+
Gibt sich zuversichtlich, bremst aber die Erwartungen: Christian Prokop. 

Bundestrainer

Für Prokop ist Schweigen Gold

  • schließen

Warum Handball-Bundestrainer Christian Prokop vor der EM den Vergleich mit den Bad Boys von 2016 nicht zulässt.

Für einen kurzen Augenblick hielt Christian Prokop dann doch inne. Es war keine dieser schöpferischen Pausen beim medialen Frage-Antwort-Spiel, dem sich der Handball-Bundestrainer am Freitag in Frankfurt stellte. In seinem Sekundenschweigen versteckte sich vielmehr die Antwort auf die Frage, mit welcher persönlichen Erwartung er in die am Donnerstag beginnende Europameisterschaft in Norwegen, Schweden und Österreich (9. bis 26. Januar) starten werde. „Ich stelle meine persönliche Erwartungshaltung hinten an“, wiegelte der 41 Jahre Handballlehrer schließlich ab, es gehe jetzt nur darum, die verbleibende Zeit der Vorbereitung optimal zu nutzen. „Das ist das alles Entscheidende.“

Wichtige Spieler sind dem Bundestrainer vor den kontinentalen Handballspielen von der Fahne gegangen. Teils verletzungsbedingt, teils wegen zu hoher Belastung. Vor allem die Absage von Fabian Wiede schmerzt ihn. Der Berliner, erst am Montag an der lädierten linken Schulter operiert, war im zurückliegenden Jahr zum kreativen Kopf im Rückraum aufgebaut worden. „Auf ihn, einen Linkshänder als Spielmacher, haben wir alles ausgerichtet“, bestätigt Kapitän Uwe Gensheimer am Montag in den Räumlichkeiten des DOSB im Frankfurter Stadtwald.

Prokop setzt notgedrungen aufs Kollektiv

Nun aber herrscht kreativer Notstand im deutschen Rückraum. Mit links wird der nicht zu beheben sein. Das weiß eben auch Prokop, der ohne echten Mittelmann am kommenden Donnerstag in Trondheim gegen die Niederlande ins Turnier starten wird. Er setzt deshalb - notgedrungen - aufs Kollektiv: „Es wird ein Wechselspiel sein, eine Dreier-Kombination, in der ich Paul Drux als erstes nennen kann. Er wird am häufigsten auf der Position zu sehen sein, aber letzten Endes sind alle sechs, sieben Rückraumspieler gefragt.“

Den ersten ganz persönlichen Elchtest hat der Berliner Drux schon am heutigen Samstag in Mannheim im vorletzten Testspiel gegen Island (17.20/ZDF) zu bestehen. Am Montag (14.40/ARD) folgt dann in Wien gegen Co-Gastgeber Österreich die Generalprobe vor der Weiterreise nach Norwegen.

Christian Prokop lobt viel

Der ob der sieben Ausfälle runderneuerte DHB-Kader steht vor einer langen Reise der Selbstfindung. Es gilt sich kennenzulernen, zu einem Team zusammenzuwachsen. Handballerisch natürlich, aber auch emotional. „Unser Teamgeist“, sagt Prokop, „der uns schon immer ausgezeichnet, erfährt jetzt noch einen höheren Stellenwert“. Auch deshalb verteilt Prokop artig Komplimente, lobt seine Nationalspieler, wann immer sich die Gelegenheit dazu findet. „Alle Spieler sind engagiert, konzentriert, unterstützen sich untereinander“, urteilt Prokop nach den ersten drei Trainingseinheiten. Was er sieht, gefällt ihm.

Bis zum Beginn der europäischen Handarbeitsmesse muss Prokop seinen 17er-Kader noch um eine Position verkleinern. Wen der Bannstrahl treffen wird, verrät er freilich nicht, „vielleicht fahre ich auch mit allen 17 nach Trondheim“, sagt Prokop. Vermutlich könnte es aber den Stuttgarter Patrick Zieker treffen.

Für Prokop gilt: Nur Schweigen ist Gold

Gensheimer wäre dann der einzige Linksaußen im Team des Europameisters von 2016, der vor vier Jahren mit einem vergleichbar großen Verletzungspech in die EM in Polen gestartet war und zu guter Letzt den Titel holte. Ein Vergleich, den Prokop nicht zulässt: „Er bringt uns einfach nicht weiter, macht uns die Arbeit nur zusätzlich schwer.“

Prokops Vorgänger Dagur Sigurdsson und dessen selbsternannte Bad Boys waren 2016 in Breslau als krasse Außenseiter in die EM gestartet. „Wenn man aber die letzte WM als Vierter abschließt, sehr gut gespielt hat und sich neue Ziele steckt, wird natürlich häufig von einer Medaille gesprochen“, erklärt Prokop seine Sicht auf die Dinge. Er wolle diese Ziele nicht korrigieren oder gar zurückrudern, denn: „Ich traue der Mannschaft zu, diese Ziele zu hundert Prozent zu erreichen.“ Fakt sei aber auch, „nur über das Endziel zu sprechen, lenkt nur ab“. Auch deshalb gilt für Prokop vor der EM: Schweigen ist Gold.

Andreas Wolff (28) zählt seit dem Gewinn des EM-Titels 2016 zu den weltbesten Handballtorhütern. Die FR hat sich vor der Handball-EM mit Wolff zum Interview getroffen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion