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Finale um die Meisterschaft 1973 in Dortmund: Göppingen (dunkle Trikots) gegen Gummersbach.

Handball-WM

Die Provinz lebt

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Am Donnerstag beginnt die Handball-WM, ein Sport mit hohem Nostalgiefaktor. Unser Autor Günter Klein hat sich in Gummersbach, Großwallstadt, Göppingen umgehört, wie es den Traditionsklubs geht

Die Namen, sie ziehen immer noch. Beim VfL Gummersbach haben sie das gemerkt, als sie im Sommer ein Trainingslager in der Toskana bezogen. Einen Medienauftrieb gab es, dass Christoph Schindler, einer der beiden VfL-Geschäftsführer, konstatieren konnte: „Ein Wahnsinn, was Gummersbach immer noch für einen Stellenwert hat und was für eine Strahlkraft.“

Auch Walter Klug staunt immer wieder, was Menschen mit dem TV Großwallstadt verbinden. Sie benennen dann die Spieler aus der großen Zeit: Kurt Klühspies, blond, groß, schnauzbärtig, ein Wurfmonster. Manfred Hofmann, der Torwart im gelben Anzug, der die Bälle anzuziehen schien. Die Helden der 70er-Jahre. Walter Klug hat mit ihnen noch gespielt, heute lenkt er den Verein. Dass Stars von einst ein Begriff geblieben sind, erklärt er sich so: „Die Zeit damals hat noch richtig überzeugte Fans hervorgebracht.“ Man hatte schlicht ein viel überschaubareres Angebot, das die Freizeit füllte.

Frisch Auf Göppingen hat ebenfalls einen hohen Wiedererkennungswert. Das ist der Verein, den Bernhard Kempa prägte, der Mann, nach dem der bekannteste raffinierte Spielzug der gesamten Sportart benannt wurde: der Kempa-Trick. Der Angreifer springt ab, bevor er das Zuspiel erhält, er nimmt den Ball im Flug auf und schließt ab, bevor er wieder den Boden berührt. Das ist die Krone der Schöpfung. Und natürlich: Frisch Auf – was für ein genialer Name. Unverwechselbar.

Gummersbach, Großwallstadt, Göppingen – wer in den 70er-Jahren sportlich sozialisiert wurde, ist mit diesen Vereinen vertraut. Er wusste nicht in jedem Fall, wo diese Ortschaften liegen, er wusste nur: Sie sind keine Großstädte. Dort gehörte Handball – Ausnahme Kiel, das nun schon seit 51 Jahren der Bundesliga angehört – früher nicht hin. Handball hatte seine Hochburgen in der Provinz. Es gab auch noch den TV Hüttenberg, den TuS Hofweier, Grün-Weiß Dankersen, die SG Leutershausen oder Weiche-Handewitt, das manche im fernen Süden für einen Eisenbahnersportverein hielten (tatsächlich ist Weiche ein Ortsteil von Flensburg).

Die Handball-Bundesliga kam damals oft in der ARD-Sportschau, und Gummersbach – Großwallstadt war ein Classico, bevor sich dieser Begriff ins Sportreporter-Deutsch gepflanzt hatte. Warum Vereine dieser Größe vor Jahrzehnten so stark sein konnten – Christoph Schindler erklärt es so: „Früher war alles nicht so professionell, für die Spieler zählten andere Faktoren als nur Geld und die Aussicht auf Titel.“ Die Verbindung zum Verein war so stark, dass sie in vielen Fällen ein Leben lang hielt. Jeder Klub hatte seinen großen Namen, seinen Star. Der Handball hat irgendwann begonnen, anders zu ticken. Es gab neue Standorte, großes Denken, gewagte Experimente. Was man jetzt feststellen kann: eine Art Rückbesinnung auf Konzepte, sich mit regionaler Kraft aus den starken Geldflüssen zu lösen.

In der ewigen Tabelle der Bundesliga sind Frisch Auf, TVG und VfL Siebter, Vierter und Zweiter. Göppingen ist sportlich immer noch stabil (aktuell Siebter) – was man von den anderen beiden großen G’s nicht behaupten kann. Gummersbach hat die Hinrunde auf Platz 15 (von 18) beendet, „seit drei Jahren haben wir Abstiegskampf, da brauchen wir nichts schönzureden“, sagt Geschäftsführer Schindler. Großwallstadt hängt ebenfalls hinten drin – aber eine Liga tiefer. In der zweiten.

