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Team Trommer: Klubchef Günter Keller, Torhüterin Jessica Trommer und ihr Freund Pascal Sauer (von links).

Powerchair-Hockey

Das Leuchten in den Augen

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Für seine Söhne gründete Günter Keller einst die Black Knights Dreieich. Heute bieten sie Torhüterin Jessica Trommer eine sportliche Heimat auf Weltklasse-Niveau.

Als Günter Keller vor etwas mehr als 41 Jahren wusste, dass er bald Vater von Zwillingen wird, hat er sich mächtig gefreut: Er würde mit den beiden Jungs viel Fußball spielen. „Davon habe ich immer geträumt.“

Günter Keller hat mit den Söhnen Florian und Gregor niemals Fußball spielen können. Denn sehr bald stellte sich heraus, dass die beiden an einer angeborenen schweren Muskelerkrankung leiden und es war klar: Es würden zwei andere Leben werden. Leben im Rollstuhl statt auf dem Fußballplatz. Und dann haben Günter Keller und seine Frau Renate das Schicksal in die Hände genommen. Keller, inzwischen 71 Jahre alt, sagt: „Da hilft nur eins, nicht verstecken und immer das Mögliche machen.“

So gründeten die Kellers 1994 einen Verein, in dem ihre Söhne im Elektrorollstuhl sportlich aktiv sein konnten. Sie nannten den Klub kämpferisch Black Knights Dreieich. Die Schwarzen Ritter spielen Powerchair-Hockey und sind zuletzt dreimal nacheinander Deutsche Meister geworden. Dreimal im Monat trainieren sie, immer samstags drei Stunden lang. Manche Spieler haben ihre Schläger an die Sportrollstühle montiert, weil ihnen die Kraft fehlt, sie selbst zu halten. Zum Beispiel Jessica Trommer, die Torhüterin, die seit zwei Jahren sogar zur Nationalmannschaft gehört.

Ehrung bei der Powerchair-Hockey-WM in Ligano

Bei der International Powerchair Hockeymeisterschaft im italienischen Lignano wurde sie als beste Keeperin des WM-Turniers ausgezeichnet. Wer mit ihr spricht, sieht ein Leuchten in den Augen. „Mit so einer großen Ehrung nach Hause zu gehen, gleich bei der ersten Weltmeisterschaft, das war ein großes Highlight für mich.“ Der Sport im Dreieicher Elektrorollstuhl-Hockeyklub, den sie seit 2006 betreibt, hat ihr viel gegeben, vor allem Selbstbewusstsein und Anerkennung. Präsident Günter Keller sagt: „Die Jessi ist eine Klasse für sich.“ Sein Sohn Gregor sitzt in seinem Rollstuhl dabei und nickt. Er war vorher der erste Torwart der Mannschaft, mittlerweile ist es Jessica Trommer.

Als sie knapp zwei Jahre alt war und noch immer nicht laufen konnte, wurde bei der kleinen Jessica eine degenerative Muskelerkrankung, eine sogenannte spinale Muskelatrophie, diagnostiziert. „Als Kind und als Teenager war es schon schwer für mich, die anderen zu sehen, was sie alles können und ich nicht. Da hatte man schon zeitweise die Gedanken, okay, warum hat es jetzt mich getroffen? Was hat der liebe Gott falsch gemacht?’ Aber ich hatte viele Freunde, die mich sehr gut integriert haben. Ich habe dann irgendwann angefangen, damit zu leben und bin jetzt ein fröhlicher Mensch“, erzählt sie. „Manchmal habe ich Rückenschmerzen oder mein Po tut weh, ich sitze halt auch von morgens bis abends. Aber ansonsten bin ich eigentlich relativ fit.“

Ende März, zwei Tage nach dem zweiten Bundesliga-Spieltag der neuen Saison am 23. März in der heimischen Halle in Messel, wird die Rüsselsheimerin 30 Jahre alt. Sie hat einen Raum gemietet, 45 Gäste sind geladen. Auch viele Mitspieler werden dabei sein.

Die Black Knights Dreieich haben 51 Mitglieder und 20 aktive Spieler zwischen neun und 50 Jahren aus fünf Nationalitäten, der beste Feldspieler heißt Nasim Afrah und macht Tore am Fließband, Männer und Frauen spielen in gemischten Teams, sechs Klubs gehören der Bundesliga an.

Ein Elektro-Sportrollstuhl kostet zwischen 18.000 und 23.000

Der Sport ist finanziell sehr aufwendig. Vereinschef Keller schafft emsig Sponsoren ran. Ein hochtechnisierter Elektro-Sportrollstuhl aus Schweizer Herstellung kostet zwischen 18.000 und 23.000 Euro. Die Powerchairs sind rund hundert Kilo schwer, bis zu 18 Stundenkilometer schnell und müssen gedrosselt werden. Denn international sind nur 15 Stundenkilometer erlaubt, in der Bundesliga 13 Kilometer pro Stunde, in der zweiten Liga nur noch zehn. Im Training in der Sprendlinger Sporthalle der Heinrich-Heine-Schule kracht es schon mal ordentlich gegeneinander.

