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Will irgendwann noch die Dämonen beim Ironman Frankfurt vertreiben: Triathlet Patrick Lange beim Laufen vor der Skyline.

Patrick Lange

„Ich empfehle, das Handy auszuschalten“

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Der Triathlet Patrick Lange erklärt, warum Sport in der Coronakrise hilft, warum er sich vor fehlenden Dopingkontrollen fürchtet und warum er die Zahlung der Profi-Vereinigung PTO spendet.

Herr Lange, der Coronavirus hat weltweit den Sport infiziert. Veranstaltungen und Wettkämpfe werden überall abgesagt. In Deutschland schließen Schwimmbäder, Turnhallen und Fitnessstudios. Wie erleben Sie diese Situation an ihrem Wohnort Salzburg?

Ich habe den Eindruck, dass die österreichische Regierung gut und angemessen mit den Gegebenheiten umgeht, um die Bevölkerung zu schützen. Ich finde, dass Sport jetzt einfach mal eine Nebensache sein muss. Die Prioritäten müssen anders gelagert sein. Auch wir Profisportler müssen uns alle zurücknehmen, um das Wohlergehen gerade der Älteren und Schwächeren in unserer Gesellschaft zu schützen. Es geht um mehr als den Sport.

Was tun Sie?

Ich versuche mich weitgehend aus der Öffentlichkeit rauszuziehen, indem ich möglichst nicht zu viel rausgehe.

Seit Wochenanfang ist auch noch die deutsch-österreichische Grenze geschlossen.

Tatsächlich hat das auf mich und meine Frau sehr persönliche Einschränkungen, weil wir diese Woche aus persönlichen Gründen nach Deutschland fahren wollten. Das war ein privat sehr wichtiger Termin, aber solchen Entscheidungen müssen auch wir uns fügen.

Sind in Salzburg eigentlich auch die Supermärkte überfüllt und die Regale leer gefegt?

Wenn ich mit meiner Frau Julia einkaufen gehe, stelle ich fest, dass die Leute hier sehr besonnen mit der Situation umgehen. Es gab keine langen Schlangen, und Hamsterkäufe oder leere Regale haben wir auch nicht gesehen.

Sie haben gesagt, Sie halten sich mehr im Hause auf. Aber ein Triathlet muss doch jetzt auch zum Schwimmen, Radfahren und Laufen gehen.

Normalität ist es nicht. Das fängt beim Schwimmen an: Die Schwimmbäder sind geschlossen, das Leistungszentrum ist zu. Ich habe tatsächlich keine Möglichkeit derzeit, um zu schwimmen, weil ich kein Wasser habe. Ich könnte in einen See gehen, der ist aber bei fünf Grad noch ziemlich frisch (lacht). Von daher versuche ich den Schwimmbereich durch Kraft- und Stabilisationstraining auszugleichen. Radfahren und Laufen kann ich normal weiterführen, denn an meiner Lust am Sport hat sich nichts geändert. Ich möchte gerade bei dem herrlichen Wetter ermutigen, weiter Sport zu treiben – das ist sogar super wichtig. In dieser Krise liegt auch eine Chance. Denn wir sind alle angehalten, angemessen mit der Situation umzugehen, mal innezuhalten und runterzufahren. Ich empfehle, das Handy bewusst auszuschalten, rauszugehen und aktiv zu werden. Mir persönlich tut Bewegung an der frischen Luft gut.

Aber Sie meiden Kontakte, oder?

Das Radfahren mache ich jetzt alleine, ich gehe danach nicht zusätzlich mit Freunden einen Café trinken, besuche kein Theater oder Kino. Ich bin froh, dass wir uns noch nicht den ganzen Tag im Haus einbuddeln müssen. Ich weiß über einen Sponsor aus Italien, dass es dort noch einmal ganz anders aussieht. In Österreich ist die Ansage, dass wir nur mit jenen Menschen beispielsweise zum Spaziergang das Haus verlassen, mit denen wir zusammen wohnen.

Fühlen Sie sich als Triathlet ein Stück weit privilegiert im Vergleich zu Fußballern, die nicht mehr zusammen spielen dürfen?

Na ja, die Jungs legen ja nicht wochenlang die Füße hoch, sondern sie können jetzt gezielt an Schwächen arbeiten, um zum Beispiel mit einem Stabilisationsprogramm den Rücken zu stärken. Aber natürlich ist es für Fußballer jetzt ungewohnt, mehr Zeit auf der Gymnastikmatte zu verbringen, Rad zu fahren oder zu laufen.

Welche Umfänge spulen Sie in der Woche ab?

