich die Fahrer nach drei harten Wochen auch verdient.

Emanuel Buchmann, Ihr neuer Star, gilt ja nicht unbedingt als Feierbiest ...
Emanuel ist wie alle anderen bis zum Schluss geblieben. Aber es ist jetzt nicht so, dass er bei so einer Party extrem aus sich rausgeht.

Bei der Tour ist Buchmann extrem aktiv gewesen, wir groß ist denn Ihre Freude über seinen vierten Platz im Gesamtklassement?
Wir wären ja schon zufrieden gewesen, wenn er so zwischen Platz sechs und acht in Paris angekommen wäre. Aber dass er in den Kampf ums Podium eingreift, war sensationell.

Am Ende haben ihm nur 25 Sekunden zum dritten Platz gefehlt. Wo ist die Zeit denn auf den 3480 Kilometern liegengeblieben?
Wenn man die Tour analysiert, dann haben wir das Podium schon auf der zweiten Etappe im Mannschaftszeitfahren verloren. Da hatten wir 46 Sekunden auf den Tagessieger Jumbo mit dem letztlich Drittplatzierten Steven Kruijswijk. Das Mannschaftszeitfahren war keine Paradedisziplin von uns bei dieser Tour, da waren wir eher mäßig. Aber wir hatten echt gedacht, Emanuel kommt am Ende vielleicht auf Platz sechs, sieben, acht raus. Da hätten die 30, 40 Sekunden nichts ausgemacht. Aber man lernt ja auch.

Was hat Sie in den drei Tour-Wochen an Buchmann stärksten beeindruckt?
Emanuel hat keine Fehler gemacht. Er war immer vorne dabei, wenn es ums Gesamtklassement ging. Da muss man ihm ein großes Lob aussprechen. Das war nicht einfach, jeden Tag auf der Höhe zu sein, jeden Tag liefern zu müssen. Er hat auch auf den Flachetappen immer aufgepasst. Auch an dem Tag, als so viel Wind war und das Feld gesplittet wurde, ist er mit der ersten Gruppe angekommen. Toursieger Egan Bernal war auf ein paar Etappen halt ein bisschen stärker. Aber Emanuel hat null taktische oder technische Fehler gemacht.

Auffallend war auch seine Nervenstärke.
Er ist sehr cool mit der ganzen Situation umgegangen. Wir haben ihn dabei auch unterstützt und seinen Trainer Dan Lorang in der zweiten Hälfte einfliegen lassen. Das war sicher hilfreich für ihn.

Die abgelaufene Tour war vor allem auf Kletterspezialisten zugeschnitten. Das Einzelzeitfahren beschränkte sich auf 27 Kilometer. Das dürfte sich bei den nächsten Frankreich-Rundfahrten wieder ändern. Ein Nachteil für Buchmann, der ja kein Zeitfahrspezialist ist?
Emanuel hat sich im Zeitfahren verbessert. Er hat da einen großen Sprung gemacht. Aber dennoch muss er stetig am Zeitfahren arbeiten. Da muss er noch ran, um im Kampf um die Spitzenplätze des Klassements mithalten zu können.

Eine Stütze in der letzten Tour-Woche war Gregor Mühlberger. Überrascht, dass der Österreicher so wertvolle Hilfsdienste leistete?
Wir wussten schon immer, dass Gregor ein sehr talentierter Fahrer ist. Aber bei den Saisonhöhepunkten war er immer gesundheitlich angeschlagen. Jetzt hat er zum ersten Mal seine wahres Leistungsvermögen abrufen können. Und jeder konnte sehen, wie stark Gregor war.

Buchmann meint, er bräuchte noch zwei Helfer mit Mühlbergers Format.
Da hat er sicher recht. Aber Max Schachmann hat sich verletzt und musste aufgeben, und Patrick Konrad schwächelte von der Form her. Das hatten wir uns natürlich anders vorgestellt. Wenn Konrad seine Normalform bringt und Schachmann bis zum Schluss dabei gewesen wäre, hätte es anders ausgeschaut.

Das Bora-Team ist bei dieser Tour in Deutschland enorm in den Fokus gerückt, weil man mit Buchmann einen Mann mit Podiumschancen in seinen Reihen hatte. Peter Sagan und sein Grünes Trikot sind da vergleichsweise zweitrangig gewesen. Daraus lässt sich der eindeutige Schluss ziehen, dass man nur mit Hilfe eines Klassementfahrers hierzulande große Aufmerksamkeit erzielen kann ...
Das ist definitv so. In Deutschland findet nicht so viel Radsport statt; und der Fan, der sich nicht täglich mit Radsport auseinandersetzt, kennt den Wert eines Etappensieg oder eines Grünen Trikots nicht so richtig. Es war somit wahnsinnig wichtig für uns, dass wir mit Emanuel in der Gesamtwertung eine Rolle gespielt haben. Aber wir freuen uns auch riesig darüber, dass Peter Sagan mit seinem siebten Gewinn des Grünen Trikots einen Rekord geschafft hat. Das ist in der Radsportwelt schon was Besonderes. Ich habe mich in Paris auch mit Erik Zabel unterhalten, der lange Zeit mit sechs Grünen Trikots den Rekord hielt. Und er hat gemeint: Der Peter Sagan war halt einfach einen Tick besser als ich.

Der dreifache Weltmeister Sagan, Star und teuerster Mann im Bora-Team, hat das Grüne Trikot und eine Etappe gewonnen, damit erfüllte er die Erwartungen. Man hat aber in diesem Jahr das Gefühl, dass er nicht mehr ganz so stark wie früher ist.
Peter ist sicher sein Geld wert. Seine Saison war gut, aber nicht glanzvoll. Es ist wohl auch ganz natürlich, dass man in seinem Alter – er geht jetzt auf die 30 zu – nicht mehr so endschnell ist wie mit 25. Wie man in der Zukunft die Mannschaft für die ganz großen Rennen aufstellt, muss man schauen. Vielleicht bekommt Pascal Ackermann den Zuschlag. Eine Option wäre auch, für die Tour gar keinen Sprinter mitzunehmen. Aber das werden wir alles intern klären.

Die 106. Tour de France ist schon fast wieder Geschichte, was kommt als nächstes?
Wir starten bei der Spanien-Rundfahrt mit einer sehr guten Mannschaft um Rafal Majka und Davide Fromolo. Und wir haben auch noch die Weltmeisterschaft. Der Kurs in Yorkshire passt Peter Sagan sehr gut. Er hat sich da viel vorgenommen.

Denken Sie schon an die nächste Tour?
Ja, klar. Und Emanuel Buchmann hat es ja schon angekündigt, dass wir das Podium angreifen wollen. Das ist sicher unser großes Ziel.

Interview: Armin Gibis

Zur Person

Ralph Denk, 45, aus dem bayrischen Raubling ist Teammanager und Gründer des World-Tour-Teams Bora-hansgrohe, das seit 2017 in der höchsten Kategorie des Radsport-Weltverbandes UCI gelistet ist.

Die am Sonntag auf den Pariser Champs Élysées zu Ende gegangene Tour de France wird als Rekord-Rundfahrt in die Geschichte des Teams eingehen. Peter Sagan gewann zum siebten Mal das Grüne Trikot des Punktbesten und ist damit alleiniger Rekordhalter. Zudem sicherte sich Emanuel Buchmann Platz vier in der Gesamtwertung. 

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