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Interview mit Anti-Dopingexperten

"Pechstein passt nicht in ein Epo-Profil"

Fall Claudia Pechstein: Der Darmstädter Anti-Dopingexperte Klaus Pöttgen äußert im FR-Interview aus medizinischer Sicht im Nachhinein erhebliche Zweifel am CAS-Urteil.

Warum haben Sie als Mediziner und Experte für Blutdoping plötzlich Bauchschmerzen beim CAS-Urteil Claudia Pechstein?

Ich denke, in der Entscheidung gegen die Athletin ist in der ursprünglichen Begründung der Sperre der wissenschaftlichen Basis die Grundlage entzogen worden. Das Urteil des CAS geht im Grunde nur auf den mangelnden Nachweis einer Normvariante oder einer Erkrankung ein und hat zudem die Gutachten von Walter Schmidt und Rasmus Damsgaard offiziell wohl auch nicht mehr zugelassen.

Das sind angesehene Doping-Experten. Die zweifeln auch?

Auch Professor Schmidt von der Uni Bayreuth kommt in seinem dem CAS vorgelegten Gutachten zu dem Schluss, dass die Zellunterfraktionen nicht zu Epo-Doping oder einer Epo-stimulierenden Substanz passen. Hätte man die Daten in den beim Radsportweltverband UCI gültigen Blutpass eingespeist, hätten die Experten hier wahrscheinlich nicht einmal ein Verfahren eröffnet. Bluttransfusionen kommen bei diesen Blutbildern ohnehin nicht in Frage, da sie die Retikulozyten senken. Ich denke, dass Kritiker wie Fritz Sörgel und Werner Franke bei Einsicht aller Unterlagen auch Zweifel hegen würden.

Warum haben Sie ihre Meinung geändert? Anfänglich schien es, als würden Sie auf der Seite der Pechstein-Kritiker stehen.

Damals kannte ich nicht alle Werte. Ich gehe kritisch mit Sportlern um und hinterfrage schon wegen meiner Erfahrung aus dem Triathlon jede Spitzenleistung. Daher halte ich auch den indirekten Dopingnachweis für richtig. Es müssen nur die Blutparameter stimmig sein. Bei Pechstein findet sich isoliert nur ein auffälliger Wert, der allerdings nicht in Epo-Stimulationsprofile jeglicher Art passt.

Warum nicht?

Man hat durch den Fall gelernt, was Retikulozyten sind, junge rote Blutkörperchen. Die Normalwerte liegen bei ein Prozent, der Durchschnitt bei Pechstein lag über neun Jahre bei zwei Prozent. Das ist enorm. In Hamar 2009 wurden bei ihr Werte von über drei gemessen. Nur, dann muss man ganz hinsehen: Es geht um die Unterfraktionen der jungen und reifen roten Blutkörperchen. Bei künstlichem Epo oder einer Epo-stimulierenden Substanz kommt es zu einem höheren Zellvolumen und vermehrten hypochromen (eisenarmen) Zellen sowie Makrozyten. Diese Parameter sind bei Pechstein genau umgekehrt, und es finden sich mehr hyperchrome (eisenüberladene) Zellen. Dies würde eher zu einer milden Spärozytose passen, einer Normvariante.

Eduard Sottas, der ISU-Gutachter, vermutet die Gabe einer hohen Epo-Dosis in Harmar.

International wird seit langem mit Epo nach dem Low-dose-Schema gedopt. Hier werden geringste Mengen gespritzt, um keinen positiven Epo-Test zu haben. Hier steigen die Retikulozyten ja kaum an. Auch Sottas stellt bei Pechstein überwiegend hyperchrome Zellen fest. Und: Für eine Leistungssteigerung macht eine Epo-Stimulation direkt vor dem Rennen gar keinen Sinn. Gutachter bestätigen, dass bei Pechstein über Jahre kein auffälliges Epo-Urinprofil gefunden wurde.

Aber es gibt noch andere Möglichkeiten der Manipulation.

Dann bleiben nur noch sehr gefährliche Substanzen übrig. Der Insulin-ähnliche Wachstumsfaktor (IGF-1) und der Hypoxie-induzierbare Faktor 1 können körpereigenes Epo stimulieren. Dies würde allerdings wieder die Zellen verändern. Und das ist eben bei Pechstein nicht der Fall.

Also ist das CAS-Urteil aus medizinischer Sicht nicht zu halten?

Ich bin nicht derjenige, der Pechstein verteidigt. Und auch kein Jurist. Aber aus medizinischer Sicht bestehen sehr große Zweifel. Es muss beim indirekten Nachweis klar sein, durch welche Substanz oder Manipulation ein solches Bild entstehen könnte. Hier sind für eine Sanktion Ross und Reiter nicht nennbar.

Interview: Frank Hellmann

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