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Arne Gabius lief bei seinem dritten Start in Frankfurt 2017 in 2:09:59 Stunden ins Ziel.

Arne Gabius

"Positive Bilder im Kopf"

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Warum Arne Gabius beim Frankfurt-Marathon am Sonntag nicht zu schnell angeht, welche Rolle sein Sohn spielt und was sein Traum ist.

Der dichte Verkehr auf der Anreise soll kein schlechtes Omen sein: Arne Gabius erschien am Donnerstag verspätet zu den Athletengesprächen beim Frankfurt-Marathon. Am Sonntag steht der 37-Jährige zum vierten Mal an der Startlinie. Hier gab er 2014 in fulminanten 2:09:32 Stunden sein Debüt, ein Jahr später drückte er einen Uraltrekord der deutschen Leichtathletik auf 2:08:33 Stunden. 2017 ließ der gebürtige Hamburger nach großem Kampf noch eine 2:09:59 Stunden folgen, nachdem kurz zuvor noch sein Sohn Frederik-Bosse geboren wurde. Gabius sparte im Vorfeld kein Thema aus und sprach über ...
 
... seinen einjährigen Sohn: Frederik-Bosse läuft schon 20, 30 Schritte. Der Kleine hält uns damit noch mehr auf Trab, aber das ist einfach inspirierend. Ich passe den Trainingsplan meinem Sohn an – er gibt den Rhythmus vor (lacht). Als mein eigener Teamleiter kann ich um acht Uhr morgens, aber auch um zwölf Uhr mittags laufen. So lange in der Woche 200 Kilometer und mehr auf der Uhr stehen, ist alles in Ordnung. Wenn das Training sehr belastend gewesen ist, dann kam es auch schon vor, dass ich im Gästezimmer geschlafen habe. Leider zieht der kleine Mann auch die Erkältungsviren wie ein Magnet an, weshalb ich mich zuletzt zweimal erkältet habe. Aber wir werden am Renntag noch gemeinsam frühstücken, er kommt dann auch mit meiner Frau Anne zum Start.

 ... seinen Bezug zu Frankfurt: Ich fahren mittlerweile ohne Navigationssystem hierhin (lacht). Mir liegt das Rennen einfach, ich komme sehr gerne nach Frankfurt. Die Stimmung ist gut, die Veranstaltung strukturiert, die Strecke schnell. Ich nehme das alles gerne mit. Ich empfehle anderen Läufern oft: ‚Wenn ihr Bestzeit laufen wollt, ist der Frankfurt-Marathon ideal.‘
 

... seine Renntaktik: Unter 2:10 Stunden will ich in Frankfurt in jedem Fall wieder laufen. Bei einer 2:12 wäre ich enttäuscht. Schnell anlaufen kann jeder. Ich werde nicht in 63:30 Minuten die erste Marathonhälfte anlaufen, sondern angedacht sind 65:00, das sind ja immerhin noch 3:04 pro Kilometer. Einer meiner Tempomacher wird Richard Ringer (deutscher Langstreckenläufer, Anm. d. Red.) sein, der damit auch mal Marathonluft schnuppert. Auf jeden Fall plane ich wieder mit einem Negativsplit (zweite Streckenhälfte schneller als die erste, Anm. d. Red.). Mich stört auch die Mainzer Landstraße gar nicht. Im Gegenteil: Da fängt der Spaß erst richtig an. Ich habe von dort viele positive Bilder im Kopf, wie ich 2014 dort fast über die Straße geflogen bin.
 
 ... seine Vorbereitung: Ich bin verletzungsfrei – das ist auf diesem Niveau das Wichtigste. Ich bin dem Hitzesommer in Deutschland entkommen, indem ich zwei Monate in Pontresina im Engadin trainiert habe. Bei besten Bedingungen bis zu 230 Kilometern je Woche. Und meine Familie war die meiste Zeit bei mir.
 
 ... seine Verfassung: Das Problem vom Boston-Marathon habe ich beseitigt (Gabius stieg dort vorzeitig aus, Anm. d. Red.). Die Wadenprobleme rührten daher, dass mir ein Nackenwirbel herausgesprungen war, was wohl nach 15 Kilometern passiert ist. Im Nachhinein habe ich herausgefunden, dass mir der Bettenwechsel in Boston nicht gutgetan hatte. Ich habe viele Sachen wieder umgestellt, um meinen Weg zu finden. Der Körper verzeiht keine Fehler mehr. Ich kann es mir nicht mehr leisten, Gymnastik, Stretching oder Yoga auszulassen. An manchen Tagen sind es drei, vier Stunden, und oft mache ich das noch, wenn die ganze Familie schon schläft. Aber sonst bilden sich Dysbalancen, die sich irgendwann bemerkbar machen. 2017 ist auch deshalb so holprig verlaufen, weil irgendwann die Muskelketten zumachten. Laufen besteht nicht nur aus Laufen.

... den Weltrekord von Eliud Kipchoge: Das kam ja nicht so unerwartet. Jeder Läufer auf der Welt hat ihm das gegönnt. Seine Serie an Topzeiten ist ebenso beeindruckend wie seine akribische Arbeit. Er ist in Berlin (2:01:39 Stunden, Anm. d. Red.) die zweite Hälfte um eine Sekunde schneller gelaufen als die erste. Es fehlen ihm nur noch 99 Sekunden, um als erster Mensch unter zwei Stunden einen Marathon zu laufen. Wenn es Eliud nicht schafft, müssen wir noch weitere zehn Jahre warten.
 
 ... über die Leichtathletik-WM 2019 in Doha: Das reizt mich gar nicht. Irgendwann reicht es auch. Events wie jetzt in Frankfurt oder Boston bringen mir mehr. Ehrlich gesagt: Da kommen eine EM oder WM nicht ran.
 
 ... den olympischen Traum von Tokio 2020: Warum ich dort starten möchte? Weil da alles passieren kann! Es hat bei Olympischen Spielen so viele Überraschungen gegeben. Wie lange hat es gedauert, bis ein Kenianer überhaupt mal dort gewinnt? Ich finde solch einen Wettkampf faszinierend.

 ... das Verhältnis zum deutschen Leichtathletik-Verband (DLV): Ich mache mein Ding, sie machen ihr Ding. In Flagstaff im Trainingslager hatte ich Kontakt zu den DLV-Athleten, die Wertschätzung für den Straßenlauf ist da. 
 
 ... seine Zukunft: Ich will auf jeden Fall noch zwei bis vier Jahre auf diesem Niveau laufen. Ich bin jetzt 37, dann muss jeder Muskel in Zukunft funktionieren, aber ich bin überzeugt, bis Anfang 40 Topleistung bringen zu können. Ich denke, dass ich mir das richtige System dafür zurechtgelegt habe. Ich halte es definitiv für möglich, dass ich bis dahin noch in den Bereich von 2:06, 2:07 Stunden vordringen kann, wenn ich ein Jahr verletzungsfrei bleibe.
 
Aufgezeichnet: Frank Hellmann

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