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Der Chef in Hannover: Morten Olsen, Spielmacher und Torjäger.

Handball

Hannover-Burgdorf: Plötzlich spitze

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Der überragende Morten Olsen führt Hannover-Burgdorf auf Rang eins der Handball-Bundesliga. Am Donnerstag geht es gegen die Löwen.

Morten Olsen ist in seiner Karriere schon häufiger ganz oben gewesen, der 91-fache dänische Nationalspieler hat die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio geküsst und drei Jahre später in seiner Heimat den WM-Pokal in die Höhe gereckt. Herausragende Erlebnisse, die dem mittlerweile schon 35 Jahre alten Handballprofi wohl für immer in Erinnerung bleiben werden. Genauso vermutlich wie die aktuelle Bundesligarunde mit seinem Klub, dem TSV Hannover-Burgdorf.

Die „Recken“, so der Beiname, den sich der Verein vor einigen Jahren gab, überraschen derzeit ganz Handball-Deutschland. Die Niedersachsen führen im elften Jahr ihrer Bundesligazugehörigkeit mit 16:2 Punkten nach neun absolvierten Partien die Liga sensationell an. Zwei Zähler vor den Rhein-Neckar Löwen aus Mannheim und dem amtierenden Meister SG Flensburg-Handewitt. „Dass wir an der Spitze stehen, ist für uns alle ein Highlight. Wir kämpfen und werden versuchen, auch jedes weitere Spiel zu gewinnen“, sagt Olsen, der unbestritten der beste Mann seines Teams ist. Auf der Mittelposition im Rückraum leitet der erfahrene Profi die Angriffe gekonnt ein und schließt sie häufig selbst erfolgreich ab. Olsen ist ein Alleskönner, einer, der quasi auf jede Abwehrformation des Gegners spontan reagieren und seine eigenen Aktionen darauf ausrichten kann. Der Lücken erkennt, wo andere nur gegnerische Hände wahrnehmen, der zurzeit mindestens auf einem Niveau mit dem Schweizer Überhandballer Andy Schmid von den Rhein-Neckar Löwen auf der Platte zaubert. Im Saisonverlauf gelangen Olsen schon 51 Treffer und 35 Vorlagen.

Der Spielmacher, der 2010 erstmals für drei Spielzeiten zu den Burgdorfern wechselte und nach kurzen Zwischenstationen im französischen Saint-Raphaël sowie in Katar 2015 wieder zurückkehrte, scheint den Erfolg selbst kaum glauben zu können. Er sagt ehrfurchtsvoll: „Wir werden bestimmt noch Punkte lassen.“ An diesem Donnerstag (19 Uhr) erwartet der Tabellenführer den ärgsten Verfolger aus Mannheim zum Spitzenspiel.

Doch wie kann es überhaupt sein, dass plötzlich ein Außenseiter die Liga anführt, dass eine Mannschaft, die in der vergangenen Saison nur Tabellen-13. wurde, zweimal in kürzester Zeit den amtierenden Meister aus Flensburg (in Liga und DHB-Pokal) besiegt? Olsen erklärt das wie folgt: „Wir spielen überragend und kämpfen füreinander.“ So einfach also. Spielerische Nachteile im Vergleich zu den Topteams, die zweifelsohne vorhanden sind, macht der TSV durch Teamgeist wett.

Wurde der Saisonstart mit 12:0 Punkten teils noch kleingeredet, weil es anfangs eher gegen die handballerischen Leichtgewichte der deutschen Eliteklasse ging, so belehrten die „Recken“ manch einen Kritiker mittlerweile eines Besseren. „Man muss den Hut vor dieser Mannschaft ziehen. Es sieht sehr homogen und motiviert aus, was Hannover diese Saison leistet“, lobte Ex-Nationalspieler Stefan Kretzschmar jüngst erst in seiner Funktion als TV-Experte. Selbst die bisher einzige Saisonniederlage gegen die MT Melsungen steckten die Niedersachsen locker weg und gewannen darauf am vergangenen Wochenende 31:28 gegen den SC Magdeburg.

„Unser Selbstbewusstsein ist im Moment sehr groß“, nennt Trainer Carlos Ortega, seit 2017 für die „Recken“ zuständig, einen weiteren Grund für den Erfolg. Der 48-Jährige legt mit seinem Assistenten Iker Romero, 39, viel Wert auf eine konzentrierte Abwehrarbeit. Nicht selten geht es härter als andernorts zur Sache, wenn sich die TSV-Spieler am eigenen Kreis versammeln, um ihre Gegner vom einfachen Wurf abzuhalten. Die beiden, ehemaligen spanischen Nationalhandballer Ortega und Romero sind zudem gewiefte Taktiker, lassen sich im eigenen Angriff manch schlauen Spielzug einfallen. Und haben neben Starspieler Olsen natürlich auch andere gute Männer in ihren Reihen.

Gute Nachwuchsarbeit

Fabian Böhm etwa, linker Rückraumspieler, ist seit längerem bei der deutschen Nationalmannschaft dabei, Rechtsaußen Timo Kastening seit diesem Jahr. Allerdings: Noch sind die Burgdorfer, denen eine hervorragenden Nachwuchsarbeit nachgesagt wird – aktuell zählen sechs im Verein ausgebildete Talente zum Erstligakader –, längst nicht so weit, um all ihre wichtigen Stammkräfte auch dauerhaft an sich zu binden. Dafür reicht der Etat, der in dieser Saison bei rund sechs Millionen Euro und damit im vorderen Mittelfeld der Liga liegt, schlicht nicht aus. So verabschiedete sich zum Beispiel Kai Häfner, deutscher Nationalspieler und das Aushängeschild der vergangenen Jahre, in diesem Sommer lieber nach Melsungen. Den identischen Schritt wird auch Kastening 2020 gehen.

Morten Olsen hat für seine Zukunft andere Reiseziele geplant, nach dieser Runde wechselt er zurück nach Dänemark, um in seiner Heimat die Karriere ausklingen zu lassen. „Es ist neun Jahre her, als ich das erste Mal nach Hannover gekommen bin“, hatte Olsen vor der Saison gesagt, „jetzt ist diese Zeit fast vorbei. Ich habe Bock, eine richtig gute letzte Saison zu spielen in Deutschland, sodass ich mit einem guten Gefühl nach Dänemark zurückgehen kann.“ Es scheint ihm zu gelingen.

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