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Will Energie zum Kult-Klub  machen: Claus-Dieter Wollitz.
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Will Energie zum Kult-Klub machen: Claus-Dieter Wollitz.

Cottbus-Trainer Wollitz

Pele in der Lausitz

Der Trainer von Energie Cottbus, Claus-Dieter Wollitz, würde so gern als kultiger Vorreiter gelten, doch er stößt an Mauern in den Köpfen einiger Fans und wird beschimpft.

Von Christoph Karpe

Soll ich ganz ehrlich sein?“ Claus-Dieter Wollitz sitzt hinter einer verschlossenen Tür in einem kleinen Büro auf der Geschäftsstelle seines Arbeitgebers in Cottbus. Natürlich soll er, unbedingt. „Als 2009 Energie Cottbus einen Trainer suchte und mir das Angebot auf dem Tisch lag, hab ich Freunde und Berater gefragt: Was haltet ihr davon?“, erzählt der 45-Jährige und fügt die Reaktion ohne Pause an: „Ausnahmslos alle haben gesagt: Bist du verrückt!? Tu es nicht! Das ist der Tod deiner Kar riere.“

Was für eine Karriere, ist man geneigt zu fragen. Schließlich war der Trainer damals gerade mit dem VfL Osnabrück aus der zweiten Liga abgestiegen. Egal. Nun, 20 Monate später, sitzt er trotzdem in Cottbus, ? im Trainingsanzug mit dem Namens-Kürzel „CDW“, verwuschelter Frisur, gut gebräunt, aber vor allem: mit Feuer in den Augen und Leidenschaft in der Stimme. Am Dienstagabend gastiert Energie um 20.30 Uhr beim MSV Duisburg im DFB-Pokal-Halbfinale, es geht um den Einzug ins Endspiel und womöglich, falls der FC Bayern der Gegner ist, auch um die Teilnahme im europäischen Wettbewerb. „Pele“, wie sie ihn seit Jahrzehnten nennen, diese einst launige und so genial wie schlampige Mittelfeld-Diva, ist in die Lausitz gekommen, weil ihn „die handelnden Personen vollauf unterstützt haben“.

Ein Cottbus-Spiel soll Spektakel sein

Er spürte Rückendeckung für seine Revolution, die an die von Jürgen Klopp in Dortmund oder Thomas Tuchel in Mainz erinnert und bis heute andauert. Cottbus, das stand früher, zu Zeiten von Trainer Eduard Geyer, der Energie sensationell in die erste Bundesliga getrieben hatte, für Simpel-Fußball: rustikal, hässlich, defensiv. „Als ich damals hier gespielt habe, wusste ich: Mein Gegenspieler nimmt ganz selbstverständlich in Kauf, mich zu verletzten. Spiele in Cottbus waren die Hölle“, erzählt der Vater dreier Töchter. Dabei schätzt er Geyer. „Er ist eine Ikone hier. Was er erreicht hat, mit Energie in Liga eins aufzusteigen, ist unvergessen und nicht hoch genug einzuschätzen. Doch er hatte eine Philosophie, die nicht meine ist.“

Seine Philosophie ist allwöchentlich in der zweiten Bundesliga offensichtlich. Energie, das unter Geyer einmal mit elf Ausländern in der Startformation gespielt hat, kickt jetzt mit jungen, hungrigen deutschen Spielern. Und das mit leidenschaftlichem Offensivdrang. 46 Tore, die zweitbeste Ausbeute aller Teams, stehen zu Buche. Aber weil die Abwehr im ungestümen Vorwärtsdrang dann manchmal die Ordnung verlor, schlug es auch 37 Mal ein. Wollitz nimmt es in Kauf. Wichtig ist ihm die Überzeugung: „Meine Spieler müssen mit dem Selbstbewusstsein agieren, dass sie jeden Gegner schlagen können. Ich will Emotionalität.“