350 bis 500 Kilometer auf dem Rad, beim Laufen sprechen wir von 80 bis 100 Kilometer. Mir macht aber noch etwas anderes Sorgen.

Was denn?

Mich würde mal interessieren, wie es mit den Dopingkontrollen weitergeht? Die Grenzen werden geschlossen, wie werden sozial isoliert. Ich habe auch Angst, dass schwarzen Schafen jetzt Tür und Tor geöffnet ist. Das ist zwar ein sportspezifisches Problem, aber ansprechen möchte ich es, wenn auch die Kontrolleure nicht reisen können. Es könnte Sportler geben, die sich diese Situation mit Betrug zunutze machen könnten. Ich habe mir kürzlich beim Radfahren vorgestellt, dass der komplette Leistungssport gerade ohne Kontrollen dasteht.

Sie haben sich von Trainer Faris Al-Sultan getrennt und arbeiten mit Björn Geesmann zusammen. Wie läuft das?

Wir haben zwei sehr erfolgreiche Monate hinter uns. Ich hätte allergrößte Lust gehabt, das Training das erste Mal auf der Wettkampfstrecke zu zeigen, aber verständlicherweise ist der für Ende März vorgesehene Challenge Salou in Spanien abgesagt worden. Ich wäre physisch und psychisch bereit gewesen, um einen guten Wettkampf zu bestreiten..

Wie sind die nächsten Pläne?

Zur Person

Patrick Langehat 2017 und 2018 den Ironman Hawaii gewonnen, ehe er im vergangenen Jahr gesundheitlich angeschlagen aussteigen musste. Danach trennte sich der 33-Jährige von seinem Trainer Faris Al-Sultan und wird nun von Björn Geesmann betreut. Mit seiner Frau Julia lebt der in Bad Wildungen geborene und für DSW Darmstadt startende Triathlet inzwischen in Salzburg. In diesem Jahr will er sich in die Weltspitze zurückkämpfen.

Die nächste Mitteldistanz wäre am 17. Mai ein Rennen in Bled/Slowenien, das noch nicht abgesagt ist. Von mir in Salzburg sind nur zwei Stunden. Aber es ist fraglich, ob das stattfindet.

Hilft es bei der Aufrechterhaltung der Motivation, dass der Ironman Hawaii im Oktober 2020 noch weit entfernt liegt?

Definitiv. Alles steuert auf diesen Ironman hin, zumal ich zum Kreis der Athleten gehöre, die auf Hawaii gut funktionieren. Aber was mit solchen Sportevents wird, ist gerade vollkommen ungewiss. Nicht nur für die Profis, sondern auch die Agegrouper, die sich auf der ganzen Welt übers Jahr qualifizieren. Für Kona hätte man theoretisch die Möglichkeit, den Termin zu verschieben. Sogar Weihnachten wäre eine Option.

Wie würde sich eine Hawaii-Absage auswirken?

Sportlich wäre das traurig, wirtschaftlich wäre das auch für mich nicht schön, ganz klar. Aber ich mache mir weitaus weniger Gedanken um mich, als um die vielen kleineren Betriebe, die um die Existenz bangen. Da sind ganz andere Menschen viel härter betroffen als ich.

Bitter könnte eine Absage für den Challenge Roth werden, wo die ersten Drei bei Männern und Frauen vom Ironman Hawaii verpflichtet sind. Darunter mit Jan Frodeno und Anne Haug die beiden Weltmeister. Hatten Sie auch ein Angebot?

Mein Management hat regelmäßigen Kontakt mit dem Veranstalter aus Roth. Es besteht beiderseits das Interesse, dass ich irgendwann mal in Roth starte, aber nicht dieses Jahr. Ich habe das Gefühl gehabt, dass ich auch dort mit offenen Armen empfangen worden wäre, aber durch meinen Trainerwechsel wollte ich Zeit gewinnen. Sonst hätte ich im Frühjahr einen ganzen Ironman für die Hawaii-Qualifikation machen müssen. Natürlich will man da sein, wo die Musik spielt, aber diese Planung war zu knapp.

Was sollte denn im Sommer ihr Rennen sein?

Geplant war ein deutschsprachiger Ironman. Also kann sich ja jeder ausrechnen, dass es um Hamburg, Frankfurt oder Klagenfurt geht. Eigentlich wäre am 30. März eine Pressekonferenz geplant gewesen, die inzwischen auch abgesagt ist. Wir hängen jetzt alle in der Luft.

Warum zögerten Sie mit einer Zusage bei Frankfurt: Weil bei Ihrem Heimrennen so viel schiefgegangen ist?