Jessica Trommer hat ihren Rollstuhl an der Ladestation aufladen lassen. Sie bewegt den Rollstuhl mit ihrem Joystick geschickt und bewacht dabei ein 2,50 Meter breites und 20 Zentimeter hohes Tor. Über den Sport hat die Verwaltungsangestellte der Polizeidirektion Groß-Gerau auch ihren Freund kennengelernt. Pascal Sauer war vor zweieinhalb Jahren von einem Kumpel mit zum Zuschauen genommen wurden. „Dann haben wir angefangen zu schreiben, wie es halt so ist, auf Whatsapp, und dann haben wir uns auch privat getroffen“ berichtet die Torhüterin. „Ich habe erst gedacht: Was will er mit mir, weil er 22 ist. In dem Alter will man vielleicht noch andere Sachen erleben, als seiner Freundin ständig zu helfen, aber es hat funktioniert.“

Pascal Sauer ist immer dabei. Beim Training, an den Spieltagen, und auch zu den Turnieren fährt er mit. Sanft hebt er seine Freundin vor dem Training aus dem Alltags-Rollstuhl in den tiefer gelegten und wendigeren Powerchair. Außerdem unterstützt er sie inzwischen auch bei der Arbeit am Schreibtisch bei der Polizei. „Ich helfe ihr bei allem, was sie dort nicht selbst machen kann.“ Die beiden suchen gerade eine Wohnung, noch wohnt Jessica Trommer mit ihrem Vater zusammen, die Mutter und die beiden Brüder leben nicht weit entfernt.

Sie ist Eintracht-Fan und besitzt eine Dauerkarte. „Wir haben die besten Plätze im Stadion.“ Sie kommt bemerkenswert selbstbestimmt durch den Tag. Mittels zweier Joysticks kann sie alleine Auto fahren. Den Führerschein hat sie in einer Spezial-Fahrschule in Heidelberg binnen vier Wochen erworben. Auch rein und wieder raus aus dem Auto kommt sie ohne Hilfe: Sie bleibt im Rollstuhl sitzen, der zum Fahrersitz wird. Mit der Fernbedienung öffnet sie die hintere Klappe ihres Caddys, eine Rampe fährt raus und führt sie bis ans Lenkrad. Unten im Boden befindet sich eine Dockingstation, wo der Rolli verankert wird.

Als ehemaliger Fußballer kennt Günter Keller die Kraft der Gemeinschaft

Seit einigen Monaten bekommt sie zudem eine neue Therapie, die den Verlauf der Krankheit hemmen soll. Im Abstand von mehreren Monaten bekommt sie ein Medikament ins Nervenwasser des Rückenmarks gespritzt, sie muss dafür jeweils ein paar Tage in die Klinik. „Das habe ich jetzt viermal gemacht bekommen.“ Sie hat seitdem einmal das Gefühl gehabt, ein wenig mehr Kraft in den Armen zu haben. „Ich brauche zum Heben einer Wasserflasche eigentlich immer beide Hände. Dann habe ich es einmal mit einer Hand geschafft, ohne vorher groß darüber nachzudenken.“ Aber es gibt auch kleine Rückschläge: „Bei der Arbeit merke ich, dass mein Arm schneller schwach wird, wenn ich viel schreibe,“

Auch im Training legt sie Pausen ein, dann ist ihr Freund Pascal stets zur Stelle. Präsident Keller und seine Frau haben für die Begleiter der Spieler, die teils aus Nordhessen angereist sind, Kaffee gekocht. Keller setzt sich mit seinem dampfenden Becher auf eine Holzbank und schaut dem Training zu: „Wenn die Augen strahlen, gibt mir das viel“, sagt er.

Als ehemaliger Fußballer weiß Günter Keller um die Kraft der Gemeinschaft. Behindertensportler werden in der Regel in Kleinbussen transportiert, Keller hat dafür gesorgt, dass das Team der Black Knights einmal im Jahr im großen Mannschaftsbus mit eigens ausgebauten Sitzen unterwegs ist. Er hat für den Transport das Busunternehmen „Der Zwingenberger“ in Südhessen gefunden. „Alle zusammen nach der Meisterschaft 2017 singend im großen Bus, das war gigantisch“, erinnert sich der Mann, ohne den es das alles nicht geben würde.

Florian, einer der Zwillingssöhne der Kellers, hat das nicht mehr erleben können. Er verstarb am 1. Dezember 2014. Günter Keller sagt: „Es hilft nicht zu fragen: Warum? Es bringt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken.“ Er schaut rüber zu Gregor, seinem Sohn, der jetzt 41 ist, und zu seiner Frau Renate. „Und manchmal frage ich mich auch, wie wir das alles geschafft haben.“

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