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Über 200 Meter nicht zu schlagen: Richard Whitehead.

Para-EM

Der perfekte Botschafter

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Der Brite Richard Whitehead macht nicht nur mit seinen Erfolgen auf Behindertensport aufmerksam. sondern hat das große Ganze im Blick

Richard Whitehead sitzt auf dem Vorplatz des Jahn-Stadions und klemmt Schutzpolster an seine künstlichen Beine. Er möchte seine stelzenartigen Prothesen auf dem harten Untergrund zum Bus nicht beschädigen. Whitehead ist gerade federleicht Europameister der Doppelamputierten über 200 Meter geworden, er atmet schnell, Schweiß rinnt seine Wangen herunter. Leute klopfen ihm auf die Schultern, wünschen sich ein Foto mit ihm. „Viele Sportler wollen möglichst viele Medaillen gewinnen“, sagt er. „Aber macht es einen Unterschied, ob man eine oder zwanzig gewinnt? Wichtig ist doch, dass wir junge Menschen für Sport und Bewegung motivieren.“

Richard Whitehead, 42, aus Nottingham ist einer der weltweit bekanntesten Behindertensportler, mit dutzenden Titeln, drei davon bei Paralympics. Man kann dreimal nach seinen persönlichen Hintergründen fragen, doch immer wieder lenkt er das Gespräch auf andere: die Organisatoren, die Trainer, die Konkurrenten. „Ich weiß, das klingt wie ein Klischee. Aber es geht nicht um mich. Ich möchte, dass unsere Bewegung größer wird. Nicht jeder kann und muss Leistungssportler werden. Wir brauchen Betreuer, Sportmediziner und Guides für blinde Athleten. Nur so entstehen Strukturen, die den Sport möglich machen. Alle gehören dazu.“

Es klingt tatsächlich wie ein Klischee. Da sitzt eine gut verdienende, bestens ausgerüstete Werbeikone des britischen Sports auf dem Hosenboden und schwärmt von der Basis, doch seine Biografie gibt ihm Recht. Richard Whitehead möchte nicht Altes wiederholen, sondern Neues erreichen.

Seit der Geburt fehlen ihm beide Beine bis zu den Knien, durch den Sport konnte er Grenzen ausloten. Zunächst im Schwimmen, dann im Cricket, 2006 nahm er mit dem britischen Schlittenhockey-Team an den Winter-Paralympics teil. Whitehead aber wollte seinen Körper weiter testen und andere Netzwerke kennenlernen. So wechselte er spät, mit 28, zur Leichtathletik, anfangs mit Spezialschuhen direkt an den Knien, später mit längeren Beinprothesen.

Whitehead spezialisierte sich auf die Langstrecken. In Rom 2009 bestritt er als erster amputierter Läufer einen Marathon unter drei Stunden. Er setzte sich neue Ziele, zum Beispiel bei Ultramarathons über neunzig Kilometer. Mit jeder Bestzeit blieb er im Gespräch, erhielt Anfragen für Vorträge, Spendenevents und soziale Projekte. In seiner Heimatregion waren Linienbusse mit seinem Foto beklebt.

Doch mit Idealismus allein lässt sich diese Karriere nicht planen. „Die britische Leichtathletik ist straff organisiert und auf Medaillen ausgerichtet“, erzählt Karl Quade, Vizepräsident für Leistungssport beim Deutschen Behindertensportverband. Ausgangspunkt war Olympia 1996 in Atlanta, als die Briten nur einmal Gold gewannen. Die Regierung gründete die Agentur „UK Sport“, die Lotteriemittel an medaillenträchtige Athleten verteilt. Teamsportarten ohne Erfolgsaussichten erhalten nur eine Minimalförderung. In Großbritannien wird das staatliche Geld auf 1200 olympische und paralympische Sportler verteilt – in Deutschland auf 4000.

So erhalten auch paralympische Leichtathleten wie Richard Whitehead, Jonnie Peacock oder Hannah Cockroft bis zu 75 000 Euro im Jahr, ergänzt durch Werbeeinnahmen, insbesondere seit den Paralympics 2012 in London und der TV-Kampagne „Superhumans“. Doch Whitehead möchte den Erfolg nicht auf das Geld reduziert wissen.

Er erwähnt den gemeinsamen Verband „UK Athletics“. Olympioniken und Paralympier trainieren in denselben Gruppen und profitieren von Angeboten in Medizin, Physiotherapie und Marketing. Ausbildungen für Trainer oder Kampfrichter enthalten stets paralympische Inhalte, begleitet von der Universität Loughborough. In Deutschland ist man davon noch weit entfernt. Bundesweit gibt es nur 13 hauptamtliche Trainer in dieser paralympischen Kernsportart.

Die Briten haben 2016 in Rio mehr Medaillen gewonnen als bei ihren Heimspielen, einmalig für einen früheren Gastgeber. Man möchte meinen, dass ein auf Effizienz getrimmtes System den Breiten- und Gesundheitssport hemmt, doch auch das ist in Großbritannien nicht zu beobachten. Studien zeigen, dass nach den Paralympics 2012 und der Para-Leichtathletik-WM in London 2017 neue Sportgruppen entstanden sind und behinderte Menschen zunehmend ins Fitnessstudio gehen. Selbst die „Invictus Games“ für kriegsversehrte Soldaten ziehen Zuschauer und Werbepartner an.

Richard Whitehead ist dafür Botschafter. Er hat sich in den vergangenen Jahren auf die kürzeren Strecken konzentriert und Weltrekorde aufgestellt. „Er ist ein korrekter Typ“, sagt der Berliner Ali Lacin, der am Dienstag über 200 Meter Whitehead deutlich unterlag. „Oft ist es vor dem Rennen sehr still zwischen den Läufern. Aber Richard hat uns immer wieder angespornt.“ Whitehead hat Lacin zu einem Training nach England eingeladen, er möchte sein Wissen weitergeben.

Unter den EM-Organisatoren ist man über das geringe Publikumsinteresse enttäuscht, bislang waren es pro Abend nicht mehr als 2000 Zuschauer. Richard Whitehead lächelt. „Ich bin schon vor weniger Leuten gelaufen. Und wenn jeder Gast es zehn anderen erzählt, sind wir einen wichtigen Schritt weiter.“

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