„Schauen Sie lieber auf die ewige Tabelle als auf die aktuelle“, bittet Schindler mit einem Lächeln. Das nicht hält, wenn man den VfL mit dem Fußballklub Hamburger SV vergleichen würde. Dessen Merkmal war bis vor einem Jahr, dass er aus der höchsten Liga einfach nicht abstieg, immer da war. Im Handball hat nur Gummersbach alle 53 Jahre mitgemacht – dabei aber auch HSV-Fehler begangen, so Schindler: „Man hat vom Geld der Zukunft gelebt, sich aber auf den Erfolgen der Vergangenheit ausgeruht.“ Nun ist „strategische Neuausrichtung“ angesagt, „damit es uns auch in zehn Jahren noch gibt“. Eine Uhr, die die Bundesliga-Rekordzugehörigkeit anzeigt (wie der HSV), werde man sich nicht aufhängen, verspricht Schindler. Eine solche Uhr würde den Blick verstellen auf das, was kommt.

Walter Klug aus Großwallstadt sagt, trotz Platz 15 (von 20) in der zweiten Liga herrsche im Ort „Aufbruchstimmung“. Vor dem Jahreswechsel gab es „einen großen Sieg gegen Ferndorf“. Das klingt noch nicht nach der großen Welt, in der der TVG mal zu Hause war, „aber die Mannschaft hat eine gute Basis für die zweite Liga“, und die Vision erschöpft sich nicht darin, lange im Unterhaus zu bleiben. Man war sogar schon weiter unten, 2017/18 spielte Großwallstadt, der siebenmalige Deutsche Meister, in der dritten Liga, Staffel Ost.

1980 war das glorreichste Jahr. Großwallstadt, gut 4000 Einwohner (Hoffenheim-Größe), gewann alles: Deutsche Meisterschaft, Pokal, den Europapokal der Landesmeister. Man war ganz oben.

2015 der Tiefpunkt. Insolvenz, keine Lizenz für die zweite Liga. „Danach ist es schwer, Vertrauen zurückzugewinnen“, sagt Walter Klug, „man muss darauf achten, die Rechnungen schneller zu bezahlen“

Der TV Großwallstadt ist zurück in seiner historischen Halle, der Untermainhalle in Elsenfeld. Die fünf Jahre davor hatte er in Aschaffenburg gespielt. Schöne Halle dort, aber die Mietkosten waren zu hoch. Aschaffenburg gehört zur großen Region, die Großwallstadt in Unterfranken und Hessen bespielt: Odenwald, Darmstadt, Spessart.

Der VfL Gummersbach hat ebenfalls in die Heimat zurückgefunden, allerdings in eine neue Halle. „Highlightspiele kann man auslagern“, sagt Geschäftsführer Schindler. In der großen Zeit trug Gummersbach seine internationalen Spiele in der Dortmunder Westfalenhalle aus, heutzutage bietet sich dafür die Kölner Arena an der Messe an. In die lockte der VfL schon 19.000 Zuschauer; dennoch scheiterte der Versuch, „aus dem VfL einen Kölner Verein zu machen“, so Schindler. Man betont in der Kommunikation nun wieder das Oberbergische. Bezeichnet sich als „Heimat des Handballs“, „Wo man deine Lieder singt“, „Wo du jede Straße kennst“.

Gummersbach hat gut 50.000 Einwohner, das ist in etwa auch die Gewichtsklasse von Göppingen. Frisch Auf hat die schweren Zeiten hinter sich. 1984 Zwangsabstieg, 1989 sportlicher Abstieg, gefolgt von zwölf Jahren Zweitklassigkeit. Alexander Kolb war einer der Helfer beim Wiederaufbau, er ist noch heute dabei als Teammanager und durfte im laufenden Jahrzehnt die Krönungen des Wiederaufschwungs erleben – mit vier Triumphen im Europacup.

Dennoch will Frisch Auf nicht mehr sein, als es ist. Eine Studie, die der Verein beim Institut Repucom in Auftrag gab, untermauerte, dass er zum „regionalwirtschaftlichen Nutzen“ beiträgt und diese Verwurzelung sein Markenkern ist.

Die deutsche Handball-Bundesliga gilt als internationale Größe, dennoch hat sie keine Flausen, sich im Ausland groß vermarkten zu können oder müssen. Christoph Schindler. der Gummersbacher, argumentiert: Einen Weltmarkt wie im Fußball gebe es nicht, „in Asien und Amerika ist das Interesse an Handball zu gering; es ist ein europäischer Sport.“ Zwar spielen internationale Stars in Deutschland, doch die Klubs bemühen sich mehr denn je um Schaffung eigener Quellen, sie betreiben Akademien, auch der TV Großwallstadt sieht seine Zukunft darin. Nationaltorhüter Andreas Wolff ist der derzeitige Vorzeigeabsolvent. In einer nahen Zukunft, die Walter Klug sich erträumt, „könnte er dann auch in Großwallstadt wieder Bundesliga spielen. Wieso sollte er dann nach Kiel?“

Es wäre wieder wie früher.

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