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Rennstrecken gesucht: Den Radfahrern gehen die Veranstaltungen aus - es fehlt das Geld.

Radsport

Radsport am Scheideweg

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Die Zahl der Rennen ist aufgrund hoher Kosten drastisch gesunken.

Das Drei-Etappen-Rennen im Landkreis Limburg-Weilburg ist das nächste Opfer. Die 17. Auflage sollte eigentlich Ende Juni stattfinden. Doch die ehrenamtlichen Veranstalter können die Kosten nicht mehr stemmen, weil die Strecke aus Sicherheitsgründen nun komplett abgesperrt werden muss. So gibt es die Polizeibehörde Limburg vor und beruft sich auf einen Erlass der Regierungspräsidien Darmstadt und Gießen vom Februar 2016. Organisationsleiter Gary Ciesléwicz hat die Reißleine gezogen und das Nachwuchsrennen schweren Herzens abgesagt.

Beileibe kein Einzelfall. „Die Anzahl der Straßenrennen in Deutschland ist in den vergangenen zehn Jahren mindestens noch einmal um 50 Prozent gesunken“, sagt Udo Sprenger. „Es gibt kaum noch welche.“ Der langjährige Vizepräsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), seit April im BDR als Beauftragter für Veranstaltungen zuständig, nennt diese Entwicklung „drastisch“. Er könnte auch vom Niedergang der deutschen Straßenradrennen sprechen. „Die letzten beiden Rundfahrten, die wir im Erwachsenenbereich noch haben, sind die Deutschland-Tour und die Thüringen-Rundfahrt der Frauen.“ Und die D-Tour, so Sprenger, sei auch nur deshalb nach zehnjähriger Abstinenz wieder auferstanden, weil der französische Ausrichter Amaury Sport Organisation (ASO) eingesprungen ist. „Ohne die ASO wäre die Rundfahrt nicht zurück gekommen. Sie kann es sich leisten, auch mal ein oder zwei Jahre mit roten Zahlen zu leben“, so Sprenger.

Der Grund für das anhaltende Sterben der Straßenrennen sei immer derselbe: Die hohen Kosten durch steigende Sicherheitsauflagen. Ein Zeichen unserer Zeit. Weit über den Sport hinaus.

Sprenger steht deswegen aktuell selbst vor einem großen Problem. In wenigen Wochen, genauer vom 28. bis 30. Juni, soll eigentlich die Deutsche Straßenrad-Meisterschaft stattfinden. Doch noch hat sich offiziell weiterhin kein Ausrichter gefunden. Keiner weiß, wo die Titelkämpfe stattfinden, ob sie überhaupt stattfinden. Auch Sprenger nicht. „Uns haben kurzfristig wieder zwei Städte abgesagt wegen der Kosten für die Absperrungen“, berichtet der 73-Jährige.

Ausrichter für DM gesucht

Er ist inzwischen zwar wieder mit einem möglichen Ausrichter in Kontakt und hat dessen Streckenplan auch an die zuständige Genehmigungsbehörde weiter gereicht. Doch wie die Antwort ausfällt, wie hoch die Auflagen und damit verbundenen Kosten sein werden, ist unklar. „Ich weiß nicht, was die Genehmigungsbehörde an Absperrung, Umleitung und Sicherheitskonzept fordert“, sagt er. „Ich hoffe, es klappt. Wenn nicht, weiß ich auch nicht.“ Die Kosten für Absperrungen bei einer solchen Veranstaltung mit mehreren Strecken für das Zeitfahren und das Straßenrennen würden im mittleren bis hohen fünfstelligen Bereich liegen. „Wie hoch, ist schwer zu sagen. Ein Kurs, der durch einen Wald führt, ist einfacher abzusperren als eine Strecke durch eine größere Stadt.“ Der Klassiker Eschborn-Frankfurt, bei dem am vergangenen Mittwoch der deutsche Meister Pascal Ackermann gewann, muss auch immer mehr Sicherheitsauflagen der Behörden erfüllen. Die Veranstalter hätten „200 Seiten Auflagen zur Absperrung erhalten“, so Sprenger. Die Straßensperren waren am vergangenen Mittwoch so umfangreich wie nie zuvor. Das haben viele Autofahrer leidvoll erfahren.

Deutsche Meisterschaften verkauft der BDR normalerweise für 30 000 Euro an die ausrichtende Stadt. Nun, da die Zeit enorm drängt, würde der BDR wohl auf diesen Beitrag verzichten, „obwohl er für den Verband eine wichtige Einnahme ist“.

Die Situation ist unangenehm. Für alle Seiten. Selbst die Profis sind irritiert. Schon im vergangenen Jahr hatte sich zunächst kein Ausrichter gefunden. Erst im Januar 2018 sprang Einhausen ein. Dort sprintete schließlich Pascal Ackermann im Juni zum Titel. Nun lebt Sprenger „nach dem Prinzip Hoffnung. Wir kommen in Zugzwang“.

Klar ist: Die Titelkämpfe können nicht einfach ausfallen wie so viele andere kleine Straßenrennen. Doch wer fährt dann bei der Tour de France im Trikot des Deutschen Meisters?

„Sollte sich kein Ausrichter finden, würden wir bei einer ausländischen Meisterschaft mitfahren, was natürlich blamabel wäre für Deutschland.“ Denkbar ist eine Zwei- oder Drei-Nationen-Meisterschaft, wie sie 2018 in der Nachwuchsklasse U23 in Unna gemeinsam mit Luxemburg und der Schweiz ausgetragen wurde.

Auch der Radklassiker am 1. Mai stand 2016 wegen der steigenden Kosten offenbar am Scheideweg, sagt Sprenger. „Eschborn-Frankfurt war auf der Kippe. Ich wüsste nicht, wie es ohne die ASO weitergegangen wäre“, sagt Sprenger über den Tour-de-France-Veranstalter, der die Traditionsveranstaltung 2017 übernahm und seitdem mit Erfolg organisiert.

Ein schwacher Trost für Gary Ciesléwicz und seine Kollegen.

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