Ich habe immer noch Lust zu zeigen, dass es dort funktioniert, auch wenn es die letzten drei Jahre nicht so gelaufen ist, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich traue mir definitiv zu, meine Dämonen in Frankfurt noch zu besiegen (lacht).

Es ist zu hören, dass Jan Frodeno, Anne Haug oder Sebastian Kienle in Roth hohe Antrittsgelder bekommen sollen. Vermissen Sie seitens der Ironman-Organisation diese Wertschätzung?

(überlegt lange). Ich habe nicht den Eindruck, dass meine Leistung von Ironman zu wenig wertgeschätzt wird. Ich habe mich in Frankfurt immer adäquat behandelt und bezahlt gefühlt. Ich glaube auch nicht, dass es nicht gerecht ist, Roth als Cashcow hinzustellen – die haben mehr zu bieten als pures Geld. Es geht um ein traditionsreiches Rennen mit tollen Fans und Stimmung ohne Ende und nicht darum, was bei den Topathleten zwischen Daumen und Zeigefinger steckt!

Aber auch Triathlon ist mittlerweile ein großes Business. Die Professionell Triathlon Organisation (PTO) hat Interesse hinterlegt, die Ironman-Sparte zu übernehmen, Ferner will diese Vereinigung einen Kontinentalwettkampf auf der Mittelstrecke ausrufen, der den jeweils besten vier Triathleten aus Europa, Nordamerika und dem Rest der Welt große Summen garantiert. Wie stehen Sie dazu?

Die Grundidee einer Athletengewerkschaft ist zu begrüßen, weil es längst überfällig ist. Das geht auf jeden Fall in die richtige Richtung. Aber auf der anderen Seite stehe ich einem Format wie dem neuen Collins-Cup kritisch gegenüber. Der Veranstalter lockt zwar mit großem Geld, aber das müsste besser verteilt werden. Aufgrund meiner durchwachsenen Saison 2019 stehe ich in dem Ranking zu weit hinten. Generell hat ein Profi aus der zweiten und dritten Reihe gar keine Chance, davon zu profitieren. Das ist kein solidarischer Ansatz, den Triathlon nach vorne zu bringen.

Jetzt ist publik geworden, dass die PTO sofort 2,5 Millionen Dollar unter den besten Triathleten und Triathletinnen verteilen will. Es soll eine direkte Reaktion auf die Zwangsrennpause sein. Aus einem Bonusprogramm wären am Saisonende gemäß der Rangliste ohnehin zwei Millionen verteilt werden, nun gibt es sofort eine halbe Million mehr.

Zunächst gilt es hervorzuheben, dass die PTO durch die Auszahlung finanzieller Mittel an Athleten beispielhaft vorangeht. Die Coronakrise stellt uns Athleten vor die Frage, wie wir uns in den kommenden Wochen und Monaten finanzieren können, wenn über Teilnahme an Rennen keine Einnahmen generiert werden können. Trotz dieser Maßnahme der PTO frage ich mich, ob die Verteilung in der derzeitigen Form die tatsächliche wirtschaftliche Bedürftigkeit widerspiegelt.

Die Erstplatzierten der Rangliste, Jan Frodeno und Daniela Ryf, sollen 100 000 Dollar erhalten und für diejenigen auf den Plätzen 51 bis 100 sind 5000 statt 2000 Dollar vorgesehen.

Meiner Meinung nach gilt es in Zeiten wie diesen, diejenigen finanziell zu unterstützen, die am bedürftigsten sind. In der Regel ist es in unserem Sport so, dass die Ranglisten-Ersten weniger finanzielle Probleme haben als neu aufstrebende Athleten. Ich bin aufgrund meiner Erfolge, Preisgelder und Sponsoreneinnahmen aus den vergangenen Jahren finanziell sehr gut abgesichert, auch ohne Rennteilnahmen in den kommenden Monaten. Für die Mehrheit der Profi-Triathleten sieht das jedoch anders aus und die aktuelle Krise wird für einige von Ihnen eine existentielle Bedrohung darstellen. Eigentlich sollten diese finanziell weniger gut dastehenden Athleten die größte Zuwendung aus einer Athletengewerkschaft erhalten. Aufgrund meiner sportlich verkorksten Saison 2019 bin ich aktuell nicht in den Top 50 der Weltrangliste. Trotzdem werde ich eine finanzielle Zuwendung durch die PTO erhalten. Dieses Geld werde ich zu 100 Prozent an eine gemeinnützige Organisation spenden, die sich der Erforschung und Bekämpfung des Coronavirus gewidmet hat.

Interview: Frank Hellmann

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