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Das Quältalent

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© dpa

Wie der Musiker sportlich Rache nimmt an rüden Kritikern, über strenge Kirchgangsitten in Spanien und christliche Boybands.

Herr Kelly, haben Sie als Kind regelmäßig die Kirche besucht?

Jeden Sonntag. Wir haben damals in Spanien in einem kleinen katholischen Ort gelebt. Wenn man nicht in der Kirche erschienen ist, kam am nächsten Tag der Priester ins Haus, um zu fragen, was los war. Während der Messe saßen die Männer und Jungen vorne, damit der Priester die Beine der Frauen nicht sehen konnte. Wir reden hier von den späten 70er Jahren. Ich bin aber immer gerne in die Kirche gegangen, weil sich dort alle Jugendlichen getroffen haben.

Können Sie sich erinnern, welche Musik dort gespielt wurde?

Es wurde eine Art spanische Volkslieder mit religiösen Texten gesungen. Ich erinnere mich besonders an eine Sängerin namens Margarita, die ein sehr hohes, lautes Organ hatte. Ihr Gesang war nicht schön, übertönte aber alles. Ansonsten habe ich die Musik immer als schön und fröhlich empfunden, auf jeden Fall nicht so melancholisch wie viele deutsche Kirchenlieder.

Wenn deutsche Kirchenchöre Gospelsongs vortragen, wirkt es oft bemüht. Warum ist es so schwierig, die Musik in der Kirche zu verändern?

Die katholische Kirche in Deutschland hat ja ihre Probleme mit dem Nachwuchs. Mit moderner Musik alleine ist das nicht zu lösen.

Es wird aber versucht, etwa mit Sakro-Pop-Songs, die da heißen "Ich kann mit meinem Gott über Mauern springen" oder dem "Reli-Lehrer-Rap".

Ich finde so was schrecklich, auch wenn es gut ist. Wir hatten mal eine christliche Boyband im Vorprogramm, und ich habe mich gefragt: Was soll das? Eine christliche Boyband? Beten die vor dem Auftritt? So was halte ich für eine Verkaufsmasche - keine besonders gute allerdings, denn an den Namen der Band kann ich mich nicht mehr erinnern.

Was spielen die Kellys in der Kirche?

Viele alte Lieder mit akustischen Instrumenten. Spirituals, Gospels, irische Balladen sind darunter. Also in erster Linie die Musik, wie wir sie früher auf der Straße gemacht haben, dazu ein paar neue Songs, die in diesen Rahmen passen. Unseren ersten großen Hit "David's Song", den wir seit Jahren nicht mehr gespielt haben. Und natürlich auch "An Angel", ein süßes, kleines Lied, das mein Bruder als Kind geschrieben hat.

Worin besteht der Unterschied zwischen einem Konzert in einer Halle und in einer Kirche?

Die Kirche ist für mich ein heiliger, ein besonderer Ort. Bereits wenn ich eine Kirche betrete, empfinde ich großen Respekt. Respekt vor dem Alter des Gebäudes, vor den unzähligen Menschen, die dort gebetet, getrauert und ihre Kinder getauft haben. Den meisten Menschen geht es wohl ähnlich, auch wenn sie nicht gläubig sind. Daher herrscht bei unseren Konzerten in der Kirche eine ganz andere Stimmung. Das Publikum verhält sich sehr respektvoll. Du brauchst keine Absperrgitter und Ordner, niemand kommt auf die Idee, die Altartreppe hinaufzustürmen.

Herr Kelly, Sie sind bei allen TV-Wettkämpfen dabei, die Stefan Raab ausrichtet. Sie rasen mit dem Wok durch den Eiskanal und springen einen Salto vom Drei-Meter-Brett. Am Ende sind Sie meist der schweigsame Sieger. Warum machen Sie da mit?

Ich setze Prioritäten. In den Dschungel würde ich nicht gehen. Ich habe keine drei Wochen Zeit, um mich mit Kakerlaken bewerfen zu lassen. Die Wettkämpfe von Stefan Raab machen Spaß und sind gleichzeitig eine sportliche Herausforderung. Es nehmen immer Leute teil, die was können und hart trainiert haben. Da reizt es mich natürlich, vorne dabei zu sein.

Der Spiegel schrieb über Sie: "Joey rächt sich sportlich für all die Verbalattacken von Stefan Raab auf die Kelly Family."

Das trifft die Sache genau. Wichtig ist dabei die Formulierung "er rächt sich sportlich". Was vielleicht keiner vermutet: Ich mag Stefan Raab, er ist ein feiner Mensch, ich bewundere seinen Ehrgeiz, seine Ideen, und wenn ich es schaffe, ihn im Wettkampf zu schlagen, bin ich stolz.

Sie haben an mehr als 50 Marathonläufen und Ausdauerwettbewerben teilgenommen. Was treibt Sie an?

Meine Ziele, die ich mir immer wieder neu stecke. Gerade habe ich meinen fünften Wüstenlauf bewältigt, 250 Kilometer in sechs Etappen durch die Atacama-Wüste. Als ich vor elf Jahren mit dem Ausdauersport anfing, war ich total euphorisiert, ernährte mich von Eiweißpulver, las Fachliteratur. Mittlerweile habe ich mir eine Grundfitness erarbeitet, aber Sie finden bei mir zuhause keine Laufzeitschrift mehr. Es ist ein Teil meines Lebens, aber nicht der wichtigste.

Sie haben mal - nach Ihren Schwachpunkten gefragt - geantwortet: "Ich finde, ich bin nicht so intelligent." Das ist eine erstaunliche Aussage.

Manche Menschen haben eine Gabe, die verstehen schnell, lernen mit Leichtigkeit. Ich dagegen muss mir alles hart erarbeiten. Das hat auch Vorteile. Wer schnell lernt, ist oft nicht so gründlich, dem fehlt am Ende das Fundament. Ich habe mal zu meinem Trainer gesagt: "Ich bin so frustriert, ich habe null Talent zum Sport. Mache ich vier Wochen Pause, muss ich fast wieder von vorne anfangen." Er hat mir widersprochen: "Joey, du hast Talent, du kannst dich quälen." Ich habe also das Quältalent. Immerhin.

Interview: Ute Diefenbach

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