Ein Cottbus-Spiel soll Spektakel sein. Und genau das lebt Wollitz an der Außenlinie vor. Nicht immer geht das gut. Teile der Fans sehen den Trainer durchaus kritisch. Der Mann mit den vollmundigen Sprüchen, der auf DDR-Nostalgie pfeift, nicht mehr in einem „Stadion der Freundschaft“ spielen, sondern lieber die Namensrechte verkaufen will, stößt an Mauern in den Köpfen. Da kann er mitten in Cottbus wohnen - so recht dazu gehört er dennoch nicht. Bis dato. „Ich verstehe nicht, warum man mich auch schon mal als Wessi-Arschloch beschimpft hat“, fragt er. „Ich habe noch nie einen Fan beleidigt. Ist Respekt zu viel verlangt?“

Er wollte schon hinschmeißen. Den Vertrag hat er dann trotzdem bis 2013 verlängert. Zudem ärgert ihn maßlos, dass die Menschen hier dem Verein reserviert gegenüberstehen. Beim 1:0 im Pokal-Viertelfinale gegen Hoffenheim blieb ein Drittel der Tribünenplätze leer. „Was erwarten die Leute denn noch?“ Also schimpfte er in der Stunde des Triumphs über Desinteresse. Sie steht seinem großen Ziel entgegen: „Ich möchte Cottbus zu einem Kult-Klub entwickeln. Aber da müssen alle Seiten mitziehen. Sonst besteht die Gefahr, sich mit diesem Anspruch, lächerlich zu machen.“ Dafür hat er ein Horror-Szenario: „Stell dir vor, wir spielen am letzten Spieltag, einem Sonntag, gegen Oberhausen um den Aufstieg und das Stadion ist nicht ausverkauft. Was für ein Bild, was für eine Blamage.“

Vor der Europa League ist ihm bange

Aber soweit ist es noch nicht, oder kommt es auch nicht. Was zählt, ist das Nahziel. Das heutige Pokal-Halbfinale. Claus-Dieter Wollitz redet darüber nur kurz. Die Finalchance wollen seine Jungs nutzen, natürlich. Er selbst stand als Profi zweimal in einem Endspiel. 1995 unterlag er mit Wolfsburg Borussia Mönchengladbach 0:3, 1996 gewann er den Cup mit Kaiserslautern durch ein 1:0 gegen Karlsruhe. Cottbus verlor im Jahr darauf als Drittligist das Finale 0:2 gegen Stuttgart. Wird er seine Spieler mit den alten Geschichten motivieren? „Olle Kamellen. Ich orientiere mich nicht an der Vergangenheit“, sagt er.

Viel lieber spricht er über die Zukunft. Und übergeht dabei sogar „den ersten Schritt“ in Duisburg. „Wenn wir in Berlin dann das Finale 0:4 gegen den FC Bayern verlieren, dann wären wir nicht schlechter als Werder Bremen im letzten Jahr. Die Spieler können aus solch einem Ereignis so viel Stolz, Selbstbewusstsein und Emotionen mitnehmen.“ Ein Coup wäre natürlich das Nonplusultra und bedeutete zugleich die Europa League. Selbst diesen Fall hat Pele schon durchgespielt. „Weil ich mit allen Eventualitäten, positiven wie negativen, rechnen muss.“ Doch vor der zusätzlichen Belastung ist ihm bange. „Aachen ist nach dem Pokalfinale 2004 in der Saison darauf abgestiegen, Nürnberg erwischte es 2008, nach dem Sieg 2007.“

Also plant er, auch eingedenk dieser Vision, bereits die kommende Saison. Die gut 4,3 Millionen Euro, die Energie Cottbus durch die Siegesserie im Pokal bereits eingenommen hat, will er in Spieler investieren; junge, hungrige. Mit Cottbus möchte er in die erste Liga, unbedingt. Aber beinahe wichtiger ist es ihm, weiter an der Spielkultur zu feilen. „Einen Aufstieg kannst du nicht planen. Da gibt es zu viele Unwägbarkeiten. Eine Spielphilosophie kannst du aber bestimmen.“

Pele hinterlässt Spuren in der Lausitz. Das ist unbestritten. Auch wenn er dabei aneckt. „Ich wünsche mir, dass die Menschen der Region diesen Weg mitgehen, Energie zum Kult machen. Cottbus kann das Aushängeschild des Fußball-Ostens sein“, sagt Wollitz. Und er würde so gern als kultiger Vorreiter verstanden werden